Eines der wertvollsten Elfenbeinkreuze Europas ist am 14.01.2016 im Dom zu Münster (Nordrhein-Westfalen) zu sehen. Der Paulus-Dom erwirbt das Werk aus dem Jahr 1630, das sich bereits seit 2002 als Leihgabe im Dom befindet, von einem Privatmann. (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 25.03.2016 | Barbara Zillmann

Karfreitagstraditionen in den christlichen Religionen - Von Blut, Wunden und Wundern

In den Überlieferungen von Judentum und Christentum hat Blut eine zentrale Bedeutung. Am Karfreitag ist es bei den Christen die Kreuzigung Jesu. Bis heute vollziehen sie in der Abendmahlsfeier einen Ritus, der sich auf Blut und Leib Jesu Christi bezieht. Woher kommen diese Rituale und wie können sie etwa Jugendlichen vermittelt werden? Von Barbara Zillmann

Hartmut Walsdorff ist evangelischer Pfarrer und tut sich schwer damit, wenn die Kreuzigung Jesu ins Zentrum des christlichen Glaubens gerückt wird. Vor allem wenn es heißt, dieser Tod sei notwendig gewesen, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. "Der Karfreitag, den wir heute feiern, ist ja sozusagen der Gipfel oder der Tiefpunkt einer Sühne- und Schuldtheologie."

Genau damit habe er aber seine Probleme. "Weil ich eigentlich im Glauben erfahren habe, dass Jesus Christus ein Liebhaber des Lebens war, dass er das Leben liebte und überhaupt nicht den Tod." Doch viele, vor allem ältere Darstellungen von Jesus betonen das Leiden: Christus mit Dornenkrone, am Kreuz, in den Armen seiner Mutter, oft mit intensiven Blutspuren.

Blut ist auch Symbol für das Leben

Gabriele Kraatz, Referentin für Frauenfragen am bischöflichen Ordinariat Berlin, versteht das gar nicht nur negativ, denn Blut sei das entscheidende Symbol für das Leben. "Schon im Alten Testament gibt es diese starke Betonung des Blutes." Das komme auch aus der Clan-Gesellschaft: Blutsbande, die die Menschen zusammenhalten. "Aber vor allem dieses Leben, was darin pulsiert, das ist eigentlich das, was da zum Ausdruck kommt."

Blut bedeutet Leben und Tod zugleich. So werden die Israeliten durch das Blut eines Opferlamms an ihren Türpfosten vom Zorn Gottes verschont und können aus der Knechtschaft in Ägypten fliehen. Das jüdische Pessachfest erinnert an diese Befreiung. Jesus wollte es, so berichten die Evangelisten, noch einmal mit seinen Jüngern feiern. Er reichte den Kelch mit Wein herum, brach das Brot, verteilte es und sprach: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird."

Symbolbild: Abendmahlsszene am 15.03.2011 in der evangelisch-lutherischen Gartenkirche St. Marien in Hannover (Quelle: imago/epd)

Werden Brot und Wein zum Leib und Blut Christi?

Das Abendmahl wurde zu einem zentralen christlichen Sakrament. Hier soll die Gemeinschaft mit Gott und Jesus Christus in besonderer Weise spürbar werden. Dass dabei Brot und Wein eine neue Bedeutung erfahren, ist in allen christlichen Kirchen Konsens. Inwieweit und in welchem Sinne aber Brot und Wein tatsächlich zu Leib und Blut Jesu werden, ist seit Jahrhunderten umstritten und wird unterschiedlich gedeutet.

Gabriele Kraatz erklärt es so: "Im römisch-katholischen Ritus steht im Zentrum, dass wir Brot und Wein tatsächlich als Leib und Blut Jesu sehen." Das sei zwar sehr schwer verständlich zu machen, aber eigentlich ziemlich einfach. "Wenn man sich mal drauf einlässt, dann ist es wie ein Liebesbrief Gottes an uns. Die Tinte steht auf dem Papier, und ich kann die Tinte von dem Papier nicht mehr trennen." Beides zusammen bilde eine Einheit. "Brot und Wein verändern sich durch die Beziehung, in der wir zu Gott stehen."

Wichtig sei, betont Kraatz, dieses Ritual so zu gestalten, dass es auch jüngere Zeitgenossen verstehen und annehmen können. Es müsse nach Formen und Worten gesucht werden, "die den Kern nicht verfälschen, die aber die Botschaft an die Menschen bringen, die heute da sind und nicht vor 500 Jahren oder vor 1.500 Jahren."

Geschichten knüpfen an den Alltag von Kindern an

In der Berliner Kirchengemeinde Maria unter dem Kreuz bereiten sich  Neunjährige auf ihre Erstkommunion vor. In Kürze dürfen sie zum ersten Mal an der Heiligen Kommunion teilnehmen - in festlichen Kleidern und mit Kerzen in der Hand.

Um den Kindern verständlich zu machen, worum es dabei geht, erzählt Sabine Szilagyi eine Geschichte: Ein Vater muss seine Familie verlassen, weil er in einer anderen Stadt arbeitet. Die Familienmitglieder versprechen sich, beim Abendbrot immer aneinander zu denken. "Seit diesem Tag hat das Brot den Kindern, der Mutter und dem Vater in der Ferne anders geschmeckt", erzählt Szilagyi weiter. Das Brot habe eine ganz neue Bedeutung für die ganze Familie, weil sie nämlich beim Abendbrot aneinander denken. In der heiligen Messe werde etwas ganz ähnliches gefeiert.

Symbolbild: Erstkommunionfeier am 07.04.2013 in der Katholischen Gemeinde Mutter vom Guten Rat in Frankfurt am Main (Quelle: imago/epd)

Mit Dornenkronen das Leiden Jesu nachempfinden

Bis heute spielen Menschen in den Passionsspielen den Leidensweg Jesu nach, tragen Dornenkronen und malen sich Blutstropfen an. Sie versuchen, sich in die Rolle des Erniedrigten und Gequälten hinein zu versetzen. Diese Art der Religiosität liegt Pfarrer Walsdorff wiederum fern. "Ich denke, Gott wollte uns nicht klein machen, sondern er wollte uns durchaus auch groß und ebenbürtig – das steht ja schon im Alten Testament - als Ebenbild haben."

Deshalb steht für ihn die Gemeinschaftsfeier des Abendmahls, das den Evangelien zufolge am Tag vor der Kreuzigung stattfand, im Vordergrund. "Da ist etwas Erstaunliches passiert: Ausgerechnet der Jünger, der Jesus verraten hat, saß mit am Tisch." Jesus habe ihn nicht ausgegrenzt, das sei ein "Zeichen der Liebe Jesu, selbst zu denen, die ganz weit außerhalb stehen".

Ähnlich wie die katholischen Kommunionkinder bereiten sich auch in der evangelischen Kirche die Konfirmanden auf ihr erstes Abendmahl vor, sie werden nun zu einem vollwertigen Mitglied ihrer Glaubensgemeinschaft. "Im Mittelpunkt des Abendmahlfeierns mit unseren Jugendlichen und Konfirmanden stand immer das Gemeinschaftserlebnis", betont Walsdorff. "Da kann man gut anknüpfen, weil die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Geborgenheit bei Jugendlichen sehr ausgeprägt ist."

Ist das Kreuz ein gutes Bild für eine Religion der Nächstenliebe?

Juden und Muslime, aber auch manch christliche Theologen fragen heute, ob die Kreuzigung überhaupt eine passende Metapher für eine Religion der Nächstenliebe sein kann. Zumal die Betonung des Leidens Jesu im Verlauf der Geschichte zu massiver Gewalt, gegen Juden führte: "Ihr habt unsern Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen", so hieß es durch die Jahrhunderte.

"Man sollte doch gleichberechtigt neben das Symbol des Kreuzes auch das Symbol der Krippe stellen", betont Pfarrer Walsdorff. "Weil die Menschen mit der Geburt eines Kindes, und dem Weg, der vor einem Neugeborenen liegt, viel mehr anfangen können als mit einem ja letztlich gewaltsamen, blutigen Opfertod."

Das Kreuz als Befreiungsbotschaft

Die Katholikin Kraatz findet dieses Leiden aber auch eine menschliche Erfahrung: "Wenn wir den Umgang der Menschen miteinander anschauen, können wir sagen: Seht, das ist der Mensch, er leidet, er wird zerschlagen, es übt Gewalt aus. Da nehmen wir kein Blatt vor den Mund." Die Menschen würden sich darin wiedererkennen und gerade die unterdrückten Völker sähen in dem Kreuz eine Befreiungsbotschaft.

Aber nicht im Sinne des Erduldens, betont sie. "Das ist die Botschaft, die dahinter steckt: Dass wir die Gewalt überwinden können, dass wir ihr etwas entgegensetzen können, dass es eben nicht dabei stehen bleibt."

Dieser Text ist eine gekürzte und für online bearbeitete Fassung des Hörfunkbeitrags von Barbara Zilllmann für Inforadio. Die ungekürzte Fassung können Sie hören, wenn Sie im Aufmacherbild auf Abspielsymbol klicken.

Beitrag von Barbara Zillmann

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

Filmproduzent Thomas Kufus freut sich am 27.05.2016 in Berlin bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises, der Lola, über die Auszeichnung in der Kategorie "Bester Spielfilm". Die Gala der Verleihung des 66. Deutschen Filmpreises, der mit insgesamt knapp drei Millionen Euro höchstdotierten Kulturauszeichnung Deutschlands, verfolgen rund 1800 prominente Gäste im Berliner Palais am Funkturm. (Quelle: dpa)

Deutscher Filmpreis in Berlin verliehen - Sechs Lolas für den Staatsanwalt

Überrascht hat es wohl niemanden, dass "Der Staat gegen Fritz Bauer" der große Abräumer bei der diesjährigen Filmpreis-Verleihung war. Lars Kraumes Justizthriller ging als Favorit ins Rennen und mit sechs Lolas als Sieger nach Hause. Es war ein glanzvoller Abend mit hohem Unterhaltungsfaktor - zu dem nicht nur die Preisträger beitrugen. Von Ula Brunner