Der Musiker und Kabarettist Rainald Grebe (Quelle: dpa / Stephanie Pilick)
Audio: Kulturradio | 11.01.2016 | Andreas Göbel

Neues Soloprogramm von Rainald Grebe - Intensives Chaos und emotionale Extreme

Nach vier Jahren ist es endlich wieder soweit: Der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe legt ein neues Soloprogramm vor. "Das Elfenbeinkonzert" ist ein langer Abend, der emotional in die Extreme geht. Von Andreas Göbel

Anlass für den Titel des Abends ist eine Einladung. Eine Bekannte, die beim Goethe-Institut der Elfenbeinküste gearbeitet hat, bat Rainald Grebe, sie zu besuchen und dort aufzutreten. Grebe hat die Einladung angenommen und sich dann den Kopf zerbrochen, was er musikalisch mitbringen könnte.

Was kennt man möglicherweise nicht in der Elfenbeinküste? Deutsche Volkslieder? Oder das Mittelalter? Auf einer großen Leinwand bei der Premiere in den Berliner Wühlmeisen sieht man Videos, wie er schließlich mit Jugendlichen der Elfenbeinküste Lieder singt: "Atemlos" von Helene Fischer und seine eigene "Brandenburg"-Hymne.

Mandy hasst den Handymast

Die Geschichte ist allerdings hauptsächlich ein Aufhänger, um über deutsche Kultur und Tradition nachzudenken. Auch über Begriffe wie Volk, Volkslied oder Volksmärchen. Ist das, was Herder, Goethe, Arnim, Brentano oder die Gebrüder Grimm überliefert haben, wirklich echt aus dem "Volk" oder eher stilisiert? Wie absurd ist es, wenn Robert Schumann ein Klavierstück schreibt mit dem Titel "Fröhlicher Landmann, von der Arbeit zurückkehrend"? Wenn der Bauer nach achtzehn Stunden Arbeit zurückkam, war er sicher nicht fröhlich, sondern eher verdreckt und kaputt.

Daneben macht sich Grebe über das Marketing deutscher Kleinstädte lustig, vor allem über die bisweilen ziemlich unfreiwillig komischen Claims wie "Karlsruhe – viel vor, viel dahinter" oder "Konstanz – die Stadt am H2O".

Es geht um deutsche Sprache, zum Beispiel um einen Freund, der Grebe täglich einen Schüttelreim schickt wie "Mandy hasst den Handymast". Dann beklagt der Kabarettist sich, dass deutsche Hip-Hopper in ihren Texten zunehmend unreine Reime verwenden, und macht auch ein Lied darüber: "Palmöl in Malmö". Es sind die typischen Spitzfindigkeiten von Rainald Grebe: originell und teilweise gleichermaßen hintersinnig wie absurd.

Herzschrittmacher gehackt

Ein weiterer Themenkomplex des Abends behandelt das Thema Digitalisierung. Gleich zu Beginn stellt Rainald Grebe Apps vor: Snapchat etwa, mit dem man Fotos witzig bearbeiten kann, oder Musical.ly, das auf einfache Weise erlaubt, zu Popsongs lustige Videos zu produzieren. Er kommt mit einem alten Koffer auf die Bühne, der ihm mal als Navi dient oder auch Kommentare abgibt wie "Kunden, die diesen Titel mögen, mögen auch (…) Katzenstreu." Oder er führt vor, wie man mal eben schnell im sogenannten "Darknet" Waffen oder ein Kilo Koks kaufen kann.

Ernst und Spaß, Beschreibendes und überzeichnende Satire liegen hier eng beieinander. In seinen Liedern dominiert die Übertreibung, zum Beispiel wenn es heißt: "Mir wurde heute der Herzschrittmacher gehackt – ich habe jetzt 180:120."

Der traurige Hintergrund

Der Abend ist wieder eine Mischung aus Liederprogramm und Kabarett. Eins geht aus dem anderen hervor. Ein mehr als dreistündiges Assoziationsfeuerwerk.

Manchmal stehen Lieder einfach so im Raum wie eines zum Thema Älterwerden, wenn es über die Sehschwäche heißt: "Ich sehe alles verschwommen wie bei Matisse und Monet" oder zum Thema Askese: "Ein Asket ist einer, der weißt: Risotto schmeckt auch ohne Reis."

Wie in den besten Grebe-Abenden liegt auch hier alles dicht beieinander: Man kann sich ausschütten vor Lachen – und dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Es gibt einen Moment, in dem es ganz ruhig wird im Saal. Dann nämlich, wenn Rainald Grebe erzählt, dass seine Bekannte vom Goethe-Institut der Elfenbeinküste, die ihn  eingeladen hatte, im vergangenen Jahr bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen ist. Das stimmt: Die dortige Leiterin, die Kulturmanagerin Henrike Grohs, ist von Terroristen ermordet worden.

"Das Elfenbeinkonzert" lotet emotionale Extreme aus, ist intensiv, chaotisch, hat ein unglaubliches Tempo, erschüttert das Zwerchfell und macht gleichermaßen betroffen. Darüber hinaus bringt der Abend ein paar neue grandiose wortgewaltige und bewegende Lieder. Ein Abend, der lange nachklingen wird und über den man eine ganze Weile nachzudenken hat.

 

Beitrag von Andreas Göbel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren