Audio: Inforadio | 14.03.2016 | Ute Büsing

Kritik | "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf" - Leidvoll - aber auch lustvoll

Antonia Baums Roman "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" wurde vor einem Jahr hoch gelobt und böse verrissen. Jetzt hat sich das Junge Ensemble des Deutschen Theaters Berlin das Katastrophenszenario einer abenteuerlichen Kindheit vorgenommen. Von Ute Büsing

Kraftvoll und körperbetont gehen die neun Darsteller dem reichlich skurrilen Text um den ewig abwesenden alleinerziehenden Vater Theodor - einen Arzt, Autoschieber und Halbweltliebhaber - spielerisch auf den Grund. Jeweils drei Erwachsene aus dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin und drei Jugendliche erzählen aus der Perspektive von Johnny und den Zwillingen Romy und Clint von Theodors Lieblosigkeit und dem völlig verwahrlosten Leben daheim.

Sie zeigen auch, dass genau diese Zerstörtheit ihr Zuhause ist und ihre Andersartigkeit sie manchmal fast stolz macht. Sie tragen grauen Schlabber-Einheitslook, denn Marken kriegen sie nicht. Als giftgrüne Müllinstallation hängt der verrückte Theodor-Kosmos, Zentrum ihres Universums, über ihnen. Die giftgrüne Farbe haftet an ihren Fußsohlen. Mit einem giftgrünen Streifen wird beim fliegenden Wechsel in die Vaterrolle dessen verlorenes Auge überklebt. 

So sieht Wohlstandsverwahrlosung aus

Obwohl der flotte 90-Minüter in einem Autounfall, den die drei auf Drogen und auf der Suche nach Theodor verursachen, ein Action-Zentrum hat, kommt das Meiste locker erzählt, abgeklärt lakonisch, oft komisch rüber. Zentrale Erzählfigur mit großen staunenden Augen ist Romy. Baums Figuren erinnern auf der Bühne an Wolfgang Herrndorfs "Tschick". Die flapsige, mit Hip Hop-Zitaten gespickte Sprache des Romans schlägt durch. Das schwere Schicksal mit Regelbesuchen vom Jugendamt und vorübergehend aufgenommenen Fremden, die dann die Polizei holt, kommt so erstaunlich leicht daher.

Die Kinder tragen die Verantwortung für den Vater mit, sie sorgen für sich selbst: klauen, kiffen, dealen. Sie sind drogenverliebt und narzistisch gestört. So sieht Wohlstandsverwahrlosung aus! Aber auf der Bühne wird wie im Roman nicht angeklagt, sondern punktgenau angerissen, wie es ist zwischen Radkappen, Stoßstangen und Tiefkühlpizza. Leidvoll - aber auch: lustvoll. Gut gemacht!

Beitrag von Ute Büsing

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