Kunstrosen stehen auf einer Rasenfläche vor der Volksbühne in Berlin (Quelle: dpa/Rainer Jensen)

Neue Intendanz unter Dercon - Petition will Zukunft der Volksbühne neu verhandeln

Die Unterstützer der alten Berliner Volksbühne unter Frank Castorf wollen sich offenbar nicht mit dem neuen Chef Chris Dercon abfinden. Obwohl der Postenwechsel beschlossen ist, kämpfen sie erneut mit einer Online-Petition gegen das neue künstlerische Konzept.

Die Unterstützer des scheidenden Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf wollen sich nicht mit dem Wechsel an dem Theater zufrieden geben. Obwohl der Übergang längst beschlossen ist, wurde vor drei Tagen erneut eine Petition mit ähnlichem Inhalt ins Netz gestellt. Sie hat die Überschrift "Zukunft der Volksbühne neu verhandeln/Re-negotiating the Future of the Berlin Volksbühne". Bis zum Dienstagmorgen hatten bereits rund 2.500 Unterstützer unterschrieben.

Sie richtet sich an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), Kultursenator Klaus Lederer (Linke), die Vorsitzende des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten Sabine Bangert (Grüne), die Mitglieder des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten, die Vorsitzenden der im Abgeordnetenhaus von Berlin vertretenen Fraktionen, die Mitglieder des Abgeordnetenhauses von Berlin und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). 

Begründet wird die neue Petition mit dem Programm, das der designierte Intendant Chris Dercon im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses vorgestellt hatte. Dabei sei deutlich geworden, dass der im Haushaltsplan 2016/17 definierte Auftrag, die Volksbühne als ein im Ensemble- und Repertoirebetrieb arbeitendes Theater beizubehalten, nicht erfüllt werden könne. Weder sei ein "eigenes Ensemble vorgesehen, noch ein Repertoirespielbetrieb". Stattdessen werde mit "überproportional vielen Schließtagen gespielt". Zudem werde mit den eingeladenen Künstlern ein Mehrfachangebot geschaffen, da das Programm über Festivals und andere Produktionshäuser wie etwa das Haus der Berliner Festspiele und das Hebbel am Ufer (HAU) im Ansatz bereits abgedeckt sei.

Die Petition fordert Kultursenator Lederer auf, ein dauerhaftes Ensemble an der Volksbühne mit einem eigenen Repertoire zu ermöglichen. Dieser Auftrag sei auch vom Regierenden Bürgermeister Müller immer wieder unterstrichenen worden. Zudem solle die Diskussion um die Zukunft der Volksbühne unter Einbeziehung der Berliner Öffentlichkeit neu geführt werden. Damit solle der "Spielbetrieb an einer der wichtigsten Berliner Bühnen" sichergestellt werden.

In der Petition wird darüber hinaus damit argumentiert, dass die Entscheidung über einen grundlegenden Strukturwandel an der Volksbühne in der vergangenen Legislaturperiode von oben herab getroffen worden sei und dieser Beschluss von vielen Berlinern nicht mitgetragen werde. "Jede Nacht demonstriert ein generationenüberspannendes Publikum mit nicht enden wollenden standing ovations an der permanent ausverkauften Volksbühne gegen deren Abwicklung", heißt es wörtlich. Und weiter: "Denn sie steht für einzigartige, international anerkannte Formexperimente im deutschsprachigen Sprechtheater, deren Entwicklung ohne die nachhaltigen Produktionsbedingungen, die das Modell Volksbühne bislang getragen haben, nicht denkbar sind."

Die Unterzeichner der Petition begründen ihre Unterstützung etwa damit, dass sie als Teil des Volkes mitbestimmen wollen, wer die Volksbühne leitet. "Nie wieder soll jemand, der keine Ahnung hat von Theater, bestimmen, wer die Volksbühne leiten soll. Dafür zahle ich keine Steuern", heißt es.

Auch als "Stachel im Rücken des Kapitalismus" wird die Volksbühne bezeichnet. An ihr habe diese Unterstützerin viel gelernt über das "Experimentieren und das Fehler machen und darüber, dass es in Berlin noch Inseln des Ungehorsam gibt". Sie sei eine "letzte Insel in einem Berlin Mitte, was es nicht mehr gibt".

Eine weitere Unterzeichnerin argumentiert, dass den Berlinern ein Ort gestohlen worden sei. Jede Chance für eine kreative Weiterentwicklung sei verbaut worden. Stattdessen gebe es "Eventmanagement, als ob es das nicht schon in der Stadt genug gäbe - sie Hau I, II, III !!".

Viele Mitarbeiter und Anhänger der Volksbühne hatten bereits im vergangenen Jahr mit einem offenen Brief und einer Onlinepetition gegen ihren neuen Chef protestiert, den Kuntsexperten Chris Dercon.

Die Ära Frank Castorf an der Volksbühne war am Wochenende mit einem Abschiedsfest nach 25 Jahren zu Ende gegangen.  Am Samstag verabschiedete er sich mit der letzten Vorstellung seiner Inszenierung von Ibsens "Baumeister Solness". Castorfs Ablösung durch den belgischen Kunstmanager Chris Dercon stößt in der Berliner Kulturszene auf wenig Gegenliebe.

Nach langem Hin und Her waren zuvor bereits das Volksbühnen-Rad auf dem Rasen vor dem Theater und der Schriftzug "Ost" vom Dach des Theaters abmontiert worden. Mit dem Abbau der beiden symbolträchtigen Wahrzeichen wollen Kritiker das Ende einer großen Theater-Ära sinnbildlich veranschaulichen.

Die Skulptur in Form eines Rads wurde von den Volksbühnen-Fans am Samstagabend betrauert - die Stelle, wo das sogenannte Räuberrad stand, stilisierten sie mit Blumen und Kerze zum Grab. Castorf selbst hat angekündigt als freier Regisseur weiterzuarbeiten. Er wird unter anderem am Berliner Ensemble inszenieren.

Sendung: Abendschau, 04.07.2017, 19.30 Uhr  

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Da muss ich mich wohl an die Nase packen. So unrecht hast Du damit nicht. Mir geht halt die Weinerlichkeit auf den Geist, die nun in der Säule Ausdruck findet. Nach uns nur noch Ruinen. Jahrelang habe ich die Volksbühne genossen und erlitten. Es ist sehr schade, dass dies nun in seiner bestehenden Form ein Ende hat. Nur, den Abgang hätte ich mir würdevoller gewünscht und wer weiß, ev. kommt etwas Überraschendes. In München waren Viele glücklich mit Dercon. Für das Ensemble tut es mir leid, allerdings ist es recht ungewöhnlich so lange in festen Gefügen wirken zu können. Nicht dass ich das für problematisch halte, schön für alle Beteiligten, nur selbstverständlich ist es nicht. Nach 25 Jahren ist es ein Schock.

  2. 2.

    Polemik macht die Sache nicht viel besser und ist auch nur ein Zeichen von Arroganz. Das Publikum der Volksbühne steht der autonomen Szene überhaupt nicht nah und die Intendanz des ehemaligen Spielhauses hat diese auch in keinster weise befeuert.
    Aber schon klar, mit Arroganz argumentieren und sich dann selbst arrogant erheben, scheint voller Sinn.

    Zum Thema: Es ist durchaus sehr schade, dass Berlin ein Ensembletheater wie die Volksbühne verliert. Es hätte der Stadt keinen Schaden zugefügt, wenn man dem neuen Intendanten ein eigenes Spielhaus zur Verfügung gestellt hätte. Theaterbrachen gibt es in Berlin genug und Theater oder Festivalhäuser kann es gar nicht genug geben. Lieber ein Theater mehr, als noch so ein Konsumtempel.

  3. 1.

    ,Nie wieder soll jemand, der keine Ahnung hat von Theater, bestimmen, wer die Volksbühne leiten soll. Dafür zahle ich keine Steuern"
    Wer bestimmt das? Arroganz ist keine vernünftige Instanz. Eine Haltung, die von wenig Reife zeugt. Nicht einmal originell.
    Auch 'Stachel im kapitalistischen System' stickt. Vom Steuergeld als Staatsdiener leben und das als Belastung empfinden ist eine lächerliche und unglaubwürdige Jammerhaltung.
    Logisch, dass sich Castorf nun als Brandstifter betätigen will. Er wird viele Freunde unter den Autozündlern finden. Autonom dank Bezüge aud Staatskasse. LOL!

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