ARCHIV - Das gusseiserne Denkmal für den deutschen Reformator Martin Luther (1483-1546) auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, aufgenommen am 31.10.2011 (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 01.01.2016 | Ulrike Bieritz

Ausblick auf das Reformationsjubiläum 2016/2017 - Kein Vorbeikommen an Martin Luther

Ein Ereignis, das nicht nur die Kirche, sondern die Welt nachhaltig veränderte: Vor fast 500 Jahren - am 31. Oktober 1517 - schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche Wittenberg. Das Jubiläum wird ab Oktober 2016 gefeiert. Ulrike Bieritz ist der Frage nachgegangen, warum die Reformation immer noch ein denkwürdiges Ereignis ist.

Fragt man heute, rund 500 Jahre nach dem Thesen-Anschlag Martin Luthers, nach der Reformation, fällt vielen gleich etwas dazu ein: "Reformation? Na, das ist von der Kirche", "Luther natürlich", "Die Bibelübersetzung, dadurch haben wir alle lesen gelernt", "Lutherstadt. Die Thesen", oder einfach: "Luther war schon gut".

Reformation ist offensichtlich aktuell - und wenn sie gefeiert wird, kann es daher auch schon mal poppig klingen. Der Musikproduzent Dieter Falk hat mit Unterstützung der Evangelischen Kirche "Luther - das Pop-Oratorium" geschrieben. Ab Januar 2017 geht das Projekt der Stiftung kreative Kirche auf Deutschlandtour. Schon jetzt können sich Chöre bewerben, wenn sie in ihrer Heimatstadt mitsingen wollen. In Berlin wird es der 29. Oktober 2017 sein - gesungen wird in der Mercedes–Benz-Arena.

Lutherstube mit einer Bibel im Lutherhaus in Eisenach (Quelle: imago/epd)
Das Lutherhaus in Eisenach

Niemand kommt an Luther vorbei

Luther auf Tassen, Schlipsen, Socken oder als Playmobilfigur: Es gibt nichts, was es nicht geben wird. 71 Ausstellungen sind geplant, Luther-Rad- und Wanderwege wurden gebaut, es gibt spezielle Führungen und Reisen, die Wirkungsstätten Luthers sind bereits frisch renoviert und neu gestaltet, Giacomo Meyerbeers Oper "Der Prophet" kommt in Berlin zur Aufführung. Kurzum: Niemand soll und wird an Luther und dem Reformationsjubiläum vorbeikommen.

Das hoffen zumindest die, die seit Jahren mit den Vorbereitungen befasst sind. Astrid Mühlmann, Geschäftsführerin der Staatlichen Geschäftsstelle "Luther 2017", gibt einen Einblick: "Der eine sagt: Sprache - das ist das, was wichtig ist. Der andere sagt: Die persönliche Freiheit - darauf müssen wir uns konzentrieren. Oder: die Entwicklung der Menschenrechte über Aufklärung über die Französische Revolution hinweg, darauf müssen wir uns konzentrieren", so Mühlmann. "Man merkt, es gibt viele individuelle Ansatzpunkte." Im Reformationsjubiläum 2017 können nun jeder für sich den Punkt entdecken, der ihm an der Reformation besonders ins Auge falle.

Reformations-Truck zieht durchs Land

Und das ist auch schon 2016 und vor allem im Ausland möglich. Im November schickt die Evangelische Kirche ihren Reformations-Truck auf Reisen. "Ein großer Lkw, eine Art Veranstaltungs-Tourbus, fährt durch ganz Europa und fragt in 69 Städten: Was ist heute dran an Reform und Reformation in eurer Stadt, in userem Land, in unserer Kirche?" Das ist die Botschaft, mit der Margot Käßmann im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Jubiläum werbend durch die Welt zieht.

Für Käßmann bedeutet Reformation auch Erneuerung - und daher auch die Frage, wo man jetzt mit seinen Werten stehe. "Bei der Reformation geht es ganz stark um Haltung: Lass dich nicht ängstigen, lass dich nicht bedrücken, du bist in Glaubens- und Gewissensfragen frei", so Käßmann. "Und dann zu fragen: Was sagt mir mein Gewissen heute? Wo habe ich Verantwortung zu übernehmen? Das ist eine ganz aktuelle Frage."

Luther im Schulunterricht

Doch gilt das auch für Jugendliche, zum Beispiel an einem Berliner Gymnasium? "Das erste, was man vor Augen hat, ist dieses Bild, auf dem man ihn mit dieser Mütze sieht. Und dann die Bibel an sich, weil da steht ja oben drauf: Lutherbibel", sagt eine Schülerin des Gymnasiums zum Grauen Kloster, einem evangelischen Gymnasium mit humanistischem Bildungsschwerpunkt. 1574 wurde es als Bürgerschule gegründet und ist das erste und älteste Gymnasium Berlins.

"Ein Mönch, der sich vor dem Reichstag in Worms behauptet hat und seine eigene Meinung bis zum Ende vertreten hat", meint ein anderer Schüler. "Ja, er hat ja auch die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit die einfachen Leute auch verstehen, was in der Bibel gesagt wird", ergänzt eine weitere Schülerin des Gymnasiums.

Auf die Frage, was sie denn über Martin Luther wissen, fällt diesen Achtklässlern auf Anhieb eine ganze Menge ein. Allerdings ist das auf dieser Schule nicht ganz verwunderlich. Ihren reformatorischen Wurzeln ist das Gymnasium zum Grauen Kloster bis heute treu geblieben. Die Schülerinnen und Schüler bekommen gleich zur Einschulung eine Bibel geschenkt. Religionsunterricht ist ein Pflichtfach.

"Wir gehen auch auf problematische Dinge ein"

Und auch der Reformationstag spielt eine besondere Rolle im Lehrplan, erklärt Thomas Gärtner, Religionslehrer und Schulpfarrer am Grauen Kloster. So werden viele Gottesdienste, auch ein Schulgottesdienst am Bußtag, gefeiert. Am Reformationstag werden auch Ausflüge gemacht, die im weitesten Sinne mit Reformation zu tun haben - in die Klosterstraße in Berlin-Mitte oder nach Wittenberg. "Wir gehen aber auch auf sehr problematische Dinge ein", betont Gärtner. "Die zehnte Klasse war in der Ausstellung 'Luther und die Juden' in der Sophienkirche. Im Rahmen des Stadtspiels in Wittenberg haben wir die Kinder auch nach der berühmten Judensau am Turm der Schlosskirche suchen lassen. Bei uns wird auch diese antisemitische Tradition aufgearbeitet."

Wir können von Martin Luther lernen, dass wir keine Angst haben sollten, irgendetwas Neues zu begründen.

Schülerin

Lernen von Luther

Der Ansatz von Thomas Gärtner und seinen Kollegen, die Geschichte der Reformation auf Schulausflügen erlebbar zu machen, kommt bei den Schülern gut an. An ihren Besuch in Wittenberg vor einem Jahr können sich die Achtklässler jedenfalls noch lebhaft erinnern. Hat Luther ihnen heute noch etwas zu sagen – taugt er noch zum Vorbild? "Ja", sagt eine Schülerin. "Weil er für seine Sache gekämpft hat. Er hat einiges auf sich genommen, ihm wurde der Bann angelegt, er war vogelfrei, er hätte getötet werden können, er hat trotzdem weiter gemacht. Er hat seine Thesen nicht widerlegt, er hat für seinen Glauben und für sich gekämpft und ich glaube schon, dass das Vorbild ist."

Eine andere Schülerin erwidert: "Für manche Menschen schon, vielleicht für Mönche, aber naja, so ein richtiges Vorbild? Also nicht aufzugeben ist wahrscheinlich die große Botschaft."

Ein anderer Schüler sagt: "Wir können von Martin Luther lernen, dass wir keine Angst haben sollten, irgendetwas Neues zu begründen."

Angesichts islamistischen Terrors und Bürgerkrieg seien von Luther aufgeworfene Fragen ganz aktuell, so Thomas Gärtner. "In der gegenwärtigen Situation geht es um Freiheit, und deswegen ist uns besonders wichtig, dass wir hier auch nochmal besonders auf die lutherische Gewissensfreiheit eingehen, jetzt angesichts der aktuellen Ereignisse in Syrien." Es sei wichtig, sich klarzumachen: "Was ist Religion? Inwieweit ist Religion noch etwas, was uns zu freien Menschen macht? Und ich denke, dass da die Reformation wichtige Dinge getan hat."

Luthers Bibel reloaded

Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt und schon zu seinen Lebzeiten immer wieder überarbeitet. Bis heute ist immer wieder Hand an den Text gelegt worden - die neueste Überarbeitung erscheint offiziell am 30. Oktober. Sie wird auf der Wartburg in Eisenach übergeben. Also an dem Ort, an dem Luther das Neue Testament übersetzt hat. An der Spitze eines 50-köpfigen Teams aus Fachleuten aller Professionen stand der Leipziger Neutestamentler und Thüringer Altbischof Christoph Kähler. 36.000 Verse habe man sich in Zusammenhang mit der Bibel angesehen. Einschließlich der Apokryphen wurden 16.000 Verse geändert. Kähler räumt ein, dass zum Beispiel auch die Veränderung von einem Komma zu einem Semikolon dazu zählt.

In vielen Fällen sind die Experten wieder zum ursprünglichen Luthertext zurückgekehrt, es wurde nichts modernisiert oder gentrifiziert. "Wir müssen an der Stelle redlich bleiben und nicht das, was wir heute an Idealen haben, in die Bibel eintragen, sondern müssen sehen, das die Bibel Teil ihrer damaligen Kultur war." Und da hätten nun einmal Männer das Sagen gehabt.

Luther hat es nur bis Bad Belzig geschafft

Es sei eine Lutherbibel geworden, die auch nach Luther klinge, freut sich Kähler. Er hoffe auf eine Rückbesinnung auf deutsche Traditionen, "die wichtig sind, um auch zu sagen, wenn Fremde hierher kommen, wo lebt ihr und was ist die Kultur, die euch jetzt willkommen heißt und in dieser Kultur aber zu sagen, wir haben diese guten Traditionen. Das ist wichtig und zu diesen wichtigen und zentralen Traditionen deutscher Sprache gehört die Lutherbibel einfach dazu."

Eine Tag später, am 31. Oktober 2016, wird dann mit einem Festgottesdienst in der Berliner Marienkirche und anschließendem Festakt das Reformationsjubiläumsjahr offiziell eröffnet. Dabei war Luther selbst gar nicht in Brandenburg oder Berlin, weiß der Reformationsbeauftragte der Evangelischen Landeskirche Berlin- Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Bernd Krebs. Demnach kam Luther nur bis Bad Belzig, wo er Anfang 1530 die Gemeinde besuchte, um nach dem Rechten zu sehen: Was wird gepredigt? Sind die Kirchbücher in Ordnung? Und das trotz Widerstands des damaligen Oberen, meint Krebs: "Wenn es nach Kurfürst Joachim I. gegangen wäre, hätte man Luther verbrannt und diese ganze aufrührerische Bewegung mit kaiserlichen Truppen niedergeschlagen."

Auf Luthers Spuren in Brandenburg

Seit fast zehn Jahren wird das Reformationsjubiläum vorbereitet. Stand am Anfang der Reformator selbst im Mittelpunkt, wird er inzwischen sehr viel kritischer gesehen. Auch so mancher Mythos, der sich um den Reformator rankt, wird ausgeräumt: Die 95 Thesen hat er nicht an die Schlosskirchentür genagelt. Ob er wirklich in einem Gewitter geschworen hat, Mönch zu werden, ist historisch nicht belegt - genauso wenig wie die Sache mit dem Tintenfass, das er angeblich auf der Wartburg nach dem Teufel geworfen hat.

Ich denke, dass wir auch gelernt haben, dass es nicht nur um Luther geht. Es geht um Reformation als breites europäisches Geschehen.

Margot Käßmann

Es geht nicht nur um den Reformatorhelden

Reformationsbotschafterin Margot Käßmann findet es gut, dass Martin Luther im Jubiläumsjahr nicht als Reformatorheld auf den Thron gestellt wird, sondern gezeigt wird, dass er vieles "Großartiges" geleistet hat: wie zum Beispiel "seine Sprachkraft, überhaupt sein Schaffen der deutschen Sprache". Aber auch seine Schattenseiten werden thematisiert, wie die Judenfeindschaft, "weil wir nicht nahtlos an 1917 anknüpfen können ohne auch den Holocaust zu sehen und das Versagen unserer Kirche, Juden zu schützen", sagt Käßmann.

Sie sei sehr dankbar, dass die Evangelische Synode in Deutschland sich klar von Luthers Judenschriften distanziert habe. "Das heißt aber nicht, dass wir nicht Reformation feiern können. Ich denke, dass wir auch gelernt haben, dass es nicht nur um Luther geht. Es geht um Reformation als breites europäisches Geschehen." Schon Jan Hus hätte 100 Jahre vorher ähnliche Ideen gehabt. Oder auch Zwingli und Calvin haben einen enormen Beitrag zur globalen Bedeutung der Reformation geleistet. "Ich freue mich darüber, dass wir lange diskutiert haben und jetzt sehen: Wir feiern Reformation als Prozess. Luther bleibt aber Symbolfigur. Luther ist schon die Figur. Aber auch er hat gesagt, der Mensch ist immer Sünder und Gerechter zugleich, jeder Mensch hat Fehler."

ARCHIV - In der Ausstellung «Bild und Botschaft. Cranach im Dienst von Hof und Reformation» betrachten zwei junge Frauen am 26.03.2015 im Herzoglichen Museum in Gotha (Thüringen) das Gemälde "Gesetz und Gnade" von Lucas Cranach d. Ä., gemalt 1529 (Quelle: dpa)
Unter dem Titel "Here I stand" finden 2016 in drei US-Städten Luther-Ausstellungen statt

Drei Luther-Austellungen in den USA

Für die staatliche Seite erklärt auch Astrid Mühlmann, dass Luther nicht als Person gefeiert werden soll. Es gebe genügend Dinge, die nicht feierwürdig sind und "das ist schon freundlich ausgedrückt". Mühlmann räumt aber ein, dass er auf der anderen Seite das Gesicht der Reformation war. "Wenn man auf die Straße geht und ein Porträt zeigt, dann gibt es viele Leute, die sagen: Ja, der war in meinem Geschichtsbuch drin. Luther - das war der mit den Thesen."

Und das ist der, der am Ende die Besucher nach Deutschland und an die Lutherstätten Eisenach, Mühlhausen, Eisleben und eben Wittenberg locken soll. Und zwar aus der ganzen Welt - vor allem auch aus den USA.

Viele Besucher würden aus den USA anreisen, sagt Mühlmann. Aber auch dort werde das Reformationsjubiläum gefeiert. Ab Oktober dieses Jahres finden drei Ausstellungen unter dem Titel "Here I stand" in New York, Minneapolis und Atlanta statt. Gezeigt werden historische Stücke, wie zum Beispiel aus den Luthergedenkstätten: Etwa einen Brief Luthers an Kaiser Karl V., in dem der Reformator seine Weigerung, auf dem Reichstag zu Worms zu widerrufen, begründet.

Und was bleibt, wenn das Jubiläumsjahr am Reformationstag 2017 zu Ende ist? Margot Käßmann hat den Wunsch, dass die Menschen am 1. November 2017 "nicht ermattet in die Kissen sinken und sagen: Uff, es ist geschafft". Vielmehr erhofft sie sich eine Aufbruchsstimmung, und dass das Jubiläum viel Mut gegeben hat, "Kirche im 21. Jahrhundert zu sein". "Mit großer Hoffnung ist am Ende jeder Fan der Reformation, weil er nämlich genau den Teil der Reformation für sich entdeckt hat, der ihm etwas bedeutet", sagt Astrid Mühlmann.

Beitrag von Ulrike Bieritz

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