Gerhard Moses Heß, der Touren über den St. Matthäus Friedhof anbietet, sitzt vor dem Grab von Rio Reiser. (Quelle: rbb / Stefan Ruwoldt)
Video: Abendschau | 20.08.2016 | Christian Titze

Friedhofsspaziergang zu Reisers 20. Todestag - Rio Reiser, die Grimms und irgendwann auch Rolf Hochhuth

Konzert, Damperfahrt und eine Liveübertragung - Rio Reisers 20. Todestag wird ordentlich gefeiert. Gerhard Moses Heß hat in den vergangenen Jahren so einige Reiser-Fans über den Friedhof in Schöneberg geführt, wo Reiser begraben liegt. Das Jubiläum in diesem Jahr aber soll anders verlaufen. Von Stefan Ruwoldt

Ein Riesentopf mit einer Schneefeder-Funkie, Zauberglöckchen, eine Rose und ein immer noch recht frisches Maßliebchen. In einer Vase eine Sonnenblume in bester Blüte. Und dazwischen ein großes gerahmtes Foto von Rio Reiser. Das Grab ist ein Hingucker. Gerhard Moses Heß nickt wissend. "Da waren auch schon mehr Fotos", sagt er. "Aber da kommen immer neue Sachen. Und verschwinden."

Heß ist alle paar Tage hier. Er ist der Chronist des Alten St.-Matthäus-Friedhofs in Berlin-Schöneberg, der letzten Ruhestätte Rio Reisers. Über "Rio", wie er ihn nennt, will er aber erst einmal nicht reden. Und zum Grab dann vielleicht noch mal später.

Heß setzt sich in die Sonne auf die Bank vor dem Café Finovo am Eingang zum Friedhof. Der Wirt grüßt ihn laut, bringt für Heß einen Cappuccino und stellt neben den Tisch einen Napf mit Wasser für Heß' Hund. Das Café Finovo ist das Tor zum Friedhof, ein gemütliches, ruhiges Plätzchen. Es ist entstanden auf Bemühen des Vereins EFEU, der sich um die Pflege der vielen historisch wichtigen Gräber des Friedhofs verdient gemacht hat, um die Friedhofsgeschichte. "Und die GeschichTEN", sagt Heß und betont dabei deutlich die Endung.

Den Ort entzaubern

Heß schiebt zur Illustration seiner Worte ein kleines Heftchen über den Tisch: "Geschichten fürs Leben". Er ist hier mit Menschen unterwegs auf der Suche nach der Vergangenheit ihrer Angehörigen und ihrer Freunde. Und oft geht Heß mit Kindern über den "Friedhof der Gebrüder Grimm" wie er auch sagt, denn die Brüder sind dort gegraben: "Da verkleiden wir uns dann und über zwei Tage erzählen wir die Geschichten der Grimms."

Heß will den Ort entzaubern, will mit den Menschen die Vorfahren wiederentdecken, deren Leben und Lebensleistungen wiederbeleben. Heß ist neugierig und will damit anstecken. "Kinder haben keine Angst vor dem Tod, die kennen den Tod durchaus, aber bei Begräbnissen werden sie dann oft nicht mitgenommen." Kinder schützen, indem man sie nicht mitnimmt auf die Beerdigung der Oma? "Falsch", sagt Heß.

Er erzählt vom Friedhof der Sternenkinder, also den Gräbern von Kindern, die vor oder wenige Tage und Monate nach der Geburt gestorben sind. Der Friedhof ist nun einmal der Ort, wo man sich von den verlorenen Angehörigen und Freunden verabschiedet. Heß hat eine Botschaft und die will er loswerden.

"Claudia Roth haben die jetzt auch schon wieder interviewt"

Auf "Rio" kommt er dann aber doch sehr schnell wieder zu sprechen, weil sich hier auf dem Friedhof in diesen Tagen so ziemlich alles um den Sänger und Songschreiber, den Dichter und  Frontman von Ton Steine Scherben dreht. "Claudia Roth haben die jetzt auch schon wieder interviewt." Roth war vor ihrer politischen Karriere bei den Grünen Managerin von Ton Steine Scherben. Heß macht eine Pause, nippt an seinem Cappuccino und lacht: "Daran sieht man: Es ist ein Hype."

Den 19. Todestag Reisers hat Heß an Reisers Grab verbracht. Auch Reisers 65. Geburtstag. Ebenso fast alle Jubiliäen davor, seit Reiser 2011 hierher auf diesen Friedhof umgebettet wurde. Den 20. Todestag aber haben Reisers Weggefährten geplant. Ohne Heß. Bootsfahrten, Konzerte, Andachten finden statt, aber nicht wie sonst ein Rundgang auf dem Friedhof.

In der Friedhofskapelle des St.-Matthäi wollen Musiker der "Scherben" gemeinsam mit anderen Künstlern spielen. Es sind Eintrittsveranstaltungen mit einem Motto: "Scherben bringen Glück". Die Veranstalter untertiteln das Ganze: Des "Königs von Deutschland" wird gedacht.

Der "Rauch-Haus-Song" und das Problem mit dem "König"

Reisers Umbettung nach Schöneberg vor wenigen Jahren war eine Art Wiederkehr. Reiser war Berliner, zog dann als Kind mit Mutter und Geschwistern den Jobs des Vaters hinterher: zunächst nach Bayern und später nach Baden-Württemberg, bis er dann aber in den 1960ern als Jugendlicher wieder nach Berlin kam. In den 1980ern zog er dann wieder aufs Land, starb in Nordfriesland, wurde auch dort begraben, aber weil das Anwesen wohl nicht mehr zu finanzieren war für Familie und Freunde, wurde Reiser umgebettet: nach Schöneberg.

Die "Scherben" nennen einige Fans die Band. Diese "Scherben"-Fans finden es ganz sicher doof, wenn Reiser und seine Mitmusiker R.P.S. Lanrue,  Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel auf ihre bekannten Songs "Macht kaputt, was euch kaputt macht", "Keine Macht für Niemand" und den "Rauch-Haus-Song" reduziert werden. Und noch doofer finden es die "Scherben"-Fans - oder  zumindest manche -, wenn Reiser immer nur auf das eine reduziert wird, auf den "König von Deutschland". Aber es passiert. Reiser ist 20 Jahre tot. Und nun erlebt er ein kleines Revival. "Hype" würde es Heß nennen.

Heß würde - er macht es aber nicht, denn über Reisers Musik spricht er heute nicht. Heß spielt Akkordeon und er hatte dieses Jubiläum um Reiser eigentlich auch musikalisch geplant. Die "Anarchistische Musikwirtschaft" sollte spielen und Heß' Reiser-Führung über den Friedhof begleiten. Doch diese Führung ist abgesagt: "Das hätte doch so eine Art Vorband sein können. Aber da führte kein Weg rein", sagt Heß. Sie feiern ohne ihn.

Eine Krone über den Blumen

Neben den Cafétischen des Finovo stehen eine kleine Batterie mit Gießkannen für die Grabpflege und ein Aufsteller für das Rio-Gedenken am Wochenende. Heß wirft seinen Rucksack über und zeigt auf den Weg: "Ja, eine Runde zum Grab." Dann stoppt er aber schon bald wieder: am Mausoleum der Herpichs, einer Pelzhändler-Familien, die in den 1930er Jahren verfolgt und viele von ihnen ermordet wurden. Er schwärmt von den Verdiensten des hier begrabenen Soziologen Hartmut Häußermann, spricht über die Gruft der Familie Strousberg, erzählt über die Anfänge des Gartens der Sternenkinder und erinnert sich zwischendurch immer mal wieder selbst: “Ach, ja. Und zu Rio.“

Aber bevor es zu "Rio" geht, bleibt Heß noch vor dem Grab der Grimms stehen, wo seit wenigen Monaten endlich auch die Tochter des alten Geschichtensammlers Wilhelm Grimm einen Grabstein neben ihren Brüdern hat. "Und warum hatte sie keinen Stein", fragt Heß - und antwortet selbst: "Sie war eine Frau."

Drei Schritte weiter streicht Heß das Efeu von zwei weiteren Grabplatten:  "Und hier unser nächster Promimenter:  Rolf Hochhuth. Ja, der lebt noch, aber er hat sich hier schon sein Grab geschaffen."

Leuchttürme, Herzen und Kronen

Dann aber biegt Heß auf den Hauptweg ein, bleibt nach wenigen Metern stehen und zeigt auf das bunte Rio-Reiser-Grab wie auf eine Bühne. Er hebt den Arm, als präsentierte er etwas, und setzt sich auf eine kleine Steinbank vor das Grab. Ein Leuchtturm aus Glas, ein bunter Schmetterling aus Holz, Rosen, ein Liebesherz mit einem Anker und ein etwas verwittertes Kreuz mit der Aufschrift "Keine Macht für niemand" - es sind lauter kleine und große Symbole zwischen den Blumen. Und nicht zu übersehen sind auch die Kronen - die meisten klein und im Grün versteckt, aber eine sitzt auf einem Stab und ragt über den Grabstein.

In seiner Autobiografie "König von Deutschland" hatte Reiser 1994 geschildert, wie er ein Telegramm erhält: "Du bist wieder koenig von deutschland – stop – wetten dass und verstehen sie spass aquiriert – stop." Und Reiser schrieb: "Ich knülle das Telegramm zusammen."

Heß verabschiedet sich. Er wird wohl vorläufig nicht über den Friedhof gehen. Bis er vorbei ist, der Hype.

Rio Reiser und seine schwere Bürde

Beitrag von Stefan Ruwoldt

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