Ausstellung: Der Britische Blick - Gerhard Richter: Betty (Edition 23/25),1991 - © Gerhard Richter
Audio: Kulturradio | 07.10.2016 | Maria Ossowski

Ausstellung | "Der britische Blick" auf Deutschland - Deutsche Vielfalt ist mehr als "Wurst und Bier"

Wie schauen die Briten auf Deutschland? Sie wundern sich, sagt Neil MacGregor, Initiator einer Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, über Mahnmale inmitten Berlins, Deutsche als Flüchtlinge und Flüchtlinge in Deutschland und staunen über die Vielfalt zwischen Ostsee und Alpen. Von Maria Ossowski

Neil MacGregor ist erstaunt. So viel mehr Platz bietet der Martin-Gropius-Bau für die rund 200 Objekte aus 600 Jahren Deutscher Geschichte als damals das British Museum. Die fünf Kapitel "Deutschland – Erinnerungen einer Nation", "Fließende Grenzen", "Reich und Nation", "Made in Germany" und "Krise und Erinnerung" ziehen sich durch den ersten Stock des Gebäudes. Sie beginnen und enden mit Gerhard Richters Gemälde "Betty", einer jungen blonden Frau, die den Blick zurückwirft.

Journalisten gehen am 07.10.2016 in Berlin bei der Pressevorbesichtigung der Ausstellung "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" im Martin-Gropius-Bau in den Ausstellungsräumen an dem Tor zum Konzentrationslager Buchenwald mit dem Schriftzug "Jedem das Seine" vorbei (Quelle: dpa/Paul Zinken)

Das moderne Deutschland sieht Neil MacGregor symbolisiert in einer 300 Jahre alten Karte aus dem British Museum, "Münzen der Deutschen Lande". "Der allergrößte Unterschied zwischen Deutschland und Großbritannien ist natürlich die regionale Diversität", sagt MacGregor, "und dass sich diese Diversität nicht nur durch Wurst und Bier, Sprache und Dialekt bemerkbar macht, sondern auch durch politische Strukturen". In England gebe es seit 1.000 Jahren dieselbe Hauptstadt, ein einziges Machtzentrum. "Die Idee, dass man die Macht teilen kann und muss, ist uns sehr fremd."

Jedes Land hat ein eigenes Parlament und es gibt den Bundestag. Die Briten staunen wegen der Regionalisierung in unserer Gegenwart - und wir staunen wegen der 200 verschiedenen Münzprägungen der Landesfürsten und Reichsstädte damals.

Geschichte der deutschen Vertreibung in Großbritannien "total unbekannt"

Im Blick von außen, das macht den enormen Charme dieser Ausstellung aus, erkennen wir das Besondere unserer eigenen Geschichte - und auch Gründe für unser politisches Handeln heute. "Die größte Entdeckung für die Ausstellung in London war vielleicht der Handwagen, mit dem eine Familie 1945/46 von Ostpommern in den Westen gezogen ist", sagt MacGregor. "Diese Geschichte der vertriebenen Deutschen war dem britischen Publikum total unbekannt. Sie hatten keine Ahnung, dass 12, 14 Millionen Deutsche aus den Ostgebieten vertrieben wurden." Die Vertreibung sieht MacGregor auch als Grund dafür, warum "die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland so anders verlaufen ist als in Frankreich oder Großbritannien".

"Goethe in der Campagna"

Weimar ist als historische deutsche Stadt gleich drei Mal vertreten. Mit dem ersten internationalen Bestseller der Literaturgeschichte, nämlich mit Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", den auch die Engländer kannten, mit den Designerstücken des Bauhauses und mit dem Tor zum KZ Buchenwald und seiner Inschrift "Jedem das Seine", die von innen zu lesen war.

Mahnmale der nationalen Schande mitten in der Hauptstadt

"Es gibt natürlich Elemente dieser Geschichte, die Ihnen sehr wohl bekannt sind, seit der Grundschule – die uns aber fremd vorkommen", sagt MacGregor. Für ein deutsches Publikum werde beim Betrachten der Ausstellung ein anderer Blick darauf interessant sein, in welchem Maße die deutsche Geschichte "eigensinnig" sei.

"Wir wissen alle, dass natürlich die Jahre des Nationalsozialismus und des Holocaust ganz in der Mitte des deutschen Umgangs mit der Geschichte stehen", sagt Mac Gregor. Diesen Umgang mit der Erinnerung an die deutschen Verbrechen des 20. Jahrhunderts bewundert er am meisten. "Deutschland hat mit sehr großem Mut die schwierigsten Kapitel seiner schrecklichen Geschichte im 20. Jahrhunderts ansehen können. Deutschland hat es gewagt, sich die schwierigsten Fragen zu stellen. Im Herzen der Hauptstadt hätten die Deutschen Mahnmale zu ihrer nationalen Schande errichtet – "ich glaube, es gibt anderswo in der Welt nichts Vergleichbares." Das Wort Mahnmal existiert im Englischen nicht.

"Berlin ist genauso lebendig wie London, aber wesentlich entspannter"

Die Ausstellung erinnert, frischt Kenntnisse auf und überrascht mit ihren hochkarätigen Exponaten. Sie zeigt, wie tief der ehemalige Direktor des British Museum und sein Team verbunden sind mit der deutschen Geschichte und auch der deutschen Gegenwart.

MacGregor lebt jetzt als Gründungsintendant des Humboldtforums mindestens zehn Tage im Monat in Berlin. Er ist ein Pendler zwischen zwei Metropolen, deren Vergleich ihn amüsiert: "Ganz persönlich denke ich, dass Berlin genauso lebendig ist wie London, aber wesentlich entspannter."

"Der britische Blick" | Video: Stilbruch | 06.10.2016 | Petra Dorrmann

Der britische Blick - Ausstellung im Martin-Gropius-Bau (Quelle: rbb)

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

3 Kommentare

  1. 3.

    Schade, wenn dies der Blick der Briten auf Deutschland ist, dann muss noch Vieles nachgeholt werden. Eine furchtbare Ausstellung ohne klare Linie und Konzept. Ein vertaner Samstagnachmittag.

  2. 2.

    Sollen die neidischen Vettern von der Teufelsinsel die Deutschen noch mal "geniessen".
    Was ihr "Kirchenkrank" und die koscheren Berater des amerik. Praesidenten nicht geschaft haben, besorgen die verdrehten BRDlinge jetzt selber...

  3. 1.

    Ach Frau O,. selten hab ich so ein wenig wissenschafts- und wahrheitsbezogenes Atikelchen gelesen.
    Der größte Blödsinn aber ist ihre Darstellung, die Briten wären schon immer ein einheiltich ausgerichteter Staat gewesen, im Gegensatz zu den 300 deutsche Staaten.
    So ein Quark, verzeihen Sie aber Treffender gehts nicht.
    Ist es nicht eher so, dass die "Briten" sich nach jahrhundertelangen internen Kämpfen zu einem Staat zusammengeschlossen haben?
    Sogar der Oberbrite hier heißt Neil McGregor.

    Zusammengefasst: So ein nerviger Artikel!

Das könnte Sie auch interessieren

Emil Jannings und Marlene Dietrich in "Der Blaue Engel" (Quelle: imago/ZUMA/Keystone)

Gegründet vor 100 Jahren - Multimedial, aber vor allem immer noch da - die UFA

Großes deutsches Kino mit Filmen wie "Der Blaue Engel", "Metropolis" und "Münchhausen" - dafür stand die UFA über Jahrzehnte. In diesem Jahr feiert das Filmunternehmen seinen 100. Geburtstag - und produziert schon lange nicht mehr nur für die große Leinwand.

Eröffnung der Ufa-Filmnächte im Livestream auf rbb|24 | heute | ab 21 Uhr