Die Künstlerin Nelly Toll steht am 25.01.2016 in Berlin in der Ausstellung «Kunst aus dem Holocaust - 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem» im Deutschen Historischen Museum. Die Bilder werden vom 26. Januar bis 3. April 2016 gezeigt (Quelle: Britta Pedersen/dpa)

Werke jüdischer Künstler aus Yad Vashem in Berlin - Zitronenfalter auf dem Stacheldraht

Sie sind wahre Schätze: 100 der wichtigsten Kunstwerke aus der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel sind ab Dienstag im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Sie sind zwischen 1939 und 1945 entstanden als Gedenken für die Opfer der Shoah. Auch ein großer Teil der Künstler gehört dazu. Von Maria Ossowski

Es scheint zunächst wie ein unauflöslicher Widerspruch. Hier der Abgrund der Bösartigkeit, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte: die Shoah. Und dort, mittendrin das Zivilisierteste, Kultivierteste, was der Mensch schaffen kann: die Kunst. 6.000 Kunstwerke von Malern, Grafikern, Zeichnern und Dichtern bilden den Kern im Kunstmuseum Yad Vashem, 100 der Besten hat die Erinnerungsstätte dem Deutschen Historischen Museum (DHM) ausgeliehen.

Sie sind die größten Schätze, denn jedes Bild erzählt drei Geschichten: die Biografie des Künstlers, die Geschichte des Werkes und die Erzählung auf dem Bild. Und über allem steht der Geist der Kunst.

"Am Ende des Tages wird uns die ganze Bedeutung dieser Kunst bewusst", sagt der Vorsitzende von Yad Vashem, Avner Shalev. "Der menschliche Geist, die Menschlichkeit leben durch die Kunst weiter, sie sind stärker als alle Grausamkeiten, die in der Shoah passierten, stärker als der Tod, stärker als all die Katastrophen, die die Opfer im Alltag ertragen mussten." Die Bilder sagten: "Wir sind jenseits der Welt. Wir werden sterben. Aber was wir der Welt hinterlassen, das wird überdauern." 

"Ihr könnt uns ermorden, aber ihr könnt nicht unsere Kreativität töten"

Die Bilder stammen aus den Jahren 1939 bis 1945. Nur die Hälfte der jüdischen Künstler hat den Holocaust überlebt. Trotz des Hungers, der Qualen und des drohenden Todes zeigen diese Bilder eine wunderbare poetische Kraft und einen Lebenswillen.

"Diejenigen, die nicht überlebt haben, kommen heute zurück mit ihren Bildern", erklärt der Kurator Walter Smerling. "Und diese Bilder sagen uns eins: Ihr könnt uns ermorden, ihr könnt uns fesseln, ihr könnt uns demütigen. Aber eines könnt ihr nicht: Unsere Seele und unsern Geist haben und unsere Kreativität töten."

Kurt Löw war Textildesigner aus Wien, Karl Bodek technischer Zeichner aus Czernowitz. Beide malten im südfranzösischen Lager Gurs Postkarten. Eines ihrer Motive bildet Titelbild und das Plakat der Ausstellung: Hinter Zaun und Stacheldraht geht der Blick über die brutale Wirklichkeit hinaus. "Auf dem Stacheldraht sitzt ein Zitronenfalter, ein Schmetterling, dessen Freiheit der Maler, der im Internierungslager in Gurs in Südfrankreich sitzt, erhofft, selber einmal zu erlangen", beschreibt Walter Smerling. "Er zeigt uns den Ausblick in die Freiheit auf die Landschaft der Pyrenäen."

Den Opfern ein Gedenken schaffen

Drei Themenbereiche zeigt die Ausstellung: die Wirklichkeit, das Porträt und die Transzendenz. Die Wirklichkeit hieß: Deportation, Eintreffen von Transporten in Ghettos, Folter, Gewalt, Krankheit und Tod. Erstaunlich ist, dass die Künstler die Täter kaum abgebildet haben. Ihnen galt es, den Opfern ein Gedenken zu schaffen. Arnold Dhagani hat den Augenblick festgehalten, als die junge Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger von der Pritsche heruntergenommen wird, auf der sie im Alter von 18 Jahren an Typhus gestorben ist. Die Cousine des Dichters Paul Celan hinterließ ein Heft mit Gedichten, die heute zur Weltliteratur zählen. Eines hängt gleich am Eingang der Ausstellung:

Ich möchte leben
Ich möchte lachen und Lasten heben
Und möchte kämpfen und lieben und hassen
Und möchte den Himmel mit Händen fassen
Und möchte frei sein und atmen und schrei'n

Ich will nicht sterben.
Nein. Nein.

Ein Viertel aller geretteten Bilder waren Porträts. Gefangene mit Nummern bekamen ihr menschliches Antlitz zurück. Karel Fleischmann zeichnete mit expressiven, monochromatischen Strichen eine Greisin, die auf einem harten Schemel in Theresienstadt kauert und liest, um der Grausamkeit zu entfliehen.

Nichts von der drängenden Aktualität verloren

Nelly Troll ist die einzige Künstlerin, die heute noch lebt. Sie war mit acht Jahren in einer kleinen Kammer gefangen und hat sich und eine Freundin auf einer bunten Wiese gemalt, ein Beispiel aus dem Themenschwerpunkt Transzendenz, der die Hoffnung aufscheinen lässt. Im Eingangsbereich hängt eines der bekanntesten Bilder Felix Nussbaums "Der Flüchtling", das er 1939 in Brüssel gemalt hat. Und dieses Bild hat nichts von seiner drängenden Aktualität verloren, erklärt Kurator Walter Smerling:

"Im Eingangsbereich sehen wir ihn selber sitzend als den Geplagten, als den Flüchtling, im Gefängnis sitzend, den Kopf in die Hände gelegt." Eine Situation der Ausweglosigkeit. "Keinen Platz gibt es auf dieser Erde scheinbar, an dem ich eine Zuflucht finde. Wohin soll ich als Flüchtling gehen, wo werde ich nicht bedrängt?"

Beitrag von Maria Ossowski

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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