Die ungarische Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi steht mit ihrem Goldenen Bären für den Film "On Body and Soul" vor den Fotografen am Berlinale Palast (Quelle: dpa/Jens Kalaene)

Fazit: Das war die Berlinale 2017 - Zwei verliebte Hirsche und viel Mittelmaß

2017 war kein starker Berlinale-Jahrgang, zumindest was den Wettbewerb angeht. Die Jury hat dennoch klug entschieden und würdige Preisträger gefunden. Mit "On Body and Soul" gewann dieses Mal erfreulicherweise echtes Kino – und keine politische Botschaft. Von Fabian Wallmeier

Der Goldene Bär für Ildikó Enyedis "On Body and Soul" ist eine kleine Überraschung, aber eine nachvollziehbare und durchaus erfreuliche Entscheidung. Denn der ungarische Film atmet den Geist des Kinos und verlässt sich auf seine Bilder - weitaus mehr als die meisten anderen Beiträge in diesem Jahr. In "On Body and Soul" lernen sich zwei Kollegen erst in gemeinsamen Träumen lieben, und zwar als durch einen verschneiten Wald laufende Hirsche. Erst später treffen sie sich auch im wahren Leben. Der Film ist gleichzeitig formstreng und sinnlich, schräg und anrührend. Angenehm spröde gespielt und kunstvoll fotografiert ist er obendrein. Damit hat das selbsternannte politischste Filmfestival einen zumindest auf den ersten Blick gänzlich unpolitischen Film mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

Aki Kaurismäki bleibt sitzen

Top-Favorit Aki Kaurismäki musste sich dagegen mit dem Silbernen Bären für die beste Regie begnügen – was ihm möglicherweise zu wenig war: Als der Regie-Bär für "The Other Side of Hope" verkündet wurde, sorgte der störrische Altmeister der Lakonie für den einzigen Moment echter Coolness beim von Anke Engelke wegmoderierten Bären-Übergabe-Schnelldurchlauf: Kaurismäki blieb einfach sitzen. Die Jury musste herbeieilen und ihm den Silbernen Bären an den Platz bringen. Der finnische Regisseur hatte während der Berlinale erklärt, dass dieser Film sein letzter sein werde.

Kein zweites "Fuocoammare"

Dass "The Other Side of Hope" nicht den Goldenen Bären gewonnen hat, ist ganz gut so, denn mit dem Hauptpreis für Kaurismäkis Flüchtlingsgeschichte hätte sich die Jury angreifbar gemacht. Sie hätte sich den Vorwurf anhören müssen, sie entscheide nicht nach künstlerischen Kriterien, sondern nach politischen – vor allem nachdem schon im vergangenen Jahr ein Film zur Flüchtlingsthematik den Goldenen Bären gewonnen hatte. Der damals ausgezeichnete Dokumentarfilm "Fuocoammare" ist allerdings im Gegensatz zu Kaurismäkis hübsch lakonischem Appell für mehr Humanismus bestenfalls ein mittelmäßiger Film.

67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 18.02.2017, Preisverleihung der Bären: Der Regisseur Aki Kaurismäki aus Finnland ("Die andere Seite der Hoffnung"/"Toivon tuolla puolen") wird mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki

Wettbewerb war reich an starken Frauenfiguren

Der Große Preis der Jury ist eine große Überraschung – und vielleicht die einzige politische Entscheidung im diesjährigen Bären-Reigen. Alain Gomis wurde für "Félicité" geehrt, einen Film, der die schwierigen Lebensumstände in der Republik Kongo zum Thema hat. Man hatte ihn, wenn überhaupt, dann eher als Kandidaten für die beste Darstellerin auf dem Zettel. Vero Tshanda Beye spielt mit großer Kraft eine vom Schicksal geprüfte Sängerin und Mutter in Kinshasa.

Die Auszeichnung für die beste Schauspielerin ging stattdessen vollkommen zurecht an Kim Minhee. Sie war neben Daniela Vega, die in "Una mujer fantástica" eine Transfrau spielt, die stärkste Darstellerin im an starken Frauenfiguren reichen Wettbewerb. Kim spielt in Hong Sangsoos Komödie "On the Beach at Night Alone" sensationell gut eine Schauspielerin, die in einer Existenzkrise steckt und in kürzester Zeit von einem emotionalen Extrem ins nächste wechselt. Daniela Vega wird sich vielleicht damit trösten können, dass zwar nicht sie selbst, aber ihr Film eine Auszeichnung erhielt: Sebastián Lelio und Gonzalo Maza bekamen für ihr gleichermaßen sensibles wie kraftvolles Drehbuch einen Silbernen Bären.

Die Bärensammler

Georg Friedrich als wunderbarer Kotzbrocken

Der Darsteller-Bär für Georg Friedrich geht ebenfalls in Ordnung. In Thomas Arslans Road-Movie "Helle Nächte" spielt er wunderbar kotzbrockig einen Vater, der sich auf einer Norwegen-Reise sehr ungeschickt seinem Sohn anzunähern versucht. Allerdings wäre es fair gewesen, wenn die Auszeichnung zu gleichen Teilen auch an Tristan Göbel, den jungen Darsteller des Sohnes, gegangen wäre – er spielt absolut auf Augenhöhe mit Friedrich.

Auch der Silberne Bär an die Cutterin Dana Bunescu für ihre künstlerische Leistung beim Schnitt von "Ana, mon amour" ist nachvollziehbar. Bunescu verleiht Călin Peter Netzers Beziehungsdrama, das aus vielen intimen Nahaufnahmen besteht, einen dichten Flow. Sie wechselt sehr organisch die verschiedenen Zeitebenen des Films.

Ehrung von Pokot mit dem Alfred-Bauer-Preis ist ein Fehlgriff

Einen absoluten Fehlgriff haben Jury-Chef Paul Verhoeven und seine Kollegen sich dann aber doch geleistet: Agnieszka Hollands "Pokot" galt vielen als Favorit auf eine der Auszeichnungen, ihn aber ausgerechnet mit dem Alfred-Bauer-Preis zu ehren, ist eine geradezu absurde Entscheidung. Dieser  soll laut Statut einen Wettbewerbsfilm auszeichnen, "der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet". Doch welche neuen Perspektiven soll dieser konventionelle Öko-Thriller wohl eröffnen?

Es gab eine lange Reihe von Belanglosigkeiten

Insgesamt aber hat die Jury eine sehr kluge, angemessene und ausgewogene Auswahl getroffen. Sie hatte in diesem Jahr keine leichte Aufgabe. Denn die Filmauswahl, die ihr für die vielen Preise zur Verfügung stand, war insgesamt so schwach wie seit Jahren nicht mehr. Dass unter den sechs Filmen, die im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wurden, keine große Kinokunst zu finden war – geschenkt. Denn dieses Konstrukt, dessen Absurdität sich übrigens erst auf Englisch vollständig entfaltet ("in competition out of competition"), ist nichts als ein auf Festivals beliebtes Promo-Instrument.

Erschreckend ist vielmehr, wie wenige wirklich herausragende Filme innerhalb der Konkurrenz zu sehen waren. Katastrophal miese Filme waren zwar die Ausnahme, aber es gab eine lange Reihe von Belanglosigkeiten aus dem unteren Mittelfeld. Wäre es vorstellbar, dass etwa ein Anfängerfilmchen wie "Wilde Maus" im Wettbewerb von Cannes liefe? Oder dass das Rennen um die Goldene Palme mit einer uninspirierten Biopic-Nichtigkeit wie "Django" eröffnet würde? Wohl kaum.

Wettbewerbstaugliches im Forum

Dabei ist es gar nicht so, dass auf der Berlinale insgesamt Mangel an spannenden Filmen herrschen würde – nur laufen viele von ihnen in anderen Sektionen. Nun eignet sich nicht jeder abseitig-artifizielle Forums-Film für den Wettbewerb. Aber einige hätten ganz sicher das Format für den ganz großen Berlinale-Auftritt gehabt. Mit der unter anderem am Lars von Trier geschulten Versuchsanordnung "Tamaroz" hätte die Berlinale ihre gute Tradition fortsetzen können, dem iranischen Kino die große Bühne zur Verfügung zu stellen. Mit Alex Ross Perrys Brooklyner Beziehungsstudie "Golden Exits" hätte man einen filmsprachlich sehr eigenständigen Forums-Film im Wettbewerb zeigen können, der sicher kontrovers aufgenommen worden wäre – und auf dem roten Teppich wären noch ein paar bekanntere Schauspieler zu sehen gewesen: Chloe Sevigny und Mary-Louise Parker zum Beispiel.

Schauspieler Hugh Jackman (Bild: dpa)
Hugh Jackman bei der Berlinale 2017

Manko aus Marketing-Sicht: Der Mangel an Stars

Denn ein Manko aus Marketing-Sicht war in diesem Jahr der große Mangel an Stars. Festivaldirektor Dieter Kosslick legt eigentlich großen Wert darauf, mit internationalen Größen wie George Clooney und Meryl Streep zu posieren. Dieses Jahr musste er sich im Wettbewerb mit Richard Gere zufrieden geben. Hugh Jackman kam mit "Logan" erst am letzten Wettbewerbstag  außer Konkurrenz vorbei. Für das ganz große Kreischen am roten Teppich sorgte nur Robert Pattinson, der im Berlinale Special "The Lost City of Z" vorstellte. Penélope Cruz ("The Queen of Spain") dagegen sagte ihren Besuch in Berlin ab.

Was macht man als Festivaldirektor, wenn zum einen die großen Stars ausbleiben und der Wettbewerb zum anderem dem ewigen Trademark des politischen Festivals nicht gerecht wird? Man dankt den Filmemachern dafür, dass sie "die Welt mit Poesie retten", so Dieter Kosslick bei der Bärenverleihung. Dann schickt man noch eilig Grüße an den gerade in der Türkei verhafteten "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel – und lässt die Jury die Preise nach anderen Regeln vergeben: zum Beispiel an zwei verliebte Hirsche in einem verschneiten ungarischen Wald.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentare

  1. 1.

    Dieses Jahr scheint das Team beim RBB rund um die Berlinale Berichterstattung mit dem rechten Fuß aufgestanden zu sein. Keine Stars, schwache Berlinale, div. fragwürdige Filmkritiken usw.
    Ich empfand die Berlinale in diesem Jahr als sehr stark, aber das liegt sicher auch daran das mein Fokus nicht beim Wettbewerb liegt, auf den sich alle stürzen.
    Vor allem die Sektion der Generation hat in dirsem Jahr wieder ihre Stärke gezeigt und Filme gekührt, die mutig waren und für Diskussionstoff sorgten.

    Eher ist es also so, das die Berichterstattung zur Berlinale langweilig war, weil (mal wieder) keiner der größeren Medien auch nur ansatzweise über den Tellerrand geblickt hat. Es ist immer einfacher den Fokus auf den roten Teppich am Berlinalepalast zu begrenzen... Mutige Filme gibt es aber auch in den anderen Sektionen! Da sind dann halt weniger der US Stars zu sehen, doch darum geht es doch garnicht. Wenn ich die US Suppe sehen will, dann schaue ich mir die Oskarverleihung im TV an.

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