Die Schriftstellerin Juli Zeh. (Quelle: imago | stock&people)

Neuer Roman "Unterleuten" von Juli Zeh - Kein Dorfidyll in Brandenburg

Zehn Jahre hat die Schriftstellerin Juli Zeh an ihrem Roman "Unterleuten" gearbeitet - entstanden ist ein facettenreicher Gesellschaftsroman, 700 Seiten dick. Es geht um ein Dorf in Brandenburg, dessen Gemeinschaft zu zerbrechen droht. Von Vanessa Loewel  

Das Dorf mit dem Namen "Unterleuten" liegt zirka eine Stunde Autofahrt von Berlin entfernt. Einen Supermarkt gibt es hier schon lange nicht mehr. Dafür einen Kindergarten, eine Dorfkneipe und ein paar Berliner Zugezogene. Die alte LPG ist zum Landwirtschaftsunternehmen mit Biosiegel geworden, und die Vogelschutzwarte zieht ein paar Touristen an. Klingt durchaus realistisch, doch "Unterleuten" ist eine Erfindung der Schriftstellerin Juli Zeh.

"Schwer zu glauben, wie dünn besiedelt die Gegend war. Die Anzeichen menschlicher Zivilisation waren so selten, dass jeder Strommast auffiel. Ein paar Schilder am Straßenrand: Ferienwohnungen, Kleintransporte, Fußpflege, Hundetraining. Ein Sportflughafen, ein paar Kühe, Maisfelder, in einiger Entfernung die Förderbänder eines Kieswerks. Nirgendwo eine Menschenseele. Hin und wieder drängten sich am Straßenrand ein paar Häuser zusammen, die von Ortsschildern zu Dörfern erhoben wurden: Die Namen klangen wie aus einem surrealen Film, Wassersuppe, Regenmantel, Seelenheil. Auf dem Dach einer Scheune thronte ein Storchennest, groß wie ein Traktorreifen."

Juli Zeh: Unterleuten. Luchterhand Verlag, München. ISBN 978-3-630-87487-6

Völkerwanderung der Städter

Vor zehn Jahren begann Juli Zeh mit der Arbeit an ihrem Roman, als sie mit ihrer Familie aufs Land nach Brandenburg gezogen war. Berliner, die aufs Land ziehen, die "ein Exil, einen Sehnsuchtsort suchen" - für Juli Zeh das jüngste Kapitel einer Geschichte von Völkerwanderungen, die sich in dem Dorf abbilden. "Die Dörfer rund um Berlin haben massive Spuren der deutschen Geschichte in sich: Der zweite Weltkrieg, die Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten kamen, dann der Kommunismus, die Wende, die Wiedervereinigung. Historische Verhältnisse haben die Dörfer völlig durchgeschüttelt. Und die neueste Völkerwanderung ist die, dass die Städter kommen."

Eine Idylle ist das Dorfleben bei Juli Zeh nie. Von Anfang an sind da alte Fehden und neue Eitelkeiten. Alle müssen um ihre Existenz kämpfen: der Großbauer wie der zugezogene Vogelschützer, der Alt-Kommunist und die Jung-Unternehmerin, die von einer Pferdezucht träumt. Aber erst, als ein Windpark gebaut werden soll, drohen die Konflikte die Dorfgemeinschaft zu zerbrechen.

Gemeinschaft oder Individualismus

Die studierte Juristin Juli Zeh, die seit ihrem ersten Roman "Adler und Engel" zu den bedeutenden deutschen Autoren gehört, die sich auch immer wieder politisch einmischt, taucht tief in die Dorfstrukturen ein. "Unterleuten" stehe nicht so sehr für ein realistisches Dorf, sondern für unsere Gesellschaft und die Frage, was uns als Gesellschaft noch zusammen hält: "ob es überhaupt noch einen Überbau gibt, eine Idee von Gemeinschaft, oder ob wir alle zu Individualisten geworden sind, auch im Sinne von egoistischen Entscheidungen, die wir treffen, weil wir diese Ideen nicht mehr haben" sagt Juli Zeh selbst. Ihre Metapher funktioniert. "Unterleuten" ist ein großer, zudem fesselnder Gesellschaftsroman.

Beitrag von Vanessa Loewel

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