Massive Attack am 01.07.2016 beim Barclaycard British Summertime Festival im Hyde Park London (Quelle: imago/Landmark Media)
Audio: Inforadio | 05.07.2016 | Nadine Kreuzahler

Konzertkritik | Massive Attack in Berlin - Geschickt irritierend

Trip Hop gehört zum Soundtrack der 1990er: elektronische Musik plus Hip Hop, hypnotisch und etwas düster. Massive Attack gelten als Erfinder dieses Sounds. Am Montag haben sie in der Zitadelle Spandau gespielt – und mit einer Mischung aus musikalischer Schönheit und politischer Botschaft überzeugt. Von Nadine Kreuzahler

Das Publikum wird schon ungeduldig: Es pfeift, ruft: "Los jetzt!" Da endlich setzt ein Bass ein, der die Magengrube kitzelt. Während am dämmrigen Himmel über der Zitadelle noch Flugzeuge zum Landen ansetzen, hebt unten düster dröhnend der Flieger mit Massive Attack ab. Stroboskopartig flackern dazu Bilder von Flaggen über eine Leinwand.

Das Elektro-Kollektiv aus Bristol ist bekannt für seine politischen Botschaften. Zu sehen sind im Laufe des Abends blutrote Zahlenreihen, die Namen von zerstörten Kulturdenkmälern, Nachrichtenschlagzeilen. Alles auf Deutsch. Immer wieder eine Botschaft: "Wir stehen das zusammen durch." Wie ein Mantra beschwören Massive Attack das immer wieder - als wollten sie sich selbst dadurch beruhigen. Sie seien entsetzt und schockiert über den Brexit und das, was da gerade los sei in Großbritannien, sagt Band-Mitglied Robert Del Naja. Man dürfe das Feld in keinem Fall Rassisten und Fanatikern überlassen.

"Stimmt noch mal ab"

Als Antwort stimmen sie "Eurochild" an. Dazu flimmern Wörter und Slogans  über die Leinwand: "Einheit", "Teilung ist Schwäche", "Lieber zusammen", "Stimmt noch mal ab".

Es ist schon seltsam: Da sind die Schönheit der Musik und die abendliche Traumkulisse der Zitadelle und überall lauter grinsende Gesichter - von grauhaarigen Hemdenträgern oder jungen Kapuzenpulli-Fans, von geschminkten Ladys oder alternativen Studentinnen. Doch auf der anderen Seite gibt es gesellschaftskritische Botschaften und Schreckensstatistiken. Das irritiert ganz geschickt.

Tricky enttäuscht - Massive Attack ganz und gar nicht

Streng genommen ist Massive Attack ein Duo, bestehend aus Robert del Naja und Grant Marshall. Aber eigentlich lebt die Band schon immer von ihren Gästen, auch an diesem Montagabend. Ein Highlight sind die Hip Hopper Young Fathers aus Schottland.

Heiß ersehnt war der Auftritt von Tricky - Ur-Bandmitglied bis 1994, dann auf Solopfaden legendär, mittlerweile in Berlin-Neukölln lebend und seit langer Zeit wieder auf einer neuen Platte von Massive Attack zu hören. Tricky versteckt sich unter einer tief ins Gesicht gezogenen Basecap, krallt sich beim Sprechgesang an seinem T-Shirt fest, zerrt daran und stößt den anderen Arm immer wieder völlig gegen den Takt senkrecht in die Luft. Er nuschelt und zischt ins Mikro und weg ist er wieder. Ein enttäuschender Auftritt.

Der von Massive Attack als Band ist aber alles andere als enttäuschend - im Gegenteil. Schade, dass nach anderthalb Stunden schon Schluss war.

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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3 Kommentare

  1. 3.

    Das Konzert war eher ein lustlose Übungsraum-Session, zum Schluss dann noch schnell ein Hit eingespielt, der sich nach Dose anhörte. Die Botschaften als wenn sie direkt vom N24 Ticker geliefert werden. Super enttäuschend und ärgerlich eine Zeit und Geldverschwendung...

  2. 2.

    Ich war im Februar in Köln beim Massive Attack Konzert, das war der Hammer, aber das hier gestern in der Zitadelle war sehr enttäuschend, die eigentlichen Highlights Teardrops und Angel wurden gar nicht gespielt, und in der Mitte waren ein paar ganz lahme zähe Songs. , außerdem zu viele politische Botschaften.

  3. 1.

    Ich war gestern nicht das erste mal bei Massive Attack. Aber das Konzert war richtig schlecht. Massive Attack haben vielleicht zehn Lieder gespeilt, uninspiriert und emotionslos. Mir schien, die haben gestern einfach ur schnelles Geld machen wollen, trotz ihres ganzen politischen Gehabes. Das Konzert war auch noch zweigeteilt, durch den Auftritt von Young Fathers dazwischen. Insgesamt haben die höchsten 45 min selbst gespielt.
    Und Tricky.... dessen akutes Drogenproblem hatte ich zuletzt bei einem Konzert in Berlin erleben dürfen, obwohl sein davor veröffentlichtes Album eigentlich richtig gut war.
    Mir bleiben ja die Erinnerungen an bessere Konzerte. Trotzdem fliegen die erst mal aus meiner Musikbibliothek raus.

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