Nikolaus Harnoncourt beim Neujahrskonzert 2003 in Wien (Quelle: imago/SKATA)

Nachruf auf Nikolaus Harnoncourt - Nicht nur ein Freigeist, sondern ein Befreier

Er war zweifellos einer der bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart. Nikolaus Harnoncourt, am Sonnabend verstorben, galt als Pionier der historischen Aufführungspraxis im 20. Jahrhundert. Kai Luehrs-Kaiser erinnert an den Spitzendirigenten, der an mehrere Wahrheiten in der Musik glaubte.

Nikolaus Harnoncourt war der große Inspirator der historischen Aufführungspraxis im 20. Jahrhundert, aber kein Mann für Spezialisten. Harnoncourt war, ohne jeden Zweifel, der wichtigste Dirigent der Zeit nach Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Ob mit Beethoven, Mozart, Haydn oder Schubert: Harnoncourt fuhr wie ein Donnerwetter zwischen die Maestri des Dirigenten-Establishments. Bei ihm galten ein explosives Klangbild, raue Klang-Oberflächen mit wenig Vibrato, viel Spliss und Sprödigkeit. Er stürzte die Vorherrschaft des Legato und verwies dieses zurück in die Spezialecke der Spätromantik, aus der es kam.

Nikolaus Harnoncourt war ein Revoluzzer – nicht nur der alten Musik. Ein Dogmatiker war er jedoch nicht: "Ich glaube, die erste Aufgabe des Interpreten – der ja im Grunde kein Künstler ist, sondern ein Seismograph – ist es, soviel wie möglich von dem Werk zu begreifen, diesem so nahe wie möglich zu kommen. Als reines Sklaven-Dasein ist das nicht möglich. Dabei kommt auch nichts raus", erklärte er 1993 in einem Interview.

Entscheidung über Nacht

Geboren am 6. Dezember 1929 in Berlin, wollte er ursprünglich Holzbildhauer oder Schauspieler werden. Seine Entscheidung, sich der Musik zuzuwenden, kam über Nacht – beim Anhören einer Beethoven-Aufnahme, ausgerechnet unter Leitung von Wilhelm Furtwängler.1952 kam er als Cellist zu den Wiener Symphonikern. Gemeinsam mit seiner Frau Alice Harnoncourt gründete er das Instrumental-Ensemble Concentus Musicus Wien, mit dem er in über 60 Jahren hunderte von Schallplatten einspielte.

Mit Monteverdi und dem Großprojekt sämtlicher Bach-Kantaten initiierte er eine Rückwendung zum Barock – und einen Paradigmenwechsel für die Klassik. Er orientierte sich stärker als alle vor ihm an der historischen Forschung – jedoch nicht allzusehr: "Wenn ich eine Symphonie aufführe, ist es nicht mein Bestreben, zu erforschen, wie sie damals geklungen hat, und sie dann so aufzuführen wie ich meine, dass sie damals geklungen hat. Das kann man nicht. Das ist eine Illusion", sagte Harnoncourt 1993.

In Berlin eine Persona non grata

Harnoncourt, der einem alten Adelsgeschlecht entstammte und Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Kaiser Franz I. war, glaubte an mehrere Wahrheiten in der Musik. Er war darin nicht nur ein Freigeist, sondern ein Befreier. " Die Größe der großen Musik liegt meiner Meinung nach darin, dass sie auf eine sehr vielfältige Weise interpretiert werden muss. Nicht nur kann, sondern muss. Und wenn es nur einen einzigen richtigen Weg gäbe, um ein Werk zu sehen, dann fällt das Werk nach wenigen Jahrzehnten ab."

Vor Karajans Tod war Harnoncourt in Berlin nicht gern gesehen, eine Persona non grata. Nach 1989 indes gastierte er regelmäßig bei den Berliner Philharmonikern und wandelte sich zur lebenden Legende, an deren wildem Dirigierstil freilich nichts Monumenthaftes zu finden war.

Heerscharen von Dirigenten und Musikern, die für ihn schwärmten

Erfrischend streitbar blieb er in seinem totalen Desinteresse gegenüber Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Mit dem Klassik-Business versöhnte er sich, als er 2001 und 2003 die Wiener Philharmoniker in deren weltweit übertragenen Neujahrskonzerten dirigieren durfte. Von seinen Schallplatten bleiben die Bach- und Monteverdi-Aufnahmen unvergessen, ebenso wie sein Bartok, sein Gershwin, sein Mozart – und das Wort „Klangrede“, das er für den rhetorischen Charakter der Barock-Musik prägte.

Harnoncourt hinterlässt Heerscharen von Dirigenten und Musikern, die für ihn schwärmten und die sein Erbe weitertragen. Er hinterlässt vier Kinder und seine Ehefrau Alice, deren Mitarbeit weit wichtiger war als man von außen vermeinte. Er war der bedeutendste Berliner Dirigent der Gegenwart. Nikolaus Harnoncourt wird bleiben.

Beitrag von Kai Luehrs-Kaiser, Kulturradio

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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