INFOradio Logo (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 15.03.2016 | Magdalena Bienert

Nadja Tolokonnikowa stellt "Anleitung für eine Revolution" vor - "Verkaufe deine Seele nicht zu billig"

Weil sie mit ihrer Punkband "Pussy Riot" in der Moskauer Erlöser-Kathedrale rockte, verbrachte Nadja Tolokonnikowa die Zeit zwischen 2013 und 2015 in einem russischen Straflager. Jetzt hat die 26-Jährige ihre Autobiografie geschrieben: "Anleitung für eine Revolution". Am Montag stellte sie das Buch im Gorki-Theater vor. Magdalena Bienert war dabei.

Mit 26 Jahren hat Nadja Tolokonnikowa bereits ihre Autobiografie geschrieben. Als Mitglied der russischen Punkband Pussy Riot, als Feministin, Aktivistin und Regime-Gegnerin hat sie 2012 weltweit Schlagzeilen gemacht, als sie mit Pussy Riot in einer Moskauer Kirche gegen die enge Verflechtung von Kirche und Staat demonstrierte. Am Montagabend war die junge Autorin im Gorki-Theater in Berlin zu Gast und stellte im Rahmen einer Lesung nebst Gespräch ihr Buch "Anleitung für eine Revolution" vor.

Es ist ein ungewollt komischer Abend. Leider, muss man fast sagen - denn er hätte eindeutig besser laufen können. Aber der Reihe nach. Nadja Tolokonnikowa sitzt entspannt auf der Bühne, die Füße in Turnschuhen auf dem Tisch. Sie trägt eine hellblaue Satinjacke, schwarz-weiße Totenkopf-Leggins und dunklen Lippenstift. Eingerahmt wird sie von ihrer Dolmetscherin und Michail Ryklin, seines Zeichens russischer Philosophie Professor und Kreml-Kritiker - aber weiß Gott kein Moderator.

Nadja selbst kommt erst nach einer halben Stunde zu Wort. Vorher gibt es einleitende Worte und gelesene Passagen aus ihrem Buch "Anleitung für eine Revolution". Dies übernimmt das Maxim-Gorki-Ensemble-Mitglied Cynthia Micas. "Wenn ich meine Seele verkaufen muss, damit Putin verschwindet und in Russland politischer Wettbewerb entsteht, dann tue ich es." Und weiter: "Verkaufe deine Seele nicht zu billig. Entwickle eine Protestkultur."

Die Punkband Pussy Riot 2012 vor Gericht in Russland (Quelle: imago)
2012 steht die Punkband "Pussy Riot" in Russland vor Gericht

Russen haben kein gutes Gedächtnis

Im Buch, einer Mischung aus Tagebuch-Stichpunkten, Revoluzzer-Schrift und Russland-Fakten beschreibt Nadja hauptsächlich ihre Zeit im russischen Straflager von 2013 bis 2015, wo sie aufgrund des aufsehenerregenden Punk-Gebets festgehalten wurde. Es ging um einen zwanzigsekündigen Auftritt, den Pussy Riot in der Moskauer Erlöser-Kathedrale aufführte, das Lied trug den Titel "Mutter Gottes, jage Putin weg".

Nadeschda, genannt Nadja, scheint eine witzige, schlagfertige und kluge Frau zu sein. Leider schafft es Michail Ryklin nicht, mit seinen starr abgelesenen Fragen einen Dialog herzustellen, geschweige denn einen Draht zu ihr zu finden. "Wer schwebt Ihnen als Leser vor?" fragt er. "In allererster Linie ich selbst", antwortet Tolokonnikowa. "Denn ich weiß, dass ein sehr großes Problem aller Russen ein kurzes Gedächtnis ist. Deswegen finde ich es wichtig, es selbst immer wieder zu lesen und mich daran zu erinnern, was ich eigentlich wollte".

Die Ironie der Aktivistin ignoriert Ryklin, er geht auf keine ihrer Antworten ein. Dabei hat die 26-Jährige mehr erlebt, als die meisten bis an ihr Lebensende. "Auf dem Bett sitzen oder liegen ist verboten. Meine Körpertemperatur ist wegen des Hungerstreiks gesunken, mir ist schwindelig. Und aus dem Hahn kommt nur kaltes Wasser", verliest Micas.

Buchtitel will die Autorin ironisch verstanden wissen

Nach einer Dreiviertelstunde gipfelt das seltsame Frage-Antwort-Spiel in der Suche nach einer Antwort darüber, warum Nadja Tolokonnikowa von Penis und nicht von Phallus spricht. Typisch  Philosophie-Professor, findet die Gefragte.

"Phallus ist so ein Symbol der Macht und Penis ist etwas Irdischeres", stellt Ryklin in den Raum. Das Publikum lacht. Tolokonnikowa kontert: "Meine Theorie ist, dass es den Philosophen einfach viel zu peinlich war, das Wort Penis oder Glied in den Mund zu nehmen. Deswegen haben sie 'Phallus' erfunden".

Nadja Tolokonnikowa hat Angst vor zu viel Ernsthaftigkeit. Und sicher ist das Buch auch keine Anleitung für eine Revolution - den Buch-Titel will die Autorin auch ironisch verstanden wissen. Immerhin so viel lernt man an diesem Abend von ihr kennen. Und im Buch selber kann man nachlesen, dass weder Hungerstreik noch Kältefolter den Willen der jungen Mutter und Aktivistin gebrochen haben, in ihrem Land etwas zu verändern. Koste es, was es wolle.

Beitrag von Magdalena Bienert

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

ARCHIV - Bei der Premiere des ARD-Films "George" steht der Schauspieler Götz George am 02.07.2013 im Kino Babylon in Berlin (Quelle: dpa/ Rainer Jensen).

Nachruf auf Götz George - So viel mehr als nur Schimanski

Millionen Zuschauer liebten ihn als "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski, den sensiblen Draufgänger mit der großen Schnauze - doch Götz George konnte viel mehr. Der gebürtige Berliner war einer der wandlungsfähigsten deutschen Darsteller. Er hatte sogar den Mut, seinen eigenen Vater zu verkörpern. Ein Nachruf von Maria Ossowski

Der Schauspieler Götz George am 07.10.2014 auf einer Filmpremiere in Köln (Quelle: imago/Horst Galuschka)

Götz George ist tot - "Berlin verneigt sich in Dankbarkeit"

Er war ein Raubein mit Charme, ein Intellektueller, ein sanfter Künstler, ein aufbrausender Charakter. Götz George war nicht nur einer der vielfältigsten Schauspieler des Landes, sondern ein Mensch mit vielen Facetten - nun ist der gebürtige Berliner im Alter von 77 Jahren gestorben.