Gilbert & George vor der St. Matthäus-Kirche (Quelle: Daniel Biskup)
Video: Stilbruch | 18.05.2017

Werkschau von Gilbert & George - Die "Sündenbock-Bilder" von zwei Herren in Tweed

Sie gelten als die "lebenden Skulpturen" der zeitgenössischen Kunstszene: Das Londoner Künstlerpaar Gilbert & George. Ihre provokativen Fotoarbeiten schmücken weltweit zahlreiche Museen – und ab Donnerstag erstmals ein Berliner Gotteshaus. Von Karo Krämer

Gilbert und George lieben die Selbstinszenierung: Ob in ihrer Lebensrolle als "living sculptures", in der sie noch heute in andächtigem Gleichschritt durchs Leben schreiten, oder als zentrale Motive ihrer übergroßen Fotomontagen. Und sie lieben die Provokation. Welcher Ort wäre da für eine Werkschau besser geeignet als die Kirche?

Ab Freitag stellt das sonderliche Londoner Künstlerpaar mit den altbackenen Tweedanzügen einen Teil seiner Werkserie "Scapegoating Pictures", also "Sündenbock-Bildern", in der Berliner St. Matthäus Kirche im Kulturforum in Tiergarten aus. Rund 120 mosaikartige Werke umfasst die Werkserie aus dem Jahr 2013. Immerhn 24 davon präsentiert die Stiftung Kunst und Kultur zusammen mit der Stiftung St. Matthäus im Rahmen der dreiteiligen Ausstellung "Luther und die Avantgarde".

Kunst in der Kirche, das ist zunächst nichts Neues. Doch bei Gilbert und George handelt es sich um alles andere als sakrale Auftragswerke. "Für uns ist es sehr wichtig, die Bilder in einer Kirche zu zeigen. Denn für gewöhnlich ignorierte die moderne Kunstbewegung Religion. Sie dachten, das wäre nur etwas für ungebildete Leute und der gebildete Künstler hat sich damit nicht abgegeben. Und das war ein Missverständnis", so George über den Ausstellungsort. Provokant, kitschig und düster verbildlichen sie die vermeintlichen Feindbilder der westlichen Welt. Nach Auffassung der beiden Künstler sind das in erster Linie: Bomben, Burkas und Drogen. Mittendrin stehen sie selbst, mit verzerrten Masken oder als menschgewordene Lachgasflaschen im Anzuggerippe.

"Astro-Star 2013 von Gilbert & George" (Quelle: Gilbert & George)
"Astro-Star 2013" von Gilbert & George

Lachgas-Kanister als Bildmotive

Die Abbildungen wirken mächtig und raumfüllend in den sonst schlicht gehaltenen Hallen der St. Matthäus Kirche. Aus einzelnen Panels wird ein jedes der etwa drei bis sechs Meter großen Bilder wie eine Art Puzzle zusammengesetzt. Ein immer wiederkehrendes Element sind die grauen, bombenähnlichen Lachgas-Kanister. In London zählt Lachgas unter Jugendlichen zu den beliebtesten Partydrogen. Dass die Behälter auch in Gilbert und Georges Bildern auftauchen, ist jedoch nicht nur durch ihren Wohnsitz bedingt: So war der britische Chemiker Joseph Priestley, der das Gas bereits im 18. Jahrhundert entdeckte, ein großer Befürworter der Aufklärung und der Reformation. Unter dem Titel "Priestley" haben ihm Gilbert und George sogar ein Werk gewidmet, das sie in der St. Matthäus Kirche ausstellen.

"ChristChurch" von Gilbert & George (Quelle: Gilbert & George)
"ChristChurch" von Gilbert & George

Schuld sind immer die anderen

"Die Bilder beziehen sich auf die Moral zwischen dem Westen und dem Osten. So wie in unserer Straße in London: Wir haben die anglikanische Kirche am einen Ende und die Moschee am anderen Ende. Und wir befinden uns in der Mitte", erklärt Gilbert den Hintergrund der Werkserie. "Wir beschuldigen immer die andere Seite, daher das Sündenbock-Motiv." Es sei, so die Künstler weiter, sehr interessant, ausgerechnet in Berlin extreme Bilder zu zeigen: "Schließlich sind wir beide Kriegskinder und dies ist eine Kriegsstadt, die viele Bomben erlebt hat. Wir haben Bomben und Burkas in unseren Bildern. Es ist alles miteinander verbunden."

"Aidrdrop" von Gilbert & George (Quelle: Gilbert & George)
"Airdrop" von Gilbert & George

Sie gehen jeden Schritt gemeinsam

Seit rund 50 Jahren leben und arbeiten Gilbert und George zusammen in ihrem Studio im Londoner Künstlerbezirk Spitalfields. Kennengelernt haben sich die beiden Herren 1967 in der Skulpturenklasse der ehemaligen St. Martins School of Art in London. George sei damals die einzige Person gewesen, die das schlechte Englisch des gebürtigen Südtirolers Gilbert verstanden habe, so erklären die beiden Gentlemen ihre mehr oder minder zufällige Zusammenkunft zu Studentenzeiten. Während George Passmore, Jahrgang 1942, aus dem englischen Plymouth stammt und mitunter am Dartington College of Arts studierte, besuchte der ein Jahr jüngere Gilbert Prousch zunächst die Kunstschule in Wolkenstein.

Seit 2008 sind die beiden nicht nur Schaffens- sondern auch Ehepartner. Egal, welchen Schritt Gilbert und George unternehmen, sie tun es immer gemeinsam. "Wir zeigen unsere Vision von der Welt, sie ist unsere Lebensreise. Wir nennen es den Gang der lebenden Skulptur durch die Welt, bei dem wir mit allem Guten und Bösen in der Welt konfrontiert werden", sagt Gilbert. George fügt hinzu: "Und wir glauben, wir liegen richtig. Falls nicht, kann uns Jesus ja bestrafen."

Beitrag von Karo Krämer

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