Bejun Mehta (Orfeo) und andere Darsteller stehen bei einer Fotoprobe zum Stück "Orfeo ed Euridice" am 14.03.2016 in der Staatsoper in Berlin auf der Bühne (Quelle: dpa)

Premierenkritik zu "Orfeo ed Euridice" - Leise verklingender Triumph der Liebe

Es ist eine der wohl anrührendsten Geschichten aus der griechischen Mythologie: die Geschichte um Orpheus, der seine geliebte Eurydike aus dem Reich des Todes zurück an seine Seite holt. Christoph Willibald Gluck machte aus diesem Stoff eine Oper, die nun in der Berliner Staatsoper zu sehen ist. Von Barbara Wiegand

Orpheus klagt den Göttern sein Leid, sein unendliches Leid über den Tod der Eurydike. So traurig schön tut er das, dass es des Jupiters Herz erweicht – und dieser den Amor als Boten schickt, ihm die Geliebte zurückzuholen.

So innig und ohne die Künstlichkeit manche seiner Countertenorkollegen stimmt Bejun Mehta als Orfeo seine Klage an, dass der Mythos auf eine ergreifend menschliche Ebene geholt wird. Dabei sitzt er anfangs auf der dunklen, Trauerhalle und Friedhof vage andeutenden Bühne. Im Hintergrund lodert ein Feuer, während vorne am imaginären Grab der Chor als Trauergemeinde der toten Geliebten Blumen nachwirft und Orpheus aus einem leeren Geigenkasten Erde ins Grab rieseln lässt.

Warme Stimme und energischer Countertenor

Die Unterwelt, in die ihn Liebesgott Amor dann auf der Suche nach Eurydike entführt, wurde vom Stararchitekt Frank Gehry als surrealer Traum entworfen, mit Eisblöcken am Tor zur Hades, hinter dem sich eine farbenprächtig heiteren Welt öffnet, deren durcheinander geworfene Vierecke an ein außer Kontrolle geratenes Mondrian-Gemälde erinnern. Die Kernzelle dieses Hades ist ein in einen bedrückend sich verengenden Kubus eingebautes Schlafzimmer.

In diesen Traumwelten lässt Regisseur Jürgen Flimm die Protagonisten am leichten Faden gelenkt agieren. Die Furien, friedlichen Geister, den charmant wendigen Amor, den Nadine Sierra mit so klarem wie gefühlvollem Sopran singt. Die Eurydike – elegant, erotisch, traurig in weißem Brautkleid, Unterrock oder in schwarzen Stoff gehüllt, von Anna Prohaska mit ihrer warmen, nie übermäßig vibrierenden, nie wuchtig dramatisierenden Stimme gesungen. Zusammen mit Mehtas lieblich energischem Countertenor – was für ein Paar.

Liebe überdauert den Tod - doch nur im Traum

Dazu die Staatskapelle Berlin, die einmal mehr unter Daniel Barenboim feine Akzente setzt, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.

Da passt alles zusammen – von Anfang bis zum Ende – wenn Sänger und Orchester den Triumph der Liebe anstimmen, wenn die Flöte diesen leise verklingen lässt, während Orpheus dasteht wie zu Beginn dieser Reise in die Unterwelt, am Grab seiner Eurydike. Und wenn er dort die Erde wie glitzernden Sternenstaub aus seinem leeren Geigenkasten rieseln lässt, dann ist klar: Die Liebe, sie überdauert den Tod, doch nur in unseren Träumen. So einfach wie anrührend machen Regisseur Jürgen Flimm, Dirigent Daniel Barenboim, Sänger und Orchester aus ihrem Triumph eine stille Erinnerung. 

Beitrag von Barbara Wiegand

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