Szene aus "Der Auftrag" am Gorki Theater (Quelle: dpa/Claudia Esch-Kenkel)
Audio: Inforadio | 12.12.2016 | Susanne Bruha

Theaterkritik | "Der Auftrag" am Gorki Theater - Nackt, blutig, schleimig - und wenig mehr

Der Kampf für Freiheit und Gleichheit in Zeiten rechtspopulistischer Machtübernahmen - ein hochaktuelles Thema. Das Berliner Gorki Theater greift es mit "Der Auftrag" von Heiner Müller auf. Doch ein Aufrütteln bleibt aus, meint Susanne Bruha.

Debuisson, einer der drei Abgesandten der Französischen Revolution, wird das Publikum im Berliner Gorki-Theater am Ende mit diesen Worten entlassen: "Ich habe Angst vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein."

Er bringt damit das hedonistische Dilemma unserer Zeit auf den Punkt: In Syrien verfolgen wir seelenruhig die größte humanitäre Katastrophe seit 30 Jahren. In den USA wird ein Irrer Präsident. Die europäische Bevölkerung wählt in einem Land nach dem anderen Rechtspopulisten an die Macht. Und wir gucken Glühwein trinkend zu, können nichts tun - wir haben ja keinen Auftraggeber, der uns in die Welt schickt, etwas zu verändern und den Aufstand anzuzetteln.

Die Nacktheit berüht

Debuisson, Sasportas und Galloudec hatten so einen Auftraggeber - doch der ist entmachtet. Im Text von Heiner Müller hadern die drei jetzt mit Auftrag, Motiven und politischen Idealen. Regisseur Mirko Borscht lässt sie das in einem aus der Perspektive von 1925 - dem Jahr der Ereignisse - futuristisch anmutendem Bühnenbild tun: einem ältlich-piefig wirkenden Science-Fiction-Bahnhof, in der Mitte ein Fahrstuhl.

Im Rückblick erzählt, zieht Debuisson zunächst die nackten Leichen seiner Mitstreiter aus dem Fahrstuhl. Sie erstehen auf - ihre Nacktheit berührt, weil sie warm, menschlich, echt ist. Sie sind gestorben für die Revolution.

Theaterblut und Schleim

Am Flügel singt und spielt die Jazz-Sängerin Romy Camerun, der syrische Theatermacher Ayham Majid Agha rezitiert Text. Für den Satz "Der Tod ist die Maske der Revolution" schmieren sich alle Lehm ins Gesicht, es fließt Theaterblut, die Bühne ist am Ende ein glitschiges Pflaster. In der Verlängerung des Fahrstuhls flackert die ganze Zeit eine Projektion des Maschinenmenschen aus "Metropolis". Dabei wird der Müller-Text weggesprochen.

All das wirkt zusammenhangslos - viele Ideen, wenig Ganzes. Zwar berührt der Text und steuert, über viele leere Aktionen hin, beeindruckend zwangsläufig auf eben jenen zentralen Satz zu: "Ich habe Angst vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein." Die Inszenierung allerdings hat schon lange vorher resigniert. Sie bleibt Antworten und ein Aufrütteln schuldig.

Beitrag von Susanne Bruha

Kommentar

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1 Kommentare

  1. 1.

    Blut, Schleim und Dreck. Jede Herrschaft generiert generiert genau die "Kunst", welche seinem inneren Wesen entspricht.
    Und das solche "Inszenierungen" niemand mehr "aufruetteln", liegt wohl eher in der Gewoehnlichkeit solcher Darstellungen innerhalb des BRD "Kunst- und Kulturbetriebes" begruendet.

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