Blue Noses An Epoch of Clemency 2005 C-Print 100 x 130 cm Courtesy DIEHL, Berlin
Audio: 13.06.2017 | Maria Ossowski

Bröhan-Museum nimmt sich den Kuss vor - Denn zum Küssen sind sie da ...

Er ist nicht nur leidenschaftlich, romantisch, erotisch oder freundschaftlich: Ein Kuss kann politisch sein und gefährlich, obsessiv, falsch, gleichgültig, sogar ein Todesbote. Nicht umsonst hat dieser ganz besondere Lippenkontakt die Kunst inspiriert. Von Maria Ossowski

120 Exponate von 68 Künstlern in sieben Themenräumen des Bröhan-Museums beweisen: Der Kuss ist als kleine Geste eine große Inspiration für die Kunst.

Als Obsession in Malerei und Skulptur betrat er erst Ende des 19. Jahrhunderts die Kulturgeschichte. "Es gab vorher viel, doch vor allem in der Literatur. In der Bildenden Kunst ist Rodin einer der ersten, der das ganz prominent aufgreift. Er ist stilbildend und steht am Beginn einer langen Beschäftigung mit diesem Motiv", sagt Anna Großkopf, die Kuratorin der Ausstellung "Kuss. Von Rodin bis Bob Dylan", die am Donnerstag im Berliner Bröhan-Museum eröffnet.

Der Kuss wird transformiert

Mit seinem Kuss, "Le Baiser" von 1887, im Bröhan-Museum als Chefmodell in Bronze, begann die Faszination, die das Motiv des Kusses auf Künstler in aller Welt ausübte. Rodins Skulptur geriet übrigens zum Skandal. Viele Jahre durften nur erwachsene Männer sie hinter einem Vorhang betrachten. Die Frau umfängt den Nacken des Mannes, ihr linkes Bein drängt zwischen seine leicht geöffneten Schenkel.

Ein Tabubruch mit Folgen: Franz von Stuck oder Edvard Munch, Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Hofer bis hin zu Marina Abramović und Bob Dylan haben den Kuss transformiert. Ein zentrales Jugendstilwerk haben viele Künstler überformt: Die zwei symmetrischen Gesichter mit oben verflochtenen Haaren gerieten zum Ornament. "Das geht los mit Peter Behrens, einem berühmten Farbholzschnitt 'Der Kuss", 1878 im Pan erschienen. Der wird zu einer Ikone des Grafikdesigns im Jugendstil. Er wird ganz häufig aufgegriffen, variiert von anderen Künstlern, und wirklich auch in Ornamente überführt. Der Kuss hat mit diesen beiden Gesichtern, die sich einander zuneigen, so eine Symmetrie, die ganz natürlich entsteht und sich natürlich auch ornamentalisieren lässt", erklärt Anna Großkopf.

Kuss. Von Rodin bis Bob Dylan

Der Nobelpreisträger und Musiker Bob Dylan ist auch Maler und lässt in einem Ölgemälde von 2012 zwei Männer sich freundschaftlich küssen. Sein Bild berührt ein wichtiges Thema der Ausstellung: "Es gibt Küsse, die einfach politisch sind, weil sie noch immer nicht selbstverständlich sind in unserer Gesellschaft. Homosexuelle Küsse, interkulturelle Küsse, Küsse zwischen Angehörigen verschiedener Religionen", sagt Großkopf.

Nicht zu vergessen: der Kuss von Honecker und Breschnew. "Das ist der politische Kuss per se und vielleicht auch der berühmteste Kuss Berlins. Als Graffiti der East-Side-Gallery ist er das meistfotografierte Mauerstück. Wir zeigen hier die Originalskizze und dazu noch eine Grafik."

Trump küsst Putin

Aus dem Libanon kommt das Sprichwort: Lieber eine ehrliche Ohrfeige als ein falscher Kuss. Dies gilt auch für ein besonders aktuelles Exponat der Ausstellung, das eine Collage auf Papier des bekannten deutschen Künstlers Siegfried Neuenhausen zeigt.

"Das ist eigentlich eine Zeichnung eines Künstlers, der sich sehr intensiv mit seiner Lebenswirklichkeit – auch viel mit seinem zunehmenden Erblinden auseinandersetzt – und wie in einem Tagebuch alle seine Gedanken und Probleme überarbeitet", sagt der Direktor des Bröhan-Museums, Tobias Hoffmann. "Daraus hat er eine Zeichnung gemacht: Trump küsst Putin. Damit thematisiert er wunderbar diese ganze Tagesaktualität der Verwicklung von Russland und den USA.

Der Kuss als anthropologische Konstante und als Motiv der Kunstgeschichte erstaunt und erfreut. Die Ausstellung ist ein kleines Juwel. Über ihr schweben die schönen Zeilen von Rilke:

Der Kuss ist ein Lied
Ein wortloses Lied;
Ein Kuss, der geschieht!
Er löst das Soll zweier Seelen
In vollen Mollakkorden sich:
Küsse mich....

Beitrag von Maria Ossowski

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