Stephan Rügamer und Roman Trekel bei der Fotoprobe Mord an Mozart in der Staatsoper im Schiller Theater (QueStephan Rügamer und Roman Trekel bei der Fotoprobe Mord an Mozart in der Staatsoper im Schiller Thealle: imago/Future Image)
Audio | 29.01.2016 | Maria Ossowski

Premierenkritik | "Mord an Mozart" in der Staatsoper - Wirrungen im dramaturgischen Labyrinth

Eine Violinistin verkleidet als Albert Einstein, Atombomben und Syrienkrieg auf der Videoleinwand, und ein kopfüber hängender Mozart - von allem gab es etwas zu sehen und zu hören zur Premiere von "Mord an Mozart" in der Staatsoper am Schillertheater. Aber warum das Ganze, fragt sich Kultur-Kritikerin Maria Ossowski.

Welch schöne Idee, die wir alle erst einmal hundertprozentig nachvollziehen können: Da versammelt eine gebildete Regisseurin – mit Namen Elisabeth Stöppler - ein paar große Genies der Menschheitsgeschichte in einem Stück: Mozart, Jesus und Einstein. Und dann fragt sie sich und uns, weshalb das Mittelmaß und der Hass am Schluss immer siegen müssen, obwohl das Göttliche dank dieser Genies doch jederzeit möglich sein sollte. Wie gesagt, eigentlich eine kluge Idee.

Der knapp zweistündige Abend beginnt mit Rimsky-Korsakov, der hat eine kleine Oper nach der Puschkinerzählung "Mozart und Salieri" verfasst. In dieser, wir kennen das aus Milos Formans Film "Amadeus", muss Salieri Mozart töten, weil ein solches Genie uns Durchschnittsmenschen alle viel zu tief sinken lässt.

Von allem etwas, aber nichts so richtig

Mozart stirbt. Jesus kehrt in Dostojewskis Brüdern Karamasov zurück auf die Erde und fällt dem Großinquisitor in die blutigen Hände. Der will ihn als Querulanten verbrennen und muss ihn ziehen lassen, denn Jesus entzieht sich jeder Gerichtsbarkeit. Angela Winkler, das noch immer mädchenhafte Schaubühnen-Urgestein, liest und spielt diesen herrlichen Text.

Allen guten Ideen, dem sportlichen Mozart des Stephan Rügamer, dem fahlverzweifelten Salieri Roman Trekels und der alterslosen Angela Winkler zu Trotze macht sich jetzt in der Brust der Kritikerin eine gewisse Unruhe breit. Mozart tot, Jesus lebt, Mozarts Musik lebt auch, aber hier erklingt Schostakowitsch, den wiederum Stalin schurigelte. Zwischendurch fragt Albert Einstein Sigmund Freud, warum die Menschen Krieg führen müssen, in einem zu Herzen gehenden Brief aus dem Jahre 1932, den Freud entgegen sonstiger Gepflogenheiten sehr simpel damit beantwortete, dass das eben der Zerstörungstrieb sei. Und dazu spielen auf der Bühne junge Musiker Schostakowitschs Streichquartett.

Sie spielen wirklich hinreißend, aber spätestens jetzt geht der Blick diskret zur Uhr, fragend ins Programmheft und verunsichert zum Nachbarn. Alles gut gemeint, aber was bitte soll das Ganze? Wo endet das dramaturgische Labyrinth? Da explodieren auf der Bühne lauter nette kleine Ideen: Die Konzertmeisterin spielt ihre Geige als Einstein verkleidet, sie streckt die Zunge raus. Salieri fragt auf Tafeln mit Nietzsche, ob Gott jetzt tot ist. Mozart klettert auf einen Rahmen und hängt mit verschränkten Beinen Kopf über. Ein bisschen Atombomben und Syrienkrieg mahnen videoprojiziert, was so alles passiert auf der Welt. Und Mozarts Requiem von David Coleman erklingt zeitgemäß verändert. Aber: So what? Erklärt sich so verkopft das Geniale, das Göttliche? 

Mozart stirbt nie

Mozart erblickte vor 260 Jahren am 27. Januar das Licht der Welt. Abends wollte die Staatsoper ihn mit dieser willkürlichen Assoziationskette unter dem Titel "Mord an Mozart" huldigen. Mit seinem großen Requiem, gespielt von der gesamten Staatskapelle, die aber leider gerade mit Daniel Barenboim durch Asien tourt, wäre das Geniale sehr viel besser hör- und fühlbar geworden.

So schreibt die Kritikerin ihren Unmut ins iPad, spricht ihn fürs Radio ein, öffnet einen guten Rotwein und klickt die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker an. 1999 hat Claudio Abbado Mozarts Requiem dirigiert. Das ist göttlich, das ist genial, und das erklärt, warum Mozart allen Mordgerüchten zum Trotze niemals sterben wird. 

Beitrag von Maria Ossowski