Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler (Quelle: dpa)

Porträt | Heinrich August Winkler erhält Leipziger Buchpreis - "Etwas mehr Demut stünde uns manchmal gut"

Der Berliner Heinrich August Winkler ist einer der wichtigsten Historiker und akribischer Forscher. Für sein Mammutwerk "Geschichte des Westens" wurde er mit dem Leipziger Buchpreis zur "Europäischen Verständigung" ausgezeichnet. Sein Lebensthema, die neue deutsche Geschichte, ist dabei nicht nur Gegenstand seiner Forschungen. Von Anika Hüttmann

Ein Historiker, der im stillen Kämmerlein Chroniken zusammenstellt und in Schriftform gießt – Heinrich August Winkler ist alles andere als das. Der 77-Jährige mischt sich immer wieder in aktuelle Debatten ein – zur Zukunft und zu den Werten Europas, zur Auseinandersetzung mit dem extremistischen Islamismus oder zur Flüchtlingsfrage.

Winkler, einst selbst Geflüchteter, ist 1938 als Kind einer Historikerfamilie in Königsberg geboren. Die Folgen der NS-Zeit, die er in seinen Werken immer wieder aufgreift, hatte Winkler am eigenen Leib erlebt. Seine Mutter, die früh Witwe wurde, musste mit ihm 1944 Ostpreußen verlassen. Er wuchs schließlich in der Nähe von Ulm auf.

Neben der Forschung verschrieb sich Winkler später auch der Aufklärung. Bis zu seinem Ruhestand 2007 war Winkler – wie er selbst sagt – "mit Leib und Seele" Lehrer. Nach einem Start als Assistent an der Freien Universität Berlin während der Studentenbewegung, hatte er von 1972 bis 1991 eine Professur in Freiburg, danach ging er an die Humboldt-Universität Berlin. "Ich hätte mir ein reines Forscherleben ohne den Austausch mit den Studierenden gar nicht vorstellen können", sagt Winkler.

Demut statt moralische Leitnation

Am Mittwochabend nun erhielt Winkler den Leipziger Buchpreis zur "Europäischen Verständigung" für sein vierbändiges Opus magnum "Geschichte des Westens", das er im letzten Jahr mit dem Band "Die Zeit der Gegenwart" abgeschlossen hatte. Das Werk sei "unverzichtbar gerade in Zeiten, in denen die Werte des Westens fragiler und angefochtener erscheinen denn je", begründete die Jury die Preisvergabe.

Die Werte des Westens – ein bestimmendes Thema in Winklers Werk. Immer wieder spricht er die Strahlkraft dieser in seinem Buch an. Als große Errungenschaft der westlichen Ideengeschichte nennt er die "Grundunterscheidung von göttlichen und irdischen Gesetzen" und verweist dabei auf die in islamischen Gesellschaften verbreitete Neigung, die Menschenrechte nur im Rahmen der Scharia gelten zu lassen. In einem Interview stellt Winkler klar: "Das zu ändern, kann den Reformkräften in der islamischen Welt niemand abnehmen."

Deutschland sollte sich nicht "für so vorbildlich halten, dass wir nun anderen als moralische Leitnation gegenübertreten könnten", sagt der Historiker, und findet: "Etwas mehr Demut stünde uns manchmal gut an."
 

Europa auf Gratwanderung

Demut und Zurückhaltung auf der einen Seite, Verantwortung auf der anderen. Nicht selten ist das "korrekte Verhalten" in den Konflikten der Welt auch eine Gratwanderung für Europa. Denn auch wenn Winkler zu Demut aufruft, so stellt er gleichzeitig eben auch die Forderung zum Verantwortungsbewusstsein an Deutschland.

Zuletzt erregte Winkler in diesem Zusammenhang großes Aufsehen mit seiner Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im Bundestag. "Deutschland hat kein Recht auf Wegsehen", mahnte der Historiker bei der Gedenkstunde zum 8. Mai. Konzise Worte fand er dort auch in Hinblick auf die internationale Verantwortung. Deutschland habe nach den Verbrechen der Nationalsozialisten eine besondere Verpflichtung für die Länder Ost- und Mitteleuropas, sagte Winkler damals in seiner Rede.

Diesen komplexen Zusammenhängen hat sich Winkler in seinen Ausführungen genähert wie vermutlich noch keiner vor ihm. Auch der Historiker und Journalist, Volker Ullrich, befand in seiner Laudatio über Winkler, dass sein Werk einzigartig sei. "In der Literatur wurden die europäische Geschichte und die Geschichte der Vereinten Staaten zumeist getrennt behandelt. Winkler fügt zusammen, was zusammen gehört", sagte Ullrich am Mittwochabend im Leipziger Gewandhaus. "Politische Geschichte und die Geschichte der politischen Ideen souverän miteinander verknüpfend, entwirft er ein großflächiges Panorama, das von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart führt."

Von Aufhören keine Spur

An die Gegenwart knüpfte Winkler abermals in seiner Dankesrede an. Noch einmal appellierte er an eine nachhaltige Asylpolitik und forderte: "Das wirtschaftlich starke Deutschland sollte auch dann Flüchtlinge nach besten Kräften helfen, wenn es damit in der Europäischen Union in der Minderheit bleibt", sagte Winkler, und erklärte, "nach besten Kräften – das heißt auch, dass eine humanitäre Asylpolitik, die nachhaltig sein will, darauf achten muss, dass die Bedingungen ihrer Möglichkeit auch morgen und übermorgen noch gesichert sind."

Winklers Forderungen und Analysen werden uns dabei vermutlich noch länger begleiten. Ans Aufhören denkt der 77-Jährige offenbar nicht. Zurzeit arbeitet er an einem neuen Buch: "Die Krise Europas und die Verantwortung Deutschlands" - wie er selbst sagt, mit 200 Seiten ein zur Abwechslung "eher schmales Bändchen".

Beitrag von Anika Hüttmann

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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