Jonathan Landgrebe; Foto: Gregor Baron
Audio: Inforadio | 14.03.2016

Interview | Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe - E-Books? Wir sollten uns um Autoren und Texte kümmern

Zum Start der Leipziger Buchmesse ist der Suhrkamp-Verlag erstmals mit seinem neuen Chef vertreten. Jonathan Landgrebe muss den Verlag nach jahrelangem Rechtsstreit wieder in ruhiges Fahrwasser bingen. Im rbb-Interview spricht der 38-Jährige über Urheberrecht, die Stärke des Sachbuchs und seine Zweifel am E-Book.

rbb: Herr Landgrebe, wie wichtig ist die Leipziger Buchmesse für Suhrkamp?

Leipzig ist für mich ein ganz wunderbares Lesefest, ein Ereignis, was die Autoren und die Bücher den Leserinnen und Lesern näherbringt. Und das versuchen wir auch so gut es geht zu unterstützen. Ich finde, das merkt man auch, wenn man in Leipzig in der Stadt unterwegs ist und bei diesen zahlreichen Veranstaltungen dabei sein kann.

Welche Ihrer Autoren kommen denn nach Leipzig?

Da wird eine Katharina Hahn genauso da sein wie Marion Poschmann. Christoph Ribbat mit seinem wunderbaren Buch "Im Restaurant", eigentlich das ganze Spektrum unserer Frühjahrsnovitäten.

Inwieweit setzen Sie denn dabei die verlegerische Linie von Ulla Berkéwicz fort? Sie haben in einem der ersten Interviews gesagt "Wir denken nicht in Bestsellern", andererseits soll und muss Suhrkamp auch wirtschaftlicher werden.

Ich glaube, das eine schließt das andere nicht aus. Ich werde in dem, was wir als Verlag tun, natürlich an das anknüpfen, was der Verlag bisher getan hat, und zwar mit großem Erfolg. Ob es der Deutsche Buchpreis für Lutz Seiler und "Kruso" ist oder die Nominierung jetzt in Leipzig mit einem Sachbuch von Christoph Ribbat "Im Restaurant". Da kann man sehen, dass dieser Verlag erfolgreich arbeitet und in allen Bereichen, ob es in der Wissenschaft, der Literatur ist, einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, was hier in der Republik diskutiert und besprochen wird. Natürlich geht damit auch einher, dass man immer wieder guckt, was man Neues tut. Ganz zentral geht es dabei um Autorinnen und Autoren, um Bücher, die man hoffentlich für den Verlag gewinnt.

Haben Sie dafür eigentlich Scouts? Oder arbeiten Sie mit Agenturen oder Agenten und Agentinnen zusammen?

Ganz zentral ist natürlich unser eigenes Lektorat. Aber natürlich, je nachdem, um was für Bereiche es geht, arbeitet man auch mit Agenten und Scouts zusammen.

Die jahrelangen Rechtsstreitigkeiten mit dem früheren Minderheitsgesellschafter Barlach haben Millionenverluste bewirkt, heißt es. Allein mit den Investitionen der neuen Anteilseigner, der Familie Ströher, werden sich kaum schwarze Zahlen erwirtschaften lassen.

Der Verlag ist in seinem normalen Geschäft profitabel und kann insofern auch schwarze Zahlen erwirtschaften. Hier geht es nicht darum, seine Strategie und sein sogenanntes Geschäftsmodell fundamental zu verändern. Sondern der Verlag ist und kann, wenn er mit Auseinandersetzungen in Ruhe gelassen wird, seine Arbeit erfolgreich und auch profitabel machen.

Preise der Leipziger Buchmesse

Die Jury hat in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung jeweils fünf Autoren beziehungsweise Übersetzer für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Insgesamt hatten sich 113 Verlage mit 401 Werken für den Preis beworben.

 

  • Belletristik

  • Sachbuch/Essayistik

  • Übersetzungen

Können Sie etwas zum Geschäftsvolumen sagen?

Wir sind ein kleines, mittelständischen Unternehmen und der Umsatz liegt immer in den Bereichen zwischen 30 und 40 Millionen Euro.

Es heißt, Sie setzen verstärkt aufs Sachbuchgeschäft. Vom E-Book halten Sie wenig, wenn ich richtig informiert bin. Sie sollen aber – so hat Ulla Berkéwicz gesagt – die digitale Sache richtig einsetzen können. Was heißt das?

Das muss ich gleich etwas korrigieren: Es ist richtig, dass wir das Sachbuch etwas ausweiten. Das tun wir schon die ganzen letzten Jahre. Vom E-Book halte ich nicht wenig, ich glaube nur, dass die Diskussionen über das E-Book überproportional groß geworden sind im Verhältnis zur Bedeutung des E-Books. Und dass sich auch die Menschen zu sehr mit technischen Fragen beschäftigt haben. Mir ist einfach wichtig, dass wir uns weiterhin mit den Autoren und ihren Texten beschäftigen, weil meines Erachtens dort das Verlegen von Büchern entschieden wird und nicht im Bereich der Technologie oder Vertriebsfragen.

Also Inhalte zuerst?

Davon bin ich wirklich überzeugt: dass die Inhalte das Entscheidende sind, dass die Autoren und die Bücher das Entscheidende sind, und dass ein gutes Buch allemal immer wichtiger ist als all die möglichen anderen Diskussionen, die man in Buchverlagen, über Geschäftsmodelle und anderes führen kann.

Suhrkamp hat immer mit Belletristik gepunktet. Für den Leipziger Buchpreis sind Sie jetzt mit Marion Poschmann und ihrem Lyrikband "Geliehene Landschaften" im Rennen. Wie werten Sie es, dass Sie nicht mit einem Roman dabei sind?

Ich werte es als sehr positiv, dass wir jetzt nominiert sind. Das ist ganz wunderbar. Ich freue mich sehr, dass Marion Poschmann nominiert ist. Was der Verlag macht, sind nicht nur Romane, das sind auch Gedichtbände, und das gehört alles zusammen. 

Kommen wir zu verlagspolitischen Inhalten und Forderungen. Sie haben beispielsweise wie viele aus der Branche die Gesetzentwürfe zum Urheberrecht kritisiert. Warum?

Ich habe gemeinsam mit Jonathan Beck und Elisabeth Ruge einen offenen Brief initiiert, der mittlerweile auch von 1.500 Personen und ich glaube fast 1.300 Autorinnen und Autoren unterschrieben worden ist. Wir empfinden dieses Gesetz im jetzigen Entwurf als einen Eingriff in die Vertragsfreiheit zwischen Autorinnen und Autoren und den Verlagen. […] Und ich glaube, es ist auch im Bundesjustizministerium angekommen, dass da die eine oder andere Änderung in diesem Gesetzesentwurf die Sache vielleicht noch besser machen würde.

Können Sie für Nicht-Experten festmachen, an welchen Passi Sie sich da reiben?

In diesem Gesetz ist ein Passus vorhanden, der sagt, dass Autorinnen und Autoren nach fünf Jahren das Recht haben sollen, ihre Buchrechte zurückzurufen. Und das nimmt natürlich Buchverlagen ihre Planungssicherheit weg, weil wenn ich dazu gezwungen bin, alles so zu machen, dass es nach fünf Jahren vorbei sein kann, dann ist damit der Zeitraum, in dem ich Bücher verkaufen kann, in dem ich das Geld, was ich investiert habe, zurückbekommen kann, so stark reduziert, dass ich mir bestimmte Dinge künftig einfach gar nicht mehr trauen würde. […]  Denn es wird noch schwieriger, Dinge zu veröffentlichen, die sich vielleicht nicht gleich ganz schnell verkaufen. Und dafür stehen wir gerade auch als Suhrkampverlag, weil wir vieles veröffentlichten, was auch nach zehn Jahren noch seine Gültigkeit hat, und manchmal auch zehn Jahre braucht bis man sagen kann: Man hat zumindest halbwegs das Geld zurück, das man mal investiert hat.

In Deutschland gab es immer wieder Versuche, die Buchpreisbindung aufzuweichen etwa durch Vertriebsgiganten wie Amazon, aber jetzt steht TTIPP im Plan. Wie wollen Sie die "Buchpreisbindung" schützen helfen?

Ich glaube, wir können wirklich wahnsinnig froh sein, dass die Buchpreisbindung existiert. Sie trägt zu einer kulturellen Vielfalt bei, die wir ohne sie nicht hätten - wie man in anderen Ländern sehr gut sehen kann. Und darum gelten natürlich alle unsere Bemühungen, diese Buchpreisbindung aufrechtzuerhalten, aufs E-Book auszuweiten und zu beschützen.

Sie sind gerade 38 Jahre jung geworden und sind Chef einer der letzten deutschsprachigen unabhängigen Verlage. Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen ist die neue Aufgabe für Sie verbunden?

Es ist etwas, das mich natürlich mit Freude erfüllt und zum Teil mit Stolz - vor allem nach all den schweren Jahren, die wir zuletzt hatten. Es  heißt für mich aber auf der anderen Seite auch: Das fortzusetzen, was ich nun schon seit vielen Jahren tue. Das ist eigentlich das große Privileg, aber auch die große Aufgabe: Mit dem Suhrkampverlag dafür zu sorgen, dass wir tolle Autorinnen und Autoren an uns binden können, und dass wir gute Bücher verlegen. Das ist zentral.

Das Gespräch führte Ute Büsing für inforadio. Der Text ist eine bearbeitete und leicht gekürzte Fassung des Gesprächs. Das Interview in voller Länge können Sie hören, indem Sie auf das Audiosymbol im Titelbild klicken.

Leipziger Buchmesse: Infos im WWW

Homepage der Leipziger Buchmesse

MDR-Dossier zur Leipziger Buchmesse

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

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