Maxim Gorki Theater Berlin "THE SITUATION" (von Yael Ronen und Ensemble), Regie: Yael Ronen (Quelle: imago/DRAMA-Berlin.de)

Kommentar | Berliner Inszenierungen beim Theatertreffen - Zwei Triumphe, ein Routinier - und ein kleiner Skandal

Drei Inszenierungen von Berliner Bühnen sind zum Theatertreffen eingeladen. Die Jury hat starke Arbeiten am Gorki und am Deutschen Theater geehrt, einen langjährigen Liebling von der Volksbühne wieder eingeladen - und trotz wunderbarer Inszenierungen die Schaubühne zum zehnten Mal in Folge düpiert. Ein Kommentar von Fabian Wallmeier

In der Berliner Theaterwelt ist es in den vergangenen Monaten ungewöhnlich turbulent zugegangen: Die Ablösung von Frank Castorf durch den belgischen Museumskurator Chris Dercon an der Spitze der Volksbühne sorgte für giftige Streitereien, die Schaubühne fand sich wegen einer Pegida- und AfD-kritischen Inszenierung vor Gericht wieder und das Deutsche Theater baute einen Teil seiner Garderobe zur Flüchtlingsunterkunft um.

Doch nicht nur Zoff und spannende Debatten gingen von den Berliner Bühnen aus, sondern sie schufen scheinbar nebenbei auch ganz schlicht exzellentes Theater. Das darf man jetzt als bewiesen ansehen, denn gleich drei der zehn Inszenierungen, die zum Theatertreffen eingeladen wurden, stammen aus Berlin.

"The Situation": witzig, direkt, bewegend

Die Theatertreffen-Jury hat bei der Auswahl der bemerkenswertesten Inszenierungen insgesamt eine sichere Hand bewiesen. Mit Yael Ronen wird zum zweiten Mal in Folge eine Theatermacherin geehrt, die es wie keine zweite versteht, mit ihren Schauspielern persönliche Erfahrungen zu transzendieren, lust- und humorvoll zuzuspitzen, miterlebbares Theater im besten Sinne zu kreieren. Das war schon in "Common Ground" so (eingeladen zum Theatetreffen 2015), einem bewegenden Abend am Maxim Gorki Theater, für den sie mit einem Ensemble aus Schauspielern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, nach Bosnien gereist ist.

Mit dem nun eingeladenen Stück "The Situation", ebenfalls vom Gorki, ist ihr ein ähnliches Kunststück geglückt. Es geht dieses Mal um den Nahostkonflikt, sie lässt Schauspieler aus Palästina, Israel, Syrien in einem Deutschkurs aufeinandertreffen. Der Sprachlehrer (dargestellt vom ironiebegabten Star des Ensembles, Dimitrij Schaad), vorgeblich ein "Bio-Deutscher", bemüht sich so redlich wie fettnapftreffsicher, Konflikte zu umschiffen und zu schlichten - und entfaltet am Ende überraschend seine eigene Migrationsgeschichte. Die liegt nah an der ihres Darstellers (die er uns im September 2014 in Teilen erzählt hat) - und doch verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Darsteller, nicht nur bei Schaad und seinem Stefan, sondern auch beim Rest des famosen Ensembles. Ein witziger, direkter, berührender Theaterabend, der vollkommen zurecht eine Einladung bekommen hat.

DT mit "Väter und Söhne" dicht dran am Publikum

Ein klarer Favorit war eine Klassiker-Inszenierung vom Deutschen Theater, die die Kritik einhellig verzückte: "Väter und Söhne" nach dem Roman von Iwan Turgenjew. Daniela Löffner hat für ihre nun eingeladene Inszenierung die Kammerspiele umbauen lassen: Die Bühne ist nun in der Mitte, rundum sitzen die Zuschauer – und auch die Darsteller, solange sie keinen Auftritt haben. Das schafft Nähe zum Geschehen – und am Ende des ungemein dichten, bei aller Schwere überraschend leichten, fesselnden und vom großen Ensemble phänomenal gespielten Theaterabends hat der Zuschauer gar nicht das Gefühl, ganze vier Stunden am DT verbracht zu haben. Schön, dass die Jury auch ein Herz für so altmodische, schnörkellose Schauspielkunst hat!

Dass Herbert Fritsch schon wieder eingeladen wurde, mutet dagegen etwas unoriginell an. Der vom Volksbühnenschauspieler zum Regisseur gewordene Klamottenkünstler war seit 2011 fünffach beim Theatertreffen vertreten, darunter auch mit drei Volksbühnen-Inszenierungen. Im vergangenen Jahr ging er leer aus – vielleicht hatte sich doch ein bisschen zu viel Wiederholung eingeschlichen in seine Slapstick-Paraden. Nun ist er mit seinem neuesten Berliner Streich "der die mann" nach Texten von Konrad Bayer wieder mit dabei.

Nun gut, das tut keinem weh - und prächtig quietschbunt anzusehen ist so ein Fritsch-Abend ja eigentlich immer. Aber warum eigentlich wird statt Fritsch nicht einfach der andere große Regie-Star der Volksbühne (neben dem in diesem Jahr überraschend leer ausgegangenen Intendanten Frank Castorf) endlich mal wieder eingeladen? René Pollesch wäre mit gleich drei spannenden Inszenierungen in Frage gekommen: mit der zusammen mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow geschriebenen Beinahe-Oper "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte", mit der verhätnismäßig federleichten, weltklugen Volksbühnenkosmos-Verneigung "Service / No Service" und mit "Keiner findet sich schön", einem fulminanten, zärtlich-witzigen Beinahe-Solo für Fabian Hinrichs.

Schaubühne wieder nicht vertreten

Die Schaubühne dagegen wurde wieder übergangen. Dabei liefert das Haus am Lehniner Platz seit Jahren zuverlässig Erstklassiges (wenn auch natürlich nicht nur Erstklassiges), so auch in den vergangenen zwölf Monaten: Das vom Autor Marius von Mayenburg selbst inszenierte "Stück Plastik" etwa ist ein vor Spielfreude, Albernheit und Abgründigkeit nur so strotzendes Boulevardtheaterereignis. Nun haben es leicht gestrickte Komödien beim Theatertreffen traditionell leider schwer, aber auch herausragende düsterere Inszenierungen hatte die Schaubühne im Programm. Simon McBurneys, von Teilen der Kritik gescholtene, dokumentarisch anmutende, dichte Bearbeitung von Stefan Zweigs hochemotionalem Roman "Ungeduld des Herzens" hätte eine Einladung verdient. Oder Katie Mitchells an die Nieren gehende "Hamlet"-Umkehrung "Ophelias Zimmer". Dass all diese Inszenierungen es nicht zum Theatertreffen geschafft haben, ist bei aller Freude über das ordentliche Abschneiden der Bühnen eine Enttäuschung - und dass die Schaubühne damit nun zum zehnten Mal in Folge nicht eingeladen wurde, ist im Grunde nicht weniger als ein Skandal.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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