Schriftstellerin Marion Brasch im Oktober 2015 (Quelle: imago/Lars Reimann)
Audio: Radioeins | 24.02.2016 | Sonja Koppitz

Interview | Marion Brasch über ihren neuen Roman - "Maulaffen sind bei mir tatsächlich Maulaffen"

In Becketts berühmtesten Theaterstück wird gewartet, auf Godot, der niemals kommt. Warum das so ist und wer Godot sein könnte, hat sich die Berliner Autorin Marion Brasch gefragt - und ihn kurzerhand erfunden. In ihrem Roman begegnet dieser so allerhand Wesen - vom Maulaffen bis zum Dunkelmunk, und es gibt auch "echten" Baumkuchen.

Radioeins: Der Titel des neuen Romans "Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot" ist natürlich angelehnt an das Theaterstück "Warten auf Godot" – darin wird gewartet, und Godot kommt einfach nicht. Bei Dir ist er da. Hattest Du das Warten satt?

Marion Brasch:  Ich hab mich natürlich gefragt, wie viele andere auch, was das für ein Typ ist. Warum kommt er nicht, wer ist er? Dann habe ich einfach anmaßend und frech gesagt: Ich erfinde mir den einfach. Die Ausgangssituation ist, er hat sich verlaufen und ist jemand, der auch nicht so recht weiß, wo er hin soll – und was er überhaupt soll. Und so ist er eine sehr vage Figur, die auch wirklich kein Profil bekommt. Man sieht ihn in den Illustrationen auch immer nur von der Seite. Ich dachte, ich schicke ihn einfach los und lasse ihn komische Dinge erleben.

"Godot schaute sich verwirrt um. Aber es sähe doch alles danach aus, dass sie da seien, oder etwa nicht? 'Da schon, aber eben nicht hier', erklärte der Wegweise mit wichtiger Miene. 'Vielleicht sind wir in einer Art Paralleluniversum oder so.'"

Zitat aus "Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot"

Die Geschichte von Herrn Godot ist ja ein Roman. Das steht zumindest vorne auf dem Buch. Beim Lesen war ich aber irritiert, denn man erwartet eine Geschichte, die man irgendwie nacherzählen kann, es sind aber mehrere kleine Geschichten. Die Erzählebene von Herrn Godot wird immer unterbrochen von Fabeln, es kommen viele Tiere vor, es sind Gedichte dabei – warum diese Form?

Ich hatte zuerst die Geschichte von Godot, ihn wollte ich losschicken. Dann kam mir aber noch so schräges Zeug in den Sinn: Geschichten, die gar nicht so viel mit ihm zu tun haben, eigentlich eigenständig sind, aber doch irgendwie mit dem verflochten sind, was er erlebt. Roman deshalb, weil es diese Rahmengeschichte gibt, aber heute kann man glaube ich alles mögliche Roman nennen, was eine halbwegs geschlossene Form hat.

Es gibt den Wegweisen, den Unterird, den Dunkelmunk und Schafe, die Baumkuchen aus Bäumen backen – sind Tiere oder Fabelwesen einfach die besseren Protagonisten?

Das ist eine gute Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht – vielleicht. Das sind ja bei mir Charaktere. Auch wenn sie charakterlich nicht besonders hervorstechen, haben sie ein Eigenleben und können sprechen. Mir macht es Spaß, solche Kreaturen zu erfinden. Ich weiß nicht, woher das kommt, vielleicht habe ich eine kranke Fantasie.

Deine Sprache in dem Buch ist genauso absurd, wie die Abenteuer, die Herr Godot erlebt. Du nimmst ganz viel wortwörtlich: Wenn zum Beispiel der Hüpfbär an der Ecke Maulaffen feilhält, heißt das nicht, dass er sie verkauft, sondern er wartet, dass sein Bruder kommt und sie in den Schatten stellt – sie wollen aber lieber in der Sonne sein. Was nimmst du beim Schreiben?

Gar nichts! Es ist wahrscheinlich in jeder Sprache so – aber es gibt im Deutschen auch so Begriffe, bei denen man sich fragt: Wo kommen die eigentlich her? Ohne jetzt das etymologische Lexikon aufzuschlagen, überlege ich mir dann, man könnte dem eigentlich einfach eine andere Bedeutung geben. Maulaffen, die feilgehalten werden, sind bei mir tatsächlich Maulaffen.

Das ist ja dein dritter Roman. Gibt es Parallelen zu "Wunderlich fährt nach Norden", dein letztes Buch? Ich frage auch, weil auf dem Cover wieder so ein Herrenhut abgebildet ist.

Die haben beide einen Hut, das stimmt. Wunderlich ist sehr viel realistischer und Godot eher surreal, aber es sind beides so Typen, die auch nicht so recht wissen, wo sie hinsollen. Die sich treiben lassen und keinen Plan haben. Das ist die Parallele, die die beiden verbindet.

"Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot" lautet Braschs dritter Roman.

Sie sind auch beide aufmerksam und erleben dabei Abenteuer, kann man das so sagen?

Das ist ja schön! Wenn man selbst vielleicht nicht so viele Abenteuer erlebt, andere als Stellvertreter loszuschicken und solche Abenteuer erleben zu lassen.

Was sollen wir am Ende glauben – was ist deine Moral der Geschichte?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Es hat Spaß gemacht, "mir so ein Zeug auszudenken". Das ist jetzt vielleicht kontraproduktiv, wenn ich das sage, aber das sind so Geschichten, mit denen nicht jeder etwas anfangen kann. Es ist auch nicht jedermanns Sache. Das ist jetzt total verkaufsschädigend, was ich gerade gesagt habe, oder? (lacht) Ich habe keine Moral. Am Ende schließt sich ein Kreis, so viel kann man schon einmal verraten – das ist vielleicht die Moral, dass sich ein Kreis immer irgendwie schließt.

Das Interview führte Sonja Koppitz, Radioeins

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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