Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Quelle: Jörg Carstensen/dpa)
Audio: rbb-Inforadio | 17.02.2016 | Interview mit Alexander Schmidt-Hirschfelder

Vor Ehrung mit dem Berliner Literaturpreis - Feridun Zaimoglu fordert offene Debatte über Flüchtlinge

Die Parole "Yes we can" reicht nach Ansicht des deutsch-türkischen Schriftstellers Feridun Zaimoglu in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte nicht aus. Probleme müssten offen benannt werden, forderte der Autor vor seiner Auszeichnung mit dem Berliner Literaturpreis.

Vor seiner Auszeichnung mit dem Berliner Literaturpreis hat der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu eine offene Debatte über die Flüchtlinge in Deutschland gefordert. Parolen wie "Wir schaffen das" von Angela Merkel träfen nur teilweise zu, sagte der Schriftsteller am Mittwoch im rbb-Inforadio. An einigen Stellen sei festzustellen: "No, we can not."

Tatsächlich sei "einiges geschafft" worden - so hätten im vergangenen Sommer zum Beispiel hunderttausende Helfer viel gestemmt. Es gebe aber auch Probleme. "Das betrifft den sozialen Frieden, das betrifft das Frauenbild", sagte Zaimoglu. Das betreffe auch gewisse Errungenschaften, die im Land lange erkämpft worden seien.

Bürger kritisieren "Verdruckstheit"

Zaimoglu lobte, die Debatte über Flüchtlinge sei bisher sehr offen geführt worden und weise einen "sehr hohen Reifegrad" auf. Er berichtete aber auch, immer wieder kritisierten Bürger ihm gegenüber eine "Verdruckstheit" der Politik und auch der Kanzlerin. Viele seien enttäuscht über eine schlechte Informationspolitik. Es sei daher wichtig, es nicht nur bei Parolen zu belassen, sondern auch über Dinge wie das "abstruse Frauenbild" bestimmter junger Männer offen zu sprechen.

"Man soll die Bürger ernst nehmen", forderte Zaimoglu. "Das ist eine Frage der Haltung und auch der Symbolpolitik." Einfache Bürger dürften nicht gleich in die rechte Ecke gestellt werden, wenn sie sich Sorgen machen. "Es gibt sehr viele Bürger, die sich überrumpelt fühlen, und die sagen: Man erzählt uns nichts, man spricht uns nicht an. Wir könnten viel besser damit leben, wenn wir das Gefühl hätten, dass man uns ernst nimmt und informiert."

Gastprofessur an der FU im Sommersemester

Der in Kiel lebende Schriftsteller, Journalist und Künstler beschäftigt sich auch in vielen seiner Werke mit dem Thema Migration. Am Mittwoch ist er mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet werden. In der Begründung der Jury hieß es, der Autor gestalte die Erfahrungen von Einwanderern auf vielstimmige Weise. Der Literaturpreis ist verbunden mit einer Berufung der FU auf die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik im Sommersemester 2016.

Zaimoglu, 1964 im türkischen Bolu geboren, kam als Kleinkind mit seinen Eltern nach Deutschland. Seit seinem ersten Buch "Kanak Sprak" (1995) erschienen zahlreiche Stücke und Romane, zuletzt die west- östliche Familiensaga "Siebentürmeviertel" (2015).

Bisherige Träger des Literaturpreises waren etwa Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow und Sibylle Lewitscharoff.

 

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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