Der Regisseur Aki Kaurismäki aus Finnland bei der Berlinale 2017 (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)

Das sind die Favoriten der Berlinale 2017 - Bekommt Kaurismäki den Goldenen Abschiedsbären?

Der Wettbewerb ist vorbei, jetzt entscheidet die Jury. Am Samstagabend verleiht sie den Goldenen und die Silbernen Bären der Berlinale. Als großer Favorit gilt Aki Kaurismäkis "The Other Side of Hope" – gleich drei Gründe sprechen für ihn. Von Fabian Wallmeier

Ein älterer Herr, der mit der Eröffnung eines Restaurants einen neuen Lebensabschnitt beginnen möchte, und ein syrischer Flüchtling, der an Bord eines Kohlendampfers in Finnland landet: Diese beiden Figuren treffen in Aki Kaurismäkis "The Other Side of Hope" aufeinander. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Film am Samstagabend den Goldenen Bären gewinnt.

Jedenfalls sprechen drei Gründe dafür, dass Kaurismäki als strahlender Sieger aus dem an Höhepunkten armen Wettbewerb 2017 hervorgehen könnte: Erstens hat der finnische Star-Regisseur kurz nach dem Wettbewerbsstart im finnischen Fernsehen bekannt gegeben, dass er keine weiteren Filme mehr machen will. Es wäre also die letzte Chance, ihn zu ehren – und das gewiss nicht mit seinem schwächsten Film.

Entscheidung für Kaurismäki wäre künstlerisch gerechtfertigt

Zweitens brüstet sich die Berlinale ja traditionell damit, ein politisches Festival zu sein – und eines der politischen Themen der Stunde ist nach wie vor das Thema Flucht und Vertreibung. Voriges Jahr gewann die Doku "Fuocammare" den Goldenen Bären, ein Film über das Flüchtlingselend auf und vor allem vor Lampedusa. Mit "The Other Side of Hope" nun zum zweiten Mal in Folge einen Flüchtlingsfilm zu ehren, wäre zwar sehr vorhersehbar – aber künstlerisch wäre die Entscheidung, anders als im vergangenen Jahr, durchaus zu rechtfertigen. Und selbst wenn man den Film für künstlerisch schlecht hielte, könnte man sich eine etwaige Auszeichnung immer noch damit schönreden, dass Kaurismäki als einziger echtes 35-Millimeter-Filmmaterial auf die Leinwand des Berlinale-Palastes brachte. Der Goldene Bär wäre also auch ein Zeichen gegen die Digitalprojektion als alleiniger Kinostandard.

Drittens kommt der Film auch bei den Kritikern bestens an: Im Kritikerspiegel des rbb liegt er auf Platz 1. Als einziger Film kommt er im Durchschnitt auf 4 von 5 Punkten.

Filmszene aus dem Kaurismäki-Film "Other Side of Hope"

Favoriten der rbb-Kritiker: "The Party" und "Body and Soul"

Auf Platz 2 folgt Sally Potters "The Party" (3,83 Punkte), eine schwarze (und in Schwarz-Weiß gedrehte) Komödie im Kammerspielformat. Im klassischen Screwball-Stil geht es um Liebesbeziehungen und Enthüllungen, verbale Giftpfeile werden im Sekundentakt abgefeuert. Ein Goldener Bär für eine Beziehungskomödie? Dafür ist der Film dann wahrscheinlich doch zu harmlos.

Aber ein Silberner für die Darsteller? Patricia Clarkson, die mit ihren besonders boshaften Äußerungen aus dem exzellenten Ensemble herausragt, wäre eine würdige Preisträgerin. Auch Kristin Scott Thomas füllt ihre im Vergleich weniger spritzige Rolle perfekt aus. Und dann wäre da noch der schön gegen den Strich besetzte Bruno Ganz, der einen esoterisch die Welt umarmenden Dummschwätzer spielt.

Drei Frauen, vier Männer - Die internationale Berlinale-Jury

Zweiter Goldener Bär für Peter Cailin Netzer?

Auf Platz 3 der rbb-Kritiker liegt "Ana, mon Amour" (3,71 Punkte). Sollte der Film geehrt werden, wäre es schon der zweite Goldene Bär für den Regisseur: Peter Cailin Netzer gewann bereits 2013 mit "Mutter und Sohn". Dass der diesjährige Beitrag, ein zwischen den Zeiten springendes psychoanalytisches Beziehungsdrama, ebenfalls mit Gold geehrt wird, wäre aber eine Überraschung. Darstellerpreise für Mircea Postelnicu und Diana Cavallioti dagegen sind denkbar.

Schon wahrscheinlicher erscheint ein Goldener Bär für Platz 4 der rbb-Kritikercharts: Der ungarische Beitrag "On Body and Soul" (3,67 Punkte) von Ildikó Enyedi ist schräges Kunstkino und anrührende Liebesgeschichte zugleich. Zwei Kollegen lernen sich erst in gemeinsamen Träumen als durch den Wald laufende Hirsche und dann auch im wahren Leben lieben. Wunderbar spröde gespielt und kunstvoll fotografiert ist der Film obendrein. Silberne Bären für die Darsteller Alexandra Borbély und Géza Morcsányi wären ebenso nachvollziehbar wie für die Regisseurin oder Kameramann Máté Herbai.

Favoritin für den Drehbuch-Bären: Sally Potter

Eine Ehrung für die Kameraarbeit könnte auch Jérôme Alméras bekommen, der dafür sorgt, dass Volker Schlöndorffs "Return to Montauk" zumindest gut aussieht. Auch Acácio de Almeidas strenger Blick auf die Tristesse von "Colo" oder Pierre de Kerchoves dicht am Geschehen bleibende Handkamera in "Joaquim" kämen in Frage.

Eine Favoritin für den Drehbuch-Bären ist Sally Potter für "The Party", aber auch der vordergründig leichte Witz von Hong Sangsoos "On the Beach at Night Alone" hätte Chancen – oder sogar "Have a Nice Day"? Der chinesische Animationsfilm ist bei den rbb-Kritikern auf Rang 5 (3,57) gelandet, eine der Überraschungen des Wettbewerbs.

Viele Favoriten unter den Darstellerinnen

Bei den Darstellerinnen gibt es in diesem Jahr wieder viele Favoritinnen. Neben Alexandra Borbély, Kristin Scott Thomas und Patricia Clarkson hat etwa auch Daniela Vega beste Aussichten. Sie spielt in in "Una mujer fantástica" von Sebastian Lélio eine Transgender-Frau, die nach dem Tod ihres Liebhabers einer langen Reihe von Demütigungen ausgesetzt ist. Auch die in Hong Sangsoos "On the Beach at Night Alone" blitzschnell die Gemütslagen wechselnde Kim Minhee hätte den Bären verdient, ebenso Vero Tshanda Beye, die in ihrer ersten Kinorolle Alain Gomis' "Félicité" fast im Alleingang trägt.

Eine noch größere Favoritin ist aber Agnieszka Mandat. In "Pokot" spielt sie eine wehrhafte Tierschützerin. Der Film von Agnieszka Holland landete bei den rbb-Kritikern zwar nur im Mittelfeld (3,13), wurde aber in Gesprächen im Kinosaal immer wieder als Geheimfavorit gehandelt.

Richard Gere an die Wand gespielt

Und die Männer? Da ist das Favoritenfeld etwas kleiner. Neben Bruno Ganz und Géza Morcsányi überzeugte zum Beispiel das Hauptdarsteller-Duo in Thomas Arslans "Helle Nächte": Georg Friedrich und Tristan Göbel spielen eindrucksvoll Vater und Sohn, die sich kaum kennen und nun auf einer Reise durch Norwegen zu ungewohnter Nähe verdammt sind. Auch Steve Coogan käme in Frage, der als weitaus giftigere Hälfte eines Bruder-Paars in Oren Movermans "The Dinner" Richard Gere mühelos an die Wand spielt.

Auch die beiden Männer im Top-Favoriten der rbb-Kritiker wären bärenwürdig: Sherwan Haji als junger Flüchtling und Sakari Kuosmanen als stoischer Neu-Restaurantbesitzer ergänzen sich zudem wunderbar.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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