Seth Carico und Ensemble während der Fotoprobe zu "Tod in Venedig" in der Deutschen Oper Berlin. Die Premiere ist am 19. März 2017. (Quelle: imago/Martin Müller)
Audio: Kulturradio | 20.03.2017 | Maria Ossowski

Kritik | "Tod in Venedig" an der Deutschen Oper - Riesige lila Tulpen künden vom Verfall

Leidenschaft und Elend: In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich Brittens "Tod in Venedig". Maria Ossowski hat die Neuinszenierung an der Deutschen Oper Berlin gesehen - mit grandiosem Bühnenbild - und von einem Bassbariton, der gleich sieben Rollen singt.

Nachdem der britische Komponist Benjamin Britten 1976 gestorben war, geschah etwas bis dahin Ungeheuerliches: Königin Elisabeth II. kondolierte seinem Lebensgefährten Peter Pears und erkannte die Verbindung der beiden Männer damit an.

Ist Homosexualität in den aufgeklärten Kreisen der westlichen Welt heute weitgehend enttabuisiert, zeigt Brittens Alterswerk nach der Vorlage von Thomas Manns Novelle noch die innere Zerrissenheit, die homoerotisch Liebende vor 40 Jahren durchlitten.  

Mit den Kumpels in einem Stillleben des Verfalls

Aschenbach, den erfolgreichen Dichter, zieht es in einem heißen Sommer nicht in die kühlen Berge, sondern ins schwüle, stinkende, verfallende Venedig. Ihn ekeln derbe Späße, ein Gondoliere, der den Tod bringen könnte, ein schleimiger Hotelier, ein geschwätziger Friseur, brutale Straßenjungen - bis er schließlich ihn sieht: einen Jungen, Tadzio.

In unser aller cineastischem Gedächtnis ist dieser Tadzio auf ewig verbunden mit dem Gesicht von Björn Andrésen aus dem hinreißenden Meisterwerk von Luchino Visconti. Der blonde, ätherische, überirdisch schöne Junge am Lido, dem Aschenbach, gespielt von Dirk Bogarde, zu Mahlers Adagio aus der 5. Sinfonie verfällt.

In Brittens Oper inszenieren Regisseure Tadzio oft als Tänzer. Der britische Regisseur Graham Vick hingegen wählt an der Deutschen Oper einen eher unscheinbaren, sehr zarten, gerade erst der Kindheit entwachsenden Jungen, der verspielt und sportlich mit seinen Kumpels durch Stuart Nunns grandioses Bühnenbild tobt.

Ein gelungener Abend

In einem überdimensionalen Goldrahmen verwittert, von Papierfrass halb zerstört, ein Porträt von Aschenbach, der hier noch jünger ein wenig an Thomas Mann erinnert. Riesige müde, lila Tulpen liegen quer über der Bühne, als Felsen, als Stillleben des Verfalls, als Mahnung der Vergänglichkeit. Türen öffnen sich verheißungsvoll und bringen neben Leidenschaft doch Elend und Tod. Die Cholera grassiert. Aschenbach, verzweifelt in seinem lästerlichen Begehren, kostet schließlich von verseuchten Erdbeeren und geht durch eine der Türen in den Tod, Tadzios Namen auf den Lippen.

Paul Nilon, einer der führenden lyrischen Tenöre Europas, gibt mit höchster Intensität diesen lebensmüden, alten Dichter, der hin und her gerissen ist zwischen den Ansprüchen an seine eigene Bürgerlichkeit und dem letzten Aufbäumen hormoneller Gelüste. Überstrahlt wird er nur noch von Seth Carico, dem Bassbariton aus Chattanooga, Tennessee, der in gleich sieben Rollen brilliert: als Reisender, als alter Geck, Gondoliere, Hotelier, Straßenjunge, Friseur und Dionysos.

Das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung von Donald Runnicles ist Britten-erfahren und begleitet die oft spröde Komposition sensibel und sublim. Die Oper hat musikalische Längen, die die Inszenierung allerdings auffängt. Ein gelungener Abend an der Deutschen Oper Berlin.

Beitrag von Maria Ossowski

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