Bogensee. Junge Kunst im Auftrag (Quelle: rbb/Schmidt)
Audio: Anne Schmidt | Studio Frankfurt (Oder) | 18.03.2016

Kunst für die FDJ-Bosse in Bogensee - "Das Gefühl, sowieso nichts machen zu können"

Bei Wandlitz am Bogensee stand bis vor 20 Jahren die Kaderschmiede für den Funktionärsnachwuchs der DDR. Eine neue Ausstellung zeigt nun, was in den schicken Repräsentationsgebäuden so alles an den Wänden hing - zum Teil heute großen Namen und ziemlich erstaunlich im Ergebnis. Von Anne Schmidt

Zwei riesige, übermannshohe Gemälde stellen sich dem Besucher gleich am Eingang der neuen Sonderausstellung im "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" entgegen: ein Paukenschlag zu Beginn der Ausstellung. Eines stammt von Neo Rauch, der heute ein Star der deutschen Kunstszene ist. Das andere Bild hat Roland Borchers gemalt, Atelierfreund von Neo Rauch und Meisterschüler von Arno Rink in Leipzig. "Im Turm" heißt es. Eine riesige Leinwand voll mit Grüblern, Seiltänzern, sogar ein Heißluftballon versucht der Einmauerung zu entfliehen. Bilder von hoher künstlerischer Qualität, sagt Ilona Weser, die Leiterin des Kunstarchivs Beeskow, das sich als Dokumentationsstelle zur bildenden Kunst in der DDR versteht. "Mit die besten Bilder, die wir im Kunstarchiv haben." Ein Bestand von immerhin fast 23.000 Objekten, anteilig verwaltet von Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.  

Bogensee. Junge Kunst im Auftrag (Quelle: rbb/Schmidt)

Keine Parteikunst weit und breit

Die 35 Bilder von "Bogensee. Junge Kunst im Alltag", die in Eisenhüttenstadt ausgestellt werden, sind echte Hingucker und zeigen auf subtile Weise den "real existierenden Sozialismus". Wer linientreue Parteikunst sucht - Fehlanzeige. Aber typisch für die frühen 1980er Jahre in der DDR, sagt Herbert Schirmer, der als letzter Kulturminister der DDR die Bilder gerettet hat und nun diese Ausstellung konzipiert. Ein "gegenstandsloser Schwerpunkt" nehme in diesen Werken Gestalt von 1983 bis 1986 an: "Wenig Initiative, wenig Aktivität, sondern eher eine Duldung mit dem Gefühl, sowieso nichts machen zu können." Das ist eine ziemlich überraschende Anmutung, wenn man bedenkt, wofür die Bilder eigentlich gedacht waren: als Dekoration für die FDJ-Bosse in Bogensee.

Bilder einer staatlichen Ausbildung

Bei Wandlitz am Bogensee stand bis vor 20 Jahren die Kaderschmiede für den Funktionärsnachwuchs der DDR: die FDJ-Hochschule Wilhelm Pieck. Wer in der Jugendorganisation aufsteigen wollte, musste mindestens einmal an den Bogensee kommen, um zu lernen. Umso erstaunlicher ist es, was in den schicken Repräsentationsgebäuden an den Wänden hing. Bilder von jungen DDR-Künstlern, die sich manchmal alles andere als parteikonform mit den großen Zielen des Arbeiter- und Bauernstaates auseinander gesetzt haben. Genau dieses Spannungsverhältnis macht die Ausstellung aber so interessant. Denn alle Bilder wurden von den Künstlern für staatliche Stellen oder im Rahmen ihrer Ausbildung gemalt.

Bogensee. Junge Kunst im Auftrag (Quelle: rbb/Schmidt)

Kunst als Informationspolitik

Klassische Auftragswerke sind also zu sehen, die aber im Ergebnis etwas völlig anderes sind. Etwas, das es heute so gar nicht mehr gibt, stellt Herbert Schirmer fest. Zu DDR-Zeiten sei man begierig darauf zu lesen, was zwischen den Zeilen stand. "Die Medien haben nichts sonderlich Wichtiges mitzuteilen gehabt. Literatur und Kunst waren die beiden Ressorts, die sozusagen Informationspolitik in der DDR gemacht haben."

Bilder, die beim zweiten Hinsehen ziemlich widerspenstig sind. Zusammen mit dem durchdachten Informationsteil über die FDJ-Kaderschmiede am Bogensee ist die kleine, aber feine Ausstellung eine ziemlich anregende Auseinandersetzung mit der Kunst in der DDR.

Beitrag von Anne Schmidt

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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