Oliver Reese © Gregor Baron
Audio: Kulturradio | 19.04.2017 | Interview mit Oliver Reese: Peter Claus

Interview | Künftiger BE-Chef Reese - "Ich brauche einen richtigen Arbeitsplatz, keinen Thron"

Im Herbst übernimmt Oliver Reese, derzeit noch Intendant des Schauspiels Frankfurt, das Berliner Ensemble. Im Interview erzählt er, was er anders machen will als sein Vorgänger Claus Peymann - und was er von dessen Stichelei gegen ihn hält.

rbb: Herr Reese, Claus Peymann hat über Sie gesagt: "Reese ist Repräsentant einer Generation von gescheiten, gut informierten, aber handzahmen Verwaltern." Was entgegnen Sie Claus Peymann?

Oliver Reese: Ach Gott, ich mache ja jetzt seit 30 Jahren Theater: in der Dramaturgie, und ich habe meine eigenen Stücke geschrieben, wenn auch nur mit der Schere. Ich bin kein echter Autor, aber ich habe eine große Liebe zu Stoffen und Materialien – und habe Stoffe gefunden, die ich aufs Theater bringen wollte: "Bartsch, Kindermörder" war das erste, es ist an 80 Theatern gespielt worden, "Berlin Alexanderplatz" haben wir damals mit Ben Becker am Gorki-Theater gemacht. Ja, ich bin Intendant, ich bin Regisseur von 30,40 Inszenierungen in den letzten Jahren. Das einzige, was ich eigentlich nicht gemacht habe, ist Verwaltung. Soviel dazu.

Wie haben Sie es geschafft, dass die große Aufregung ausgeblieben ist? An der Volksbühne gibt es ja auch einen Wechsel – der hat die Stadt in Aufregung gebracht, viel schmutzige Wäsche wurde gewaschen. Das ist in Ihrem Fall nicht passiert – sind Sie diplomatischer als andere?

Nein, ich glaube, ich habe schon bewiesen, dass ich den Beruf, das Theater irgendwie kann. Das heißt nicht, dass es immer gut gehen muss. In Frankfurt ist es gut gegangen, am Deutschen Theater zusammen mit Bernd Wilms ist es nach anfänglichen Schwierigkeiten auch sehr gut gegangen – wir wurden Theater des Jahres, hatten ganz tolle Regisseure. Wenn ich das so sagen darf: Ich kann mein Handwerk. Ich liebe Schauspieler, habe mit großen Schauspielern zusammengearbeitet, von Ulrich Matthes bis Nina Hoss und Constanze Becker. Ich glaube, dass einfach eine gewisse Vorfreude darauf herrscht, dass ein neues Ensemble ans Berliner Ensemble kommt. Ich stehe für gegenwärtiges Schauspielertheater – und das ist bestimmt an so einem Haus – toi toi toi – nicht ganz falsch.

Wofür Sie stehen, hätte ich gern ein bisschen genauer von Ihnen beschrieben.

Recht haben Sie. In Frankfurt habe ich zu Beginn einen Satz gesagt, der für die Stadt der Schlüssel war: Im Mittelpunkt des Theaters steht der Schauspieler. Das Theater dort war ziemlich leergefegt – und die Leute sind nun vom ersten Tag an gekommen. Wir haben damals mit dem "Ödipus" von Michael Thalheimer eröffnet. Constanze Becker spielte Iokaste – und Marc Oliver Schulze wurde über Nacht ein Frankfurter Star als Ödipus. Das war sattes Schauspielertheater. Frankfurt hat die größte Bühne im deutschsprachigen Raum: 24 Meter Portalbreite, das Berliner Ensemble hat acht Meter. Diesen Raum mussten wir irgendwie greifen – und wir haben großformatige Stoffe gemacht.  In der Kunst sind ja immer die Gegensätze interessant – und nach "riesig" kommt jetzt ein intimes, wenn auch im Zuschauerraum mit 700 Plätzen nicht kleines Theater. Ein Kammertheater, ein Sprechtheater, bei dem man eigentlich nur zwei, drei Schauspieler auf der Bühne braucht – und die Bühne ist voll, man schaut und hört hin. Das war in Frankfurt ganz anders. Insofern freue ich mich auf einen Wechsel im Ausdruck. Und ich finde, Theater darf ganz entschieden in politisch so aufgewühlten Zeiten wie diesen nicht mehr das Klassikermuseum sein, das es viele Jahre lang war.

Frankfurt geriert sich gern als elegante Dame, ist aber oft auch eine etwas aufgetakelte, schon in die Jahre gekommene Dame des horizontalen Gewerbes. Berlin dagegen ist eine sehr dreckige, laute Stadt. Da müssen Sie ein ganz anderes Konzept vorlegen. Was ist ihr Konzept?

Ich habe ja 15 Jahre Theater in Berlin gemacht – insofern weiß ich auch, dass Berlin sehr unterschiedlich ist. Jede Aufführung findet hier ihr eigenes Publikum. Kein Theater kann es sich bequem machen, denn Abonnement, das gibt es nicht. Es gibt einfach die Konkurrenz der fünf subventionierten Sprechtheater, plus die Opernhäuser und so weiter. Ein scharfes inhaltliches Konzept tut also gut, Im Zentrum meines Theaterbegriffs wird immer das Ensemble stehen. Ich mache ganz klar Ensemble-Theater. Die Pi mal Daumen 27, 28 Schauspieler, die fest in diesem Ensemble sein werden, spielen im Prinzip alle großen, wichtigen Rollen. Es wird kontinuierlich arbeitende Regisseure geben, sehr interessante, kräftige Handschriften – und es wird sehr viel Gegenwart geben.

Von jungen neuen Autoren auch?

Von neuen Autoren, nicht unbedingt nur von jungen. Die Theater in Berlin brauchen ja schon eine gewisse Exzellenz. Sonst rümpft der Berliner die Nase. Natürlich gibt es ganz tolle junge Talente. In Frankfurt haben wir Ersan Mondtag entdeckt und entwickelt – der hat bei uns in der Box angefangen, vor 70 Zuschauern – und ist jetzt zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Es wird also ein Händchen für sehr interessante junge Handschriften geben, aber auch ein paar gestandene Meister. Und es wird einfach viele neue Stoffe geben: entweder Stoffe, bei denen einen überrascht, dass sie auf die Bühne kommen, oder aber auch neue englische, amerikanische, französische Stücke. Ich will kein schmales Autorentheater, sondern ich definiere das lieber über den Inhalt: Wovon handelt ein Stück eigentlich und warum spielen wir ihn hier und heute?

Womit werden Sie eröffnen?

Das verrate ich Ihnen am 30. Mai auf unserer Pressekonferenz – da werden wir über die 16, 17 Premieren der neuen Saison selbstverständlich sprechen.

Das heißt, Sie beballern uns gleich mit einem Feuerwerk?

Wir machen ein richtig volles Programm, das ganze Ensemble ist vom ersten Tag an da.

Auch der Regisseur Reese?

Auch der Regisseur Reese, aber in bescheidenen Dosen. Als Intendant muss ich mich erstmal um das Haus an sich kümmern. Ich werde sicherlich immer mal wieder auch selbst inszenieren – in Frankfurt war das mit dem dortigen Ensemble wahnsinnig lustvoll. In Berlin wird es aber pro Saison eher nur eine Arbeit geben. Ich bringe aber auch das eine oder andere mit, um gleich einen Schub im Repertoire zu haben. Es wird schon einen sehr vollen Strauß an neuen Premieren geben am neuen BE.

Sie bringen sicher auch Leute mit – Constanze Becker zum Beispiel?

Darauf dürfen Sie hoffen – und am 30. Mai sage ich es Ihnen dann.

Claus Peymann verlässt einen Thron – was besteigen Sie?

Ich gehe in ein anderes Zimmer im Theater. Nicht wegen Karma-Ausräucherung, sondern das Haus hat Platznot. Das große Intendantenbüro bekommen die Assistenten, da sitzen demnächst sechs Leute drin und ich nehme ein normaleres Zimmer. Ich brauche einen richtigen Arbeitsplatz, ich brauche keinen Thron. Ich brauche im Gegensatz zu Claus Peymann einen Arbeitsplatz mit einem Computer drauf. Ich brauche auch keinen leeren Tisch, worauf er so stolz ist, sondern einen Tisch, auf dem ganz viele Stücke liegen werden und Manuskripte. Ich arbeite also so richtig oldschool-artig."

Das Interview führte Peter Claus, Kulturradio.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung. Das komplette Interview mit Oliver Reese können Sie hören, wenn Sie auf den Player-Button im Titelbild klicken.

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