Die Schauspielerin Gina-Lisa Maiwald in dem Stück "Elektra" an der Neuköllner Oper (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 11.02.2016 | Nadine Kreuzahler

Uraufführung "Elektra" an der Neuköllner Oper - Blut, Schweiß und Muttermilch

Ein hinterhältiger Mord, Blutrache und Hass auf die Mutter - der Stoff, aus dem "Elektra" ist, fasziniert Theatermacher seit Jahrhunderten. An der Neuköllner Oper in Berlin tobt sich daran jetzt die junge Regisseurin Julia Lwowski aus. Nadine Kreuzahler ließ sich bei der Uraufführung küssen und nass spritzen.

"Elektra" - die Geschichte um Vaterverehrung, Hass auf die Mutter, Rachepläne und Mord - scheint von Natur aus ein Stoff zu sein, der zum Exzess verführt. Julia Lwowski und ihr Musiktheaterteam machen aus der Vorlage von Hugo von Hofmannsthal jedenfalls ein durchgeknalltes Psychogramm über Abhängigkeiten, Familienzwänge und innere Gefängnisse.

Von Anfang an ist alles anders am Mittwochabend in der Neuköllner Oper in Berlin: Man darf nicht einfach Platz nehmen als Zuschauer. Die düster aussehenden Schauspieler in schwarzer Spitze und Schleier fungieren als Türsteher und lassen eine Ouzo-Flasche zur Begrüßung rumgehen. Man fühlt sich gleich als Teil einer zwielichtigen Gemeinschaft, gleichzeitig auch irgendwie ausgeliefert und gespannt, was einen da noch erwartet.

Der Schauspieler Thorbjörn Björnsson in "Elektra" an der Neuköllner Oper in Berlin (Quelle: dpa)
Thorbjörn Björnsson in "Elektra"

Zuschauer mitten drin im Geschehen

Die Bühne erinnert an einen Boxring; dazu in der Mitte eine Spalte im Boden, in der die Schauspieler verschwinden und wieder emporsteigen. In der Wand auf der Stirnseite eine Klappe, die einen weiteren Raum öffnet und schließt. Wie in einem Setzkasten oder Schrank sitzen, liegen, staubsaugen die beiden Schauspieler darin, Gina-Lisa Maiwald und Thorbjörn Björnsson.

Sie klettern aber auch an die Decke, wälzen sich auf der Treppe und zu Füßen der Zuschauer herum, fassen diese an oder umarmen und küssen sie. Im Grunde wird jede kleine Ecke als Bühne genutzt. Synthesizer- und Akkordeonspieler, Flötistin und Schlagzeugerin sitzen im Publikum immer wieder woanders. Es wird geschrien, gehechelt, geröchelt, gekeift, und in der ersten Reihe hofft man, dass die gespuckte und verspritzte Milch bitte nur weiß gefärbtes Wasser sein möge.

Freud lässt grüßen

Schon Hugo von Hofmansthals Vorlage hat sich auf die Psychologie der drei Frauenfiguren in "Elektra" konzentriert. Auch die junge aus Odessa stammende Regisseurin Julia Lwowski dringt tief ins Unterbewußtsein ein: Es geht um innere Dämonen, um Mutter-Tochter-Komplexe, um Identität und das Gefängnis vererbter Konflikte. Freud lässt grüßen.

"Elektra" ist ein schriller, knalliger Musiktheaterabend mit körperlich alles gebenden Schauspielern. Beeinruckend und irgendwie amüsant. Nur so richtig weiß man am Ende nicht, wie einem geschehen ist - dafür ist man von allem dann doch ganz schön erschlagen.

Beitrag von Nadine Kreuzahler, rbb-Inforadio

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