Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Audio: Inforadio | 09.02.2015 | Barbara Wiegand

Ausstellung "Manifesto" im Hamburger Bahnhof - Cate Blanchett als Obdachlose auf dem Teufelsberg

Sie forderten Bibliotheken abzubrennen und Museen zu überschwemmen, fanden alles DaDa und propagierten den wirklichen Wandel: Künstler in ihren Manifesten. Julian Rosefeldt hat die provokanten Postulate von einst für eine Ausstellung wieder hervorgeholt und lässt sie per Video neu verkünden – von Hollywood-Star Cate Blanchett. Von Barbara Wiegand

Mit Hund und Hackenporsche an der Hand, streift die als Penner verkleidete Cate Blanchett durch die Ruinen der Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg. Sie streift umher und brabbelt vor sich hin, um hin und wieder anzuhalten und ihre Wut über den Verfall ihrer und der Welt im Allgemeinen per Megaphon herauszubrüllen.

Dieser Clip ist einer von insgesamt 13 Filmen, die parallel im Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof gezeigt werden. Und jeder verkündet ein künstlerisches Manifest. Surrealistische, futuristische, kreationistische, situationistische und dadaistische Manifeste lässt der in München geborene Künstler Julian Rosefeldt verkünden, oder besser gesagt: verkörpern.

Künstler sind für ihn wie Propheten, sagt Rosefeldt. "Man sollte vielleicht mehr auf sie hören. Sie haben eine Art von Ahnung von dem was in der Luft ist. Sie formulieren das meist bildlich. Und - das ist die große Entdeckung dieser Re-Lektüre der Manifeste - auch verbal und zeigen sich als Dichter und Denker. Mich hat es extrem begeistert, was ich gefunden habe."

Bis zu sechs Stunden in der Maske

Die Manifeste sind überspitzt, ironisch und todernst in Szene gesetzt mit Cate Blanchett als einziger Darstellerin. Die Hollywoodschauspielerin, die Julian Rosefeldt vor fünf Jahren bei einer seiner Ausstellungseröffnungen kennenlernte, schlüpfte für ihn in 13 verschiedene Rollen. Gedreht wurde an nur zwölf Tagen. Wie in einem absoluten Rauschzustand, sagt Rosefeldt. Die ständigen Wechsel seien einen Herausforderung für Blanchett gewesen-, auch, sich immer wieder auf andere Charaktere einzulassen. "Von Tag zu Tag, manchmal auch Rollenwechsel am gleichen Tag. Also Beispiel: Sie hat den Obdachlosen und die CNN-Nachrichtensprecherin am gleichen Tag gemacht. Das waren allein schon mal sechs Stunden Maske. Und die beiden Charaktere mit den unterschiedlichen sozialen Klassen, die Dialekte einmal schottisch, einmal Texas. Das kann man auch nicht mit irgendeiner Schauspielerin machen."

Julian Rosefeldt: Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Gar nicht mehr pennerhaft: Anchorwoman im TV

Blanchett ist der Penner mit Bart und Mütze, der die visionäre Kapitalismuskritik einer New Yorker Künstlergruppe von 1932 deklamiert. Sie ist eine Börsenmaklerin mit stechendem Blick und elegantem Kostüm, die vor über Bildschirm flackernden rasanten Kurskurven den futuristischen Glauben an Energie und Geschwindigkeit formuliert und die Flutung der Museen fordert. Sie wettert als Punkerin gegen bürgerliche Kulturikonen, so wie es die Kreationisten vor bald 100 Jahren taten. Sie überschüttet als elegante Grabrednerin die Hinterbliebenen mit dadaesken Worttiraden.

Julian Rosefeldt, Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Cate Blanchett als wetternde Punkerin

Im Fokus - mit Augenzwinkern

Immer wieder collagiert Julian Rosefeldt in seinen Filmen kühn und gekonnt Manifeste verschiedener Zeiten, ohne sie aus dem Zusammenhang zu reißen. Vielmehr gelingt es ihm, die einstigen Erklärungen zu verdichten. Rosefeldt nimmt sie aus heutiger Sicht in den Fokus und schon mal aufs Korn. Großartig etwa, wie er die Idee der Kunst als Konzept als Nachricht verkauft und Cate Blanchett als Manifeste statt News verkündende Anchorwomen ins TV Studio stellt. Konzeptkunst heiße für ihn auch ein Spiel mit dem Ernst, so Rosefeldt. "Das Spiel wird auch selber Konzeptkunst, indem sich die Szene selbst nach den Kriterien der Konzeptkunst verhält – mit einem Augenzwinkern. Aber es ist auch eine prima Anleitung, für junge Künstler, wie’s geht"

Julian Rosefeldt reflektiert die künstlerischen Manifeste aus unterhaltsamer Distanz und bringt sie uns doch nahe. So sperrig die Postulate von einst manchmal auf den ersten Blick manchmal wirken mögen, so aktuell scheinen sie hier, so spannend, verrückt und energiegeladen, dass man sich mehr davon auch heute wünschen würde.

Beitrag von Barbara Wiegand

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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