Gisela May 2012 (Quelle: dpa)
rbb Fernsehen | 02.12.2016 | Anne Kohlick

Gisela May ist am Freitag verstorben - Mutter Courage ist tot

Man nannte sie die First Lady des politischen Chansons: Die Schauspielerin und Sängerin Gisela May wurde weltweit auf vielen großen Bühnen mit ihren Brecht-Liedern bekannt. Nun ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben. Von Oliver Kranz

Mutter Courage war Gisela Mays berühmteste Rolle. 14 Jahre hat sie den Planwagen der fliegenden Händlerin über die Bühne des Berliner Ensembles gezogen und der Figur Charme, Witz, aber auch Härte gegeben. "Man sagt immer: Brecht, das ist alles kalt und nüchtern - oh nein, er hatte seinen Figuren sehr viel Gefühl mitgegeben, aber eben auch den Verstand des Publikums gefordert", sagt May.

Gisela May liebte die Figur vor allem wegen ihrer Widersprüche. Mutter Courage verliert durch den Krieg ihre Kinder. Trotzdem verkündet sie, sie lasse sich den Krieg nicht madig machen. "Da wird das Publikum aktiviert: Sie hat doch eben den Krieg verflucht, was ist mit dieser Frau passiert?" Theater, das zum Denken anregt, war für Gisela May immer das Wichtigste. Dass sie auch in den 90er Jahren für das Publikum präsent blieb, hat sie jedoch dem Fernsehen zu verdanken.

Mühsam arbeitete sich Gisela May nach oben

Sie spielte die Mutti in der ARD-Krimiserie "Adelheid und ihre Mörder". Von 1992-2007 hat Gisela May gemeinsam mit Evelyn Hamann vor der Kamera gestanden - und sie hat auch diese Rolle gemocht. Geboren wurde sie 1924 in Hessen. Ihr Vater schrieb Kabaretttexte, ihre Mutter war Schauspielerin." Meine Eltern waren beide links orientiert. 1928 ist mein Vater in die SPD eingetreten. In einem solchen Milieu aufzuwachsen, legte einen gewissen Grundstein bei mir. Aber das Künstlerische war immer vorhanden", erzählt May.

Gisela May war schon als Mädchen klar, dass sie Schauspielerin werden wollte. Mitten im Zweiten Weltkrieg besuchte sie in Leipzig die Theaterschule und wurde danach als Soubrette ans Komödienhaus Dresden engagiert. Von dort arbeitete sie sich kontinuierlich nach oben. Danzig, Görlitz, Schwerin und Halle hießen die Stationen, bevor sie 1951 nach Berlin ans Deutsche Theater kam. "Ich habe mich mühsam von Station zu Station voran gearbeitet. Das war eine wichtige Erfahrung, denn das Handwerkszeug, das lernen Sie nicht in Berlin. Das Handwerkszeug lernen Sie an kleinen und mittleren Bühnen, wo alle vier Wochen eine Premiere ist", erläutert May.

Erinnerung an Gisela May

1957 entdeckte sie Hanns Eisler

Am Deutschen Theater wurden ihr nach und nach größere Rollen angeboten. Sie gehörte schon zu den Stars des Ensembles, als sie 1957 für eine erkrankte Kollegin einsprang und in einem Programm mit Brecht-Liedern auftrat. Nach der Premiere kam ein kleiner, etwas dicklicher Mann in ihre Garderobe. "Eisler. Er stellte sich vor. Und sagte: das sollten Sie weiter machen."

Dieser Satz war die wohl wichtigste Weichenstellung ihrer Karriere. Hanns Eisler, der österreichische Komponist und enge Weggefährte von Bertolt Brecht, wurde ihr Lehrer. Und schon bald ging Gisela May mit Brecht-Liedern auf Tournee: Wien, Paris, London, New York - und überall feierte sie Triumphe. Von 1962 an spielte sie 30 Jahre lang am Berliner Ensemble und setzte dort Maßstäbe.

Kritiker lobten die Schlichtheit ihres Gesangs und seine absolute gedankliche Klarheit. Wenn man sich heute Aufnahmen von Gisela May anhört, kann man es leicht nachvollziehen: Es steht nicht der Stil im Vordergrund, sondern der Inhalt. Das "Lied von der Moldau" war Gisela Mays Lieblingslied.

Die Schauspielerin und Sängerin starb am frühen Freitagmorgen in Berlin. Sie wurde 92 Jahre alt. Ihrem Publikum wird sie an eine der ganz Großen in Erinnerung bleiben.

Beitrag von Oliver Kranz

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