Szenenfoto: Zucken - Maxim Gorki Theater Berlin - Copyright: Esra Rotthoff

Kritik | "Zucken" am Maxim-Gorki-Theater - Das Smartphone ist der Motor

"Zucken" von Sasha Marianna Salzmann ist ein erfreulich uneindeutiges Stück. Sebastian Nübling hat es am Berliner Gorki-Theater uraufgeführt, mit sieben energiegeladenen jungen Laien-Darstellern – und einem sicheren Gespür für den Einsatz von Handys auf der Bühne. Von Fabian Wallmeier

Aus dem Zuschauerraum kommen sieben junge Erwachsene auf die Bühne gelaufen, das Saallicht ist noch an. Erst bleiben sie rechts am Rand stehen, schauen herausfordernd ins Publikum, dann lassen sie sich auf Sofas fallen. Einer startet eine Musik-App auf seinem Handy, die anderen tun es ihm nach. Es geht darum, auf den Displays zur Musik herunterfallende Klötze zur richtigen Zeit anzutippen. So wird aus wohltemperiertem Wohlklang schnell eine Kakophonie. Bis einer aus der Runde ein wortloses Machtwort spricht: Er startet mit einem Handy-Tippen einen R'n'B-Track – und vorbei ist die Lethargie. Wie von Gewehrsalven getroffene Zombies tanzen, nein: zucken sie über die Bühne.

Gorki-Hausregisseur Sebastian Nübling hat für die Uraufführung von Sasha Marianna Salzmanns "Zucken", einer Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel, mit jungen Laiendarstellern zusammengearbeitet. Eine gute Entscheidung, denn die unbekümmerte Spielfreude der nichtprofessionellen Schauspielerinnen und Schauspieler unterstreicht die Rohheit des Textes – und lässt zugleich über einige pathetische Überzogenheiten hinwegsehen.

Elif Karci, Yusuf Çelik, Helena Simon, Timo Muttenzer, Martha Benedict in "Zucken" von Sasha Marianna Salzmann, REGIE Sebastian Nübling, AUSSTATTUNG Ursula Leuenberger (Quelle:Ute Langkafel MAIFOTO)
Szene aus "Zucken" von Sasha Marianna Salzmann

An manchen Stellen aber erreicht Sasha Marianna Salzmanns Text dieselbe Dringlichkeit, die vor dreieinhalb Jahren, am Eröffnungswochenende von Shermin Langhoffs Intendanz, ihr erstes und bislang bestes Stück als Gorki-Hausautorin hatte, "Schwimmen lernen. Ein Lovesong". In "Zucken" gibt es zum Beispiel einen sehr starken, höchst ambivalenten Chat-Dialog - zwischen einem Teenie-Mädchen, das offenbar in den Dschihad ziehen will, und einem anderen, der irgendwann nicht mehr antwortet. "Wenn man sagt 'Wahre Schönheit kommt von innen', will man sagen, 'Du bist so hässlich, dass ich in deine Fresse nicht schauen kann, also schaue ich in dich rein'", heißt es etwa einmal – ein Satz, der auch für die Balance zwischen Aggression und Verletzlichkeit steht, die Salzmann in "Zucken" herstellt.

Der ganz normale Teenager-Alltag

Nübling findet eine kluge Umsetzung für den Austausch der beiden – er inszeniert ihn als Whatsapp-Dialog: Sie stehen getrennt voneinander, sprechen die Texte direkt in ihre Handys. Überhaupt ist er wie wenige Theaterregisseure in der Lage, Handys einzusetzen, ohne dass es peinlich wird. Die omnipräsenten Smartphones sind hier kein billiger Regie-Gimmick, um Jugendlichkeit zu behaupten (oder sich über sie zu erheben). Vielmehr sind sie ganz organisch, selbstverständlich und unabdingbar die Motoren der Inszenierung. Die Figuren tragen sie ständig in der Hand. Sie singen und sprechen hinein, teils von Vocodern verzerrt. Sie spielen Musik ab. Sie chatten. Sie filmen sich. Alles wie im ganz normalen Alltag eines Teenagers im Jahr 2017.

Nicht ganz so alltäglich sind im Kontrast dazu einige der Themen, die in "Zucken" angesprochen werden. Worum es letztlich genau geht in Salzmanns wildem Text, lässt sich allerdings nicht so leicht beantworten. Die Eindeutigkeit, die die auf die Rückwand projizierten Zwischenüberschriften suggerieren, weist er jedenfalls nicht auf. Weder das "Was" noch das "Wann" oder das abschließende "Wohin" wird tatsächlich beantwortet. Das ist auch gut so, denn das fragmentarisch anmutende Nebeneinander von szenischen Skizzen macht ein großes Stück des Reizes von "Zucken" aus.

Die Szenen werden mehr oder weniger klar ausbuchstabiert: Mädchen werden zu Kriegerinnen in Kurdistan, Jungs raufen sich und fallen dann übereinander her, eine Mutter verlangt vom Sohn das Medizinstudium und das Bekenntniss zur nationalen Identität. Eines verbindet die meisten Szenen: Sie handeln vom Austesten des Spannungsfelds zwischen Anziehung und Abstoßung – und von der Suche nach der eigenen Identität.

Vier schwarze Ledersofas stehen auf der Vorderbühne, im Hintergrund der Vorhang, die Hauptbühne bleibt versperrt – das rudimentäre Bühnenbild erinnert stark an Nüblings furiose Sibylle-Berg-Inszenierungen am Gorki, "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" und "Und dann kam Mirna", in denen vier Frauen (und später auch ihre Töchter) im Akkord ihren Weltekel auf die Bühne spucken. Auch die Spielweise ist in "Zucken" ähnlich: Die sieben Darsteller rennen über die Bühne, schreien teils im Chor. Nicht ganz so virtuos getimt sind ihre Tiraden, aber dennoch: Der kompakte 65-minütige Abend ist beachtlich choreographiert, die meisten der Darsteller entwickeln eine starke körperliche Präsenz. Sie zucken im Takt der R'n'B-Tracks. Sie boxen. Sie springen in einem großen Bäumchen-wechsel-dich-Parcours von Sofa zu Sofa. Oder sie lungern einfach nur herum, den Blick immer auf das Handy-Display gerichtet. Bis die Musik sie wieder zum Zucken bringt.

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentare

  1. 1.

    Oh Mann, leider haben wir Euere Rezension ernst genommen und haben uns am heutigen Sonntag zwei Tickets a' 28,-€ für dieses Stück gekauft. Ganz ehrlich ? Ich fühle mich vera....t von Euch. Für diese Werbung müsste man Euch verantwortlich machen können und Geld zurück verlangen.
    Wenn das Theater von heute ist, sollten wir alle aufrufen, unsere Steuermittel einzusparen oder anders zu verwenden. Bis auf die, die damit Geld verdienen, braucht kein Mensch sowas.

Das könnte Sie auch interessieren

Zeichner der Mosaik-Hefte bei der Arbeit /(Quelle: rbb Abendschau)

Das 500. Mosaik-Heft - Die Abrafaxe treffen auf Luther

Die Abrafaxe haben mittlerweile über das wiedervereinigte Deutschland hinaus Kultstatus erreicht. In 37 Ländern gibt es treue Abonnenten der Mosaik-Comics mit den Abenteuern von Abrax, Brabax und Califax. Am Mittwoch erschien die 500. Jubiläumsausgabe, in der die drei auf Luther treffen.