Wagner-Plastik vor dem Bayreuther Festspielhaus (Quelle: imago/Spöttel Picture)

Berliner Opern-Krieg um opulenten Wagner-Zyklus - Zwei "Ringe", sie zu knechten

Die Deutsche Oper und die Staatsoper wollen Wagners Ring des Nibelungen nahezu gleichzeitig auf die Bühne bringen. Und lösen damit einen handfesten Streit aus. Denn das monumentalste Werk der Operngeschichte geht über vier Abende und 16 Stunden. Und das parallel an zwei Häusern. Von Maria Ossowski

Wagners Riesenwerk, der Ring des Nibelungen - es schmückt ein Haus oder eben nicht. Geht es gut, kann ein Ring zum Kult werden. Götz Friedrich hat dies vor 30 Jahren an der Deutschen Oper geschafft. Seine Tetralogie im Tunnel ist seither nicht nur ausverkauft, sondern Wagnerianer aus aller Welt reisen an, wenn ein Zyklus auf dem Spielplan steht.

Findet eine Ringinszenierung weniger Freunde, ist das bitter für ein Haus, mag das musikalische Niveau noch so einzigartig sein. Dem Ring des belgischen Regisseur Guy Cassiers an der Staatsoper war ein solches Schicksal beschieden. Ein brillanter Barenboim dirigierte seine wagnergestählte Staatskapelle, eine harzige, unschlüssige Regiearbeit verschreckte die Besucher.

Verstoß gegen das Reglement der Opernstiftung

Vor genau einem Jahr hat die Deutsche Oper auf der Pressekonferenz ihr neues Ringprojekt verkündet. Der norwegische Starregisseur Stefan Herheim inszeniert das Werk, die Premieren finden im Mai 2020 statt. In der gleichen Spielzeit nun wird Dimitri Tcherniakov, ein großartiger russischer Regisseur, den Ring am Haus Unter den Linden präsentieren.

An der Deutschen Oper dirigiert Wagnerexperte Donald Runnicles, an der Lindenoper Wagnerexperte Daniel Barenboim. Dies mag, wie es der scheidende Intendant der Staatsoper Jürgen Flimm launig formuliert, ein Superfest für alle Wagnerfreunde sein, die erstmals in einer Stadt zwei Neuinszenierungen direkt vergleichen können.

Nur widerspricht dieses Procedere eindeutig den Reglements der Opernstiftung. Zwischen zwei Neuinszenierungen eines Werkes aus dem Kernrepertoire, das sind ca 40 Opern, müssen zwei Jahre Pause liegen. Wir haben das beim Lohengrin erlebt, in der Spielzeit 2008/09 ging die Premiere der Staatsoper über die Bühne, in gebührlichem Abstand zwei Spielzeiten später folgte die Deutsche Oper. Dieses Regelwerk hat einen Grund. Alle drei Berliner Opernhäuser sind subventioniert, sie tragen sich nicht allein, die Steuerzahler gewähren der Hauptstadt diese kulturellen Glanzlichter. Folglich müssen die Berliner Häuser einen vielfältigen Spielplan ohne Überschneidungen bei den Premieren präsentieren. 

Inszenierungen brauchen riesigen Vorlauf

Dietmar Schwarz, der Intendant der Deutschen Oper, sagt klar: Wir haben den neuen Ring 2012 angemeldet und vor einem Jahr in der Öffentlichkeit kommuniziert. Jürgen Flimm erklärt, auch die Staatsoper plane schon länger einen Ring.

Die Opernstiftung, der die Entzerrung obliegt, sagt: Die Deutsche Oper hat den Ring zuerst offiziell bekannt gegeben. Was aber nicht heißen soll, so gestern auf Nachfrage Sebastian Pflum, Referent des Generaldirektors, dass die Staatsoper den Zyklus intern nicht eventuell auch schon angemeldet hätte. Öffentlich zuerst kommuniziert, das stünde außer Frage, habe die Deutsche Oper ihren Ring.

Der gesunde Menschenverstand wird jetzt einwenden: Das sind doch noch vier Jahre, Freunde, einigt Euch. Nur hilft der gesunde Menschenverstand hier nicht weiter.  Vier Jahre mögen lang sein für die Planung von Karrieren, Reisen, Hochzeiten oder Kindergeburtstagen. In der Opernwelt  bedeuten vier Jahre "vorgestern", denn die Disposition vor allem der nicht üppig auf Bäumen wachsenden Wagnersänger braucht einen riesigen Vorlauf. Die großen Stars sind auf viele Jahre ausgebucht. Der Opernstiftung ist dieses Dilemma der beiden zeitgleichen Ringinszenierungen bewusst. Der Vorstand unter Generaldirektor Georg Vierthaler arbeite unter Hochdruck an einer Lösung, heißt es.

Die Opernstiftung muss reagieren

Eine Frage bleibt offen: Warum hat die Opernstiftung nicht sofort reagiert, koordiniert und eine Entzerrung der Termine eingefordert? Aus kulturpolitischen Gründen muss es jetzt eine Lösung geben. In einer Stadt, in der die Menschen Monate auf einen Termin im Bürgeramt warten, in der Straßen marode und öffentliche Institutionen chronisch überlastet sind, wird das Verständnis jener Berliner, die keine Operngänger sind, im Falle der Ringdoublette eher gering ausfallen.

Die ewigen, lästigen, und, wie wir hofften, abgeschlossenen Diskussionen könnten wieder aufflackern: Müssen die drei Opernhäuser sein? Ja, antworten wir, sie haben einen entscheidenden Anteil am kulturellen Profil der Hauptstadt. Und schon beginnt eine Auseinandersetzung, die wir längst überwunden glaubten. Die soll es nicht geben, die darf es nicht geben. Die drei Opernhäuser müssen unbeschadet weiter ihre wunderbare Kunst präsentieren. Und die Opernstiftung muss handeln. Sonst gilt, was schon Brünnhilde in der Walküre ahnte: Schlimm fürcht ich, schloss der Streit.

Beitrag von Maria Ossowski

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