Dieter Kosslick und Ildikó Enyedi bei der Berlinale-Preisverleihung (Quelle: dpa / G. Fischer)
Video: rbb Aktuell | 18.02.2017 | Petra Gute

Berlinale-Jury kürt "On Body and Soul" - Goldener Bär für eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Die Berlinale Jury hat entschieden – und die wohl außergewöhnlichste Liebesgeschichte des diesjährigen Wettbewerbs mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. In "On Body and Soul" zeigt die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi die traumhafte Annäherung zweier Außenseiter.

Der Goldene Bär der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin geht nach Ungarn. Ildikó Enyedis Liebesfilm "On Body and Soul" (Teströl és lélekröl) hat am Samstagabend den Hauptpreis der Berlinale gewonnen. Das gab die Internationale Jury unter Vorsitz des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven bekannt.

Der Film ist die zärtliche Erzählung über zwei Außenseiter, die sich ausgerechnet in einem Budapester Schlachthaus ineinander verlieben. Das verspielte Kunstkino galt vielen als die außergewöhnlichste Liebesgeschichte des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs.

Nach ihrem gefeierten Debüt "Mein 20. Jahrhundert" (1989) war es still geworden um die ungarische Filmregisseurin Ildikó Enyed, nun kann sie den wichtigsten Preis der Berlinale mit nach Hause nehmen: "Hier zu sitzen, und das Publikum zu beobachten, war ein Wendepunkt für uns. Das werde ich nie vergessen", erklärte sie gerührt, als ihr Jury-Chef Paul Verhoeven den Goldenen Bären überreichte.  

"Pokot" – Silberner Bär für neue Perspektiven

Nach dem zehntägigen Kinomarathon – rund 400 Filme, davon 18 im internationalen Wettbewerb – ähnelte die Preisvergabe einem schnellen Sprint, moderiert von Anke Engelke im schwarzen Federkleid ("Ich wollte das Kleid eigentlich schon bei der Eröffnung anziehen, aber es war noch zehn Tage in Quarantäne - Verdacht auf Vogelgrippe").

Insgesamt fünf Frauen haben Regie geführt bei den diesjährigen Wettbewerbsbeiträgen, das ist bei 18 Filmen noch nicht einmal ein Drittel. Umso bemerkenswerter, dass noch eine weitere Regisseurin einen Silbernen Bären in den Händen halten konnte: Für "Pokot" (Spoor) erhielt die polnische Regisseurin Agnieszka Holland den Alfred-Bauer-Preis. Mit ihm werden Filme ausgezeichnet, die der Filmkunst neue Perspektiven eröffnen. Der Film ist ein Öko-Murder-Mystery Drama in serialer Erzählweise, in dem die Natur sich gegen die Menschen wendet. Jäger ziehen durch die polnischen Wälder, doch die Tiere schlagen zurück. Es ist ein verschrobenes Verwirrspiel mit einer eindeutigen moralischen Weltsicht. "Wir leben in sehr schwierigen Zeiten. Wir brauchen Filme, die mutig sind und Themen ansprechen, die für unsere Planeten wichtig sind", so Holland bei der Preisverleihung.

Alain Gomis hat auf der 67. Berlinale den Silbernen Bären für seinen Film "Félicité" gewonnen (Quelle: dpa/AP/Markus Schreiber)
Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis.

Starke Frauenporträts: "Félicité" und "A Fantastic Women"

Zwei weitere Filme über starke Frauen wurden an diesem Abend mit der Silbernen Trophäe geehrt. Den Großen Preis der Jury für den zweitbesten Langfilm des Wettbewerbs erhielt Alain Gomis für Felicité. In der senegalesischen Ko-Produktion erzählt Gomis die Geschichte einer Barsängerin aus Kinshasa, die ihre Eigenständigkeit gegen alle gesellschaftlichen Widerstände behauptet: "Es ist ein Film über und für die Menschen in Kinshasa", so Alain Gomis, "wir werden etwas aufbauen!"

Für das Drehbuch von "Una mujer fantástica" (A Fantastic Women) erhielten Sebastián Lelio und Gonzalo Maza einen Silbernen Bären: "Ach, es gibt tatsächlich nur einen einzigen Bären für beide", vergewisserte sich Maza auf der Bühne bei der Preisübergabe. Lelio, der auch Regie führte, widmete den Preis der Hauptdarstellerin Daniela Vega. Sie spielt die Transgender-Frau Marina, die sich nach dem Tod ihres Liebsten gegen allerlei Zumutungen behaupten muss. Das filmische Plädoyer für sexuelle Selbstbestimmung erhielt auf der diesjährigen Berlinale auch den Teddy Award, den weltweit bedeutendsten queeren Filmpreis.

rbb|24 berichtete live vom toten Teppich vor der Bären-Gala

Bär für die Beste Regie kommt zu Aki Kaurismäki

Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki hatte während der Berlinale angekündigt, dass er aus dem Filmgeschäft aussteigen will. Ob er es wahr macht, wird sich zeigen. Nun haben die Internationalen Filmfestspiele Berlin den Finnen mit dem Silbernen Bären für seinen melancholischen Film "Toivon tuolla puolen" (Die andere Seite der Hoffnung) ausgezeichnet. Kaurismäki war an diesem Abend der einzige Preisträger, der seine Trophäe nicht auf der Bühne entgegennahm, sondern einfach im Kinosessel sitzen blieb: "Wenn der Mann nicht zum Bären kommt, kommt der Bär halt zum Mann", kommentierte Moderatorin Anke Engelke.

67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 18.02.2017, Preisverleihung der Bären: Kim Minhee nimmt den Silbernen Bären als beste Darstellerin für den Film "On the Beach at Night alone" entgegen (Quelle: dpa/Gregor Fischer)
Kim Minhee ist die Hauptdarstellerin in "Bamui haebyun-eoseo honja" (On the Beach at night alone).

Österreicher Georg Friedrich und Koreanerin Kim Minhee sind die Besten Darsteller

Für ihr facettenreiches Spiel als unglückliche Schauspielerin Younghee, die sich in einer Krise eine Auszeit in Hamburg nimmt, wurde die Südkoreanerin Kim Minhee geehrt. Die Komödie "Bamui haebyun-eoseo honja" (On the Beach at night alone") von Hong Sangsoo lebt von der herausragenden Darstellerin, die zuletzt auch in dem Film "Die Taschendiebin" von Chan-Wook Par zu sehen war.  

Bester männlicher Hauptdarsteller wurde der Österreicher Georg Friedrich in Thomas Arslans Roadmovie "Helle Nächte". In der Geschichte über eine vorsichtige Annäherung zwischen Vater und Sohn überzeugt Friedrich, der sich für den Preis mit einem Gedicht von Stephen Crane bedankte, als verunsicherter Mittvierziger in der Midlife-Crisis.

Die Bärensammler

Cutterin Bunescu für herausragende künstlerische Leistung geehrt

Völlig überrascht wurde die Cutterin Dana Bunescu mit dem Silbernen Bären für ihre assoziative, einfühlsame Montage in dem rumänischen Liebesdrama "Ana, mon Amour" von Călin Peter Netzer.  Die intimen Groß- und Nahaufnahmen, die zeitversetzte Erzählweise des Films fügen sich durch den sensiblen Schnitt zu einem ungewöhnlich lebensnahen und authentisch erzählten Beziehungsporträt, so die Jury.

Anke Engelke und Dieter Kosslik bei der Preisverleihung der 67. Berlinale (Quelle: dpa/Gregor Fischer)
Moderatorin Anke Engelke mit Festival-Chef Dieter Kosslick.

Dokumentarfilmpreis und bester Erstlingsfilm

Den in diesem Jahr erstmalig vergebenen Dokumentarfilmpreis konnte der in Ramallah geborene Raed Andoni für "Istiyad Ashbah" (Ghost Hunting) entgegennehmen. In einem realistisch anmutenden Setting spielen ehemalige palästinensische Insassen des Moskobiya-Verhörzentrums in Jerusalem Verhörsituationen nach und sprechen über die Erniedrigungen, die sie während der Haft erlebt haben. Er widme den mit 50.000 Euro dotierten Preis den vielen Palästinensern, die solche Verhöre ertragen mussten, sagte Raed Andoni.

Ebenfalls mit 50.000 Euro ist der Preis für den besten Erstlingsfilm ausgestattet. Er ging an das spanische Coming-of-Age-Drama "Estiu 1993" (Sommer 1993) von Carla Simón. Der Film über die sechsjährige Frida, die ihre Mutter verloren hat und sich nur zögerlich in dem neuen Zuhause bei ihrem Onkel einlebt, lief in der Sektion Generation Kplus.

Die Kurzfilm-Bären

Im Internationalen Kurzfilm-Wettbewerb konnte sich der portugiesische Regisseur Diogo Costa Amarante über einen Goldenen Bären für "Cidade Pequena" (Kleine Stadt) freuen. Sein Film zeigt die Gefühlswelt eines sechsjährigen Jungen, der Angst vor dem Tod hat, und die Reaktion seiner Mutter.

Der Silberne Bär ging an "Ensueño en la Pradera" (Träumerei in der Prärie) von Esteban Arrangoiz Julien, ein filmischer Essay über die schwierigen Lebensumstände in Mexiko und von der Gewalt, die das Land im Griff hat.

Insgesamt waren bei den 67. Internationalen Filmfestspielen Berlin rund 400 Produktionen aus aller Welt zu sehen. Vorsitzender der siebenköpfigen Jury war der niederländische Regisseur Paul Verhoeven. Die Berlinale endet am Sonntag mit einem Publikumstag, bei dem noch einmal einige Highlights gezeigt werden.

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