Making of: die Schauspieler Justus von Dohnányi (Rolle Koch, 2.v.l.) und Matthias Koeberlin (Rolle Behring, r.) bei einer Kameraprobe mit Kameramann Holly Fink (l.) und Regisseur Sönke Wortmann (2.v.r.) (Quelle: ARD/Nik Konietzny)
Audio: radioBerlin 88,8 | 13.03.2017 | Interview mit Sönke Wortmann

Interview | ARD-Serie "Charité" ab 21. März - "Robert Koch war ein Superstar"

Berlin 1888: Wer an einem Blinddarmdurchbruch leidet, hat eine Überlebenschance von 20 Prozent, Ärzte operieren ohne Handschuhe, Frauen sind im Hörsaal tabu. Regisseur Sönke Wortmann hat die Geschichte der Charité verfilmt. Im Interview spricht der Filmemacher über Superstars der Medizin und sein Verhältnis zur Kaiserzeit.

Die ARD-Miniserie "Charité" spielt im Drei-Kaiser-Jahr 1888: Deutschland betrauert den Tod
von zwei Regenten betrauerte und schließlich kommt Wilhelm II. an die Macht. Es war zugleich die Glanzzeit des heutigen Universitätskrankenhauses Charité im Herzen der deutschen Hauptstadt. Hier lehrten zeitgleich Rudolf Virchow, Ernst von Bergmann, Emil Behring und Paul Ehrlich, während Robert Koch über einem Heilmittel gegen Tuberkulose forscht.

Regisseur Sönke Wortmann hat nun die bahnbrechende Ära verfilmt. Die erste Doppelfolge wird am Dienstag (21. März) ab 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Die weiteren vier Folgen werden am 28. März sowie am 4., 11. und 18. April ausgestrahlt.

rbb: Berlin 1888. Damals hatte die Charité noch keinen Strom. Medizin hatte noch viel mit Barmherzigkeit zu tun. In dieses Jahr gab es allein drei Kaiser. Hatten Sie sich mit dieser Zeit vorher schon auseinandergesetzt?

Sönke Wortmann: Nein, sie war mir überhaupt nicht vertraut. Ich hatte das auch nie richtig in der Schule. Als ich mich aber eingelesen habe, war ich sehr fasziniert. Komischerweise ist die Zeit in Fernsehen und Kino auch komplett untererzählt, was mich wundert, weil sie wirklich sehr spannend war.  

Im Hörsaal heißt es immer "Meine Herren". Die logische Erklärung lautet: Frauen durften nicht Medizin studieren.

Ganz genau so war es. Deswegen haben wir in den Filmen volle Hörsäle nur mit männlichen Komparsen.

Die Frauen dagegen sind Schwestern. Es gibt eine Oberin, die sich einmischt und auch mal von den Ärzten zurechtgewiesen wird. In Ihrer Geschichte ist sie so ein bisschen der "Drache".

Es gab damals eine große Konkurrenz zwischen den Ärzten und dem betreuenden Personal. Die Chefin dieses Personals hatte eine machtvolle Position. Sie durfte auch damals in der Charité Dinge bestimmen. Und so gab es Reibereien, die in einem Film immer schön sind.

Sie betont immer wieder: Krankheit ist eine Strafe Gottes, man muss letztendlich nicht alles heilen, sondern lieber etwas mehr beten.

Das war damals der Stand der Dinge: Man hat mehr geglaubt. Ein Krankenhaus war nicht da, um Leute zu heilen, sondern um sie zu pflegen. Wie sie geheilt werden könnten, haben dann die Leute herausgefunden, die als Ärzte in der Charité gearbeitet haben – Rudolf Virchow, Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich.

Es wurden dabei berufliche Eifersüchteleien untereinander austragen. Auch um Liebesbeziehungen geht es natürlich. Hat es Ihnen Spaß gemacht, diese Personen wieder auferstehen zu lassen?

Das hat großen Spaß gemacht. Es ist ja auch Sinn der Sache, diese Personen einem größeren Publikum nahe zu bringen. Damit wir alle wissen, wie vergleichsweise gut es uns heute mit der medizinischen Versorgung geht – im Gegensatz zu der Zeit von vor 150 Jahren.

Damals wurde erstmals ein Blinddarm operiert, das konnten nur wenige. Früher ist man schlichtweg daran gestorben.

Es gab nur zwei, die das konnten. Beide waren an der Charité. Es wurde ohne Handschuhe operiert. Dass es Keime geben könnte, war damals noch nicht bekannt, hat sich dann aber relativ schnell geändert – dank dieser Ärzte der Charité.

Er war nach dem Kaiser die bekannteste Person im Reich. Es gab Teller oder Fächer mit seinem Bild. Er war ein Superstar in der Zeit.

Sönke Wortmann über Robert Koch

Es gibt eine schöne Nebengeschichte, die wohl auch wahr ist: Professor Koch verliebt sich in das 17-jährige Fräulein Freiberg. Er verlässt seine Familie. So eine Liebesgeschichte ist doch ein Segen für Sie als Regisseur?

Ja, ist es – aber auch absolut wichtig. Wenn es diese Geschichte so nicht gegeben hätte, hätte man sie erfinden müssen, finde ich. Aber es ist wirklich historisch korrekt und belegt. Der 47-jährige Robert Koch und die 17-jährige Schauspielerin haben sich wirklich ineinander verliebt. Das war zwar ein riesiger Altersunterschied, aber sie haben geheiratet und sind zusammen geblieben.

Der Kaiser spornt Robert Koch an, auf einem internationalen Kongress Leistung abzuliefern, dann würde er ein Institut seines Namens bekommen. Wie würden Sie Koch beschreiben? Ist er eitel oder besessen in seinem Fach?

Eher sehr widersprüchlich. Erstmal ist er ein brillanter Wissenschaftler gewesen. Und wenn man brillant ist und die Leute das einem andauernd sagen, dann wird man natürlich auch eitel. Er war nach dem Kaiser die bekannteste Person im Reich. Es gab Teller oder Fächer mit seinem Bild. Er war ein Superstar in der Zeit.

Es wird aber auch eine Figur gezeigt, die ihre Abstürze erlebt. So hat Koch ein Heilmittel gegen Tuberkulose erfunden, was nicht funktioniert hat. Er war nicht nur der Held, als den man ihn heute sieht, er hat auch Fehler gemacht.

Sie haben eng mit der Charité zusammengearbeitet, damit am Ende nicht gesagt wird: Das war alles ganz anders.

Ja, es ist mir bei historischen Sachen immer wichtig, dass es nicht nur unterhaltsam für ein breites Publikum ist, sondern dass die Fachleute sehen 'Oh, die haben aber wirklich aufgepasst'. Das heißt, auch Mediziner sollen gut finden, was wir da gemacht haben.

Ida (Alicia von Rittberg) wollte heimlich im Hörsaal der Vorlesung folgen (Quelle: ARD/Nik Konietzny)
Eine Krankenschwester wollte heimlich einer Vorlesung folgten. Hier sind aber nur Männer erlaubt.

Glauben Sie, diese Epoche wird von anderen auch nochmal bearbeitet werden?

Es würde mich nicht wundern. Ich finde zum Beispiel, dass Kaiser Wilhelm II. eine hochinteressante Figur war, dem wir in negativer Hinsicht viel zu verdanken haben. Wenn sein Vater, Friedrich III., nicht an Krebs gestorben wäre, sondern noch zehn Jahre länger gelebt hätte, wäre die Geschichte unseres Landes anders verlaufen und höchstwahrscheinlich auch besser. Ohne Wilhelm II. hätte es den Ersten Weltkrieg vielleicht nicht gegeben, und dann vielleicht auch nicht den Zweiten – man weiß es nicht. Allein seine Geschichte ist schon eine eigene Serie wert.

Das Interview führte Ingo Hoppe, radioBerlin 88,8

Das komplette Interview können Sie oben nachhören.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Wessen Interesse an medizin-historischen Serien nun geweckt wurde, dem sei die Serie "The Knick" ans Herz gelegt, deren Handlung in New York zu etwa gleicher Zeit spielt. Etwas düsterer und inhaltlich mit allerhand Nebenfäden gestrickt ist sie für mich nicht zuletzt in schauspielerischer Hinsicht entscheidend besser.

  2. 2.

    Ich bin etwas enttäuscht, wie dieses Themas umgesetzt wurde.
    Die Idee war sicher gut gemeint und auch das Ensemble gut besetzt.
    Auch war einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler dabei....

    Aber:

    Ich habe etwas länger gebraucht, in die Story reinzufinden.
    Als ich dann drin war, flachte die Geschichte sehr ab....

    Und wenn ich dann denke, dass jetzt noch vier Episoden folgen ......

    Neee, dass muss ich dann doch nicht haben.

    Schade eigentlich....

  3. 1.

    Superstar?

    Andere behaupten, er war ein pseudowissenschaftlicher Scharlatan, ein Schaumschläger, ein Blender.

    Und heute ist die medizinische Qualität an der Charité als sehr schlecht einzustufen.
    Z.B. werden wissenschaftlich längst widerlegte Dinge propagiert, wie Genital-Ops bei Kindern mit uneindeutigem Genitale,

    es werden Menschen als "Transsexuelle" dargestellt, obwohl wissenschaftlich seit Jahrzehnten gesichert ist, dass es Intersexuelle (Zwitter) sind,

    es werden Wurzelkanalbehandlungen propagiert, was den Zahnverlust bedeutet, obwohl seit langem wissenschaftlich Standard ist, die Pulpa mit Kalziumhydroxid abzudecken.

    Es wird die Hirntod-Diagnostik akzeptiert und Organtransplantationen durchgeführt, obwohl bei einem Hirntod auch der Hypothalamus tot ist, ohne den der Rest des Körpers auch intensivmedizinisch nicht am Leben erhalten und für Organtransplantationen verwendet werden kann.

    Charité - kann man nur abraten davon, sich dort behandeln zu lassen.

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