Susanne Lipp © Gregor Baron
Audio: Kulturradio | 08.03.2017

Interview | Theaterstück über schwulen Deutsch-Libanesen - "Nasser hat nie versucht, sich zu verstecken"

Die Geschichte des jungen Berliners Nasser El-Ahmad hat viele Menschen bewegt: Der junge Berliner aus einer streng muslimischen Familie sollte trotz seiner Homosexualität im Libanon zwangsverheiratet werden. Die Berliner Autorin Susanne Lipp hat aus dem Stoff ein Theaterstück für Jugendliche gemacht.

Das GRIPS-Theater zeigt von Dienstag an "Nasser #7Leben", ein Stück der Berliner Theaterpädagogin und Autorin Susanne Lipp. Es basiert auf der Lebensgeschichte des heute 20-jährigen, aus einer streng muslimischen libanesischen Familie stammenden Nasser El-Ahmad aus Berlin-Neukölln. Weil er schwul ist, wurde Nasser von seiner Familie entführt, um im Libanon zwangsverheiratet zu werden. Nasser wurde gerettet und engagiert sich heute für homosexuelle Muslime. 2015 ist er mit dem Respektpreis gegen Homophobie ausgezeichnet worden.

rbb: Was hat Sie an Nassers Geschichte besonders bewegt?

Susanne Lipp: Besonders beeindruckend ist, dass Nasser trotz der schwierigen Umstände nie versucht hat, sich zu verstecken oder so zu tun, als ob er jemand anders wäre. Er hat immer zu sich gestanden und auch nach seiner Rettung nicht das Leben inkognito gesucht, sondern ist sehr gezielt nach draußen gegangen und wollte seine Geschichte weitererzählen, anderen Mut machen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind.

Sie haben sich ein halbes Jahr lang wöchentlich mit Nasser zu Gesprächen getroffen. Das klingt nach einer besonderen Zeit.

Am Anfang waren wir sehr professionell und haben beide Distanz gehalten. Die ersten zwei Gespräche klangen druckreif, da war deutlich zu spüren, dass er eine große Erfahrung mit der Presse hat. Danach sind wir beide zunehmend persönlicher geworden, es wurde immer persönlicher. Die Gespräche haben an Tiefe gewonnen und er ist immer offener geworden.

Ist die Geschichte nicht für Jugendliche fast ein bisschen zu groß, zu spektakulär? Oder brauchen wir gerade solche Vorbilder, die Freiheit und Gerechtigkeit auch in widrigen Situationen einfordern und leben?

Beides. Eine Coming out-Geschichte muss nicht so groß sein, aber seine Geschichte ist spannend und er ist auch bekannt unter Jugendlichen – im Stück wollen wir auch eine "coming-of-age"-Geschichte erzählen, die auf andere Jugendliche übertragbar ist. Die Situation bei ihm zu Hause hatte auch noch andere Aspekte von Konflikt: Wie sehe ich aus? Wie lange darf ich raus? Mit wem darf ich befreundet sein? Dieses Ringen um Autonomie und Selbstbestimmung erlebt eigentlich jeder Jugendliche.

Wie schwer oder wie leicht fiel es Ihnen, aus diesen vielen Interviews mit Nasser ein Stück zu machen?

Schwer war's nicht. Sein Leben ist natürlich viel länger und viel vielschichtiger, als dass es in einem Stück erzählt werden kann. Es war eher am Anfang die Entscheidung, welchen Ausschnitt nehmen wir jetzt und wie erzählen wir ihn.

Auch Ihr letztes Projekt mit dem Grips-Theater war ein sehr politischer Stoff "S.O.S. for Human Rights" - eine Kampagne, die spielerisch die Geschichte von Geflüchteten auf die Bühne gebracht hat. Wie politisch muss Jugendtheater für Sie heute sein?

Müssen - gar nicht. Aber ich persönlich finde es schon gut, wenn eine Geschichte auf der Bühne auch irgendwas erzählen will, was ein bisschen tiefer geht. Da ist jetzt auch die Frage, wie man politisch definiert, wo fängt's an, wo hört's auf. Aber ich finde schon, dass Jugendtheater irgendwas sagen wollen sollte.

Was wird dieses Stück über Nasser sagen?

Ich hoffe, dass es transportiert: Egal welche Steine einem im Weg liegen, egal wie groß die Brocken sind - es lohnt sich dafür aufzustehen, zu sich zu stehen und dafür zu kämpfen, man selbst sein zu dürfen.

Das Interview führte Shelly Kupferberg, Kulturradio.

Bei dem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung des Interviews. Das gesamte Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Audiobutton im Titelbild des Beitrags klicken.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Hab's gefunden, danke!

    http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2017/03/grips-theater-berlin-rezension-nasser-7leben.html

  2. 2.

    Lieber Stefan,

    wir wissen leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht, was die KollegInnen vom Kulturradio, Inforadio oder radioeins geplant haben. Aber wenn, würden wir eine Kritik auch bei uns veröffentlichen. Beste Grüße

  3. 1.

    Gibt es eine Premierenkritik einer der rbb-Radioprogramme?

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