Archivbild: Regisseur Andres Veiel (Quelle: imago/Seeliger)

Interview | Andres Veiel über seine Doku - "Ich würde mir wünschen, dass Beuys noch lebt"

Dokumentationen laufen selten in den Berlinale-Wettbewerb, doch Andres Veiel hat es geschafft. Sein Film über den Künstler Joseph Beuys hat am Dienstag Premiere. Im Interview spricht er über die Aktualität seines Films und seine persönlichen Beuys-Momente  

rbb|24: Herr Veiel, waren Sie verwundert, dass Sie mit einer Dokumentation in den Wettbewerb eingeladen wurden?

Andres Veiel: Es hat mit sehr gefreut. Nicht nur bezogen auf meinen Film "Beuys", sondern grundsätzlich, weil das ja auch ein Signal ist. Es ist meines Wissens der erste deutsche Dokumentarfilm, der im Wettbewerb um die Bären konkurriert. Das zeigt, die Berlinale hat erkannt, dass der deutsche Dokumentarfilm als Genre gemeinsam mit internationalen Spielfilmproduktionen im Wettbewerb laufen kann. Das ist ein ganz wichtiges Zeichen. Der Dokumentarfilm kämpft im Kino um Zuschauer und gerade jetzt in Zeiten von Diskussionen um sogenannte Fake-News ist er noch viel wichtiger geworden als Gegen-Entwurf oder sogar Gegengift.

Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, einen Film über Joseph Beuys zu machen?

Ich war 2008 oder 2009 in der Beuys-Ausstellung hier in Berlin im Hamburger Bahnhof und bin da auf einem Künstler gestoßen, dessen Kunst sich mit Geldströmen auseinandersetzt. Es ist eine Kunst, die sich weit aus dem Fenster lehnt und weit über Fett und Filz hinaus eine große Botschaft hat: Es kann nicht sein, dass wir immer mehr Kapital um die Welt fließen lassen, aber dabei die entscheidende Frage außer Acht zu lassen. Wozu ist das Kapital denn da? Es dient nur noch dazu, immer größeren Profit zu erzeugen, aber es fließt nicht dahin, wo es gebraucht wird. Ein kluger Satz, eine kluge Idee, dachte ich, passend natürlich zu der damals aktuellen Finanzkrise. Ich fand es extrem bemerkenswert, dass ich so einen Satz von einem Künstler höre, dessen große Fettquader im Museum stehen. Das war für mich ein Grund der Wiedervorlage: Mit diesem Menschen, mit diesem Künstler möchte ich mich beschäftigen. Der hat etwas zu sagen, das über das hinausgeht, was heute den Kunstdiskurs ausmacht. Damit ist er für mich hochaktuell, aktueller als viele heutige Künstler.

Sie haben es mit dem Wort Wiedervorlage angesprochen. Beuys war schon viel früher wichtig für Sie. Schon in Ihrer Jugend.

Ja, mitten in meinem Stuttgarter pubertären Erwachen. Als 17- oder 18-Jhriger bin ich mit meiner ersten Freundin nach Kassel getrampt. Eigentlich wollte ich sie küssen, aber dann standen wir vor diesem Fett-Berg, durch den sich ein Motor bewegte, und es gab Schläuche mit Honig. Das hat uns umgehauen. Zu der Zeit sollten wir an meinem Gymnasium Aquarell-Bilder malen und diese möglichst nochmal durch die Badewanne ziehen, damit die Farben nicht zu kräftig werden. Dieses Objekt von Beuys war ein Erwachen für mich, was Kunst sein kann, und ich habe mir gedacht, die Idee borge ich mir jetzt erstmal. Ich habe Margarine aus dem Supermarkt besorgt, Farbe reingefüllt, ein Bügeleisen zum Malen genommen, die Bilder irgendwo aufgehängt und dabei zugeschaut, wie es runtertropft.

Wir haben dieses Fett-Bild dann mitten im Stuttgarter Kunstverein aufgehängt, was natürlich die schwäbischen Museumsaufseher provoziert hat. "Das isch net versichert und außerdem gibt’s Dreck aufm Teppich", hieß es. Das hat uns schon genügt. Wir haben gemerkt, mit diesen Beuys’schen Methoden bringen wir die Stuttgarter Museumsordnung durcheinander. Wir haben vielleicht nicht viel verstanden von Beuys, aber für Stuttgart hat es gereicht. Die Stuttgarter Kehrwoche geht gegen jede Fettecke vor.

Ist dieser Wiederstand gegen Beuys und seine Kunst auch ein Teil Ihres Films?

Nur marginal. Der verspießerte Widerstand einer im Denken der 50er Jahre verhafteten Bundesrepublik ist nicht mehr aktuell. Wen provoziert denn heute noch eine Fettecke? Man geht ins Museum, guckt sich das an, wundert sich mit welchen Beträgen die Kunst gehandelt wurde - und hakt es ab. Viel wichtiger ist ja, wo er heute provoziert, und das macht er nicht mehr durch seine Werke, sondern durch sein Denken. Das wollte ich zeigen mit diesem Film.

Was haben Sie in der dreijährigen Arbeit mit Archivmaterial neu an Joseph Beuys entdeckt?

Seinen Humor. Bei all dem, was er wie ein Missionar nach vorne gebracht hat, konnte er immer wieder über sich selbst lachen. Das ist sehr undeutsch für einen deutschen Künstler. Es ist geradezu erstaunlich, wie viel der Mann gelacht hat und das hatte selbst beim Sichten und Schneiden des Materials etwas Ansteckendes. Nur deswegen habe ich über Jahre im Schneideraum durchgehalten, weil es auf dem Weg immer wieder Belohnungen gab.

Gibt es eine Frage, die Sie Beuys gerne für Ihre Dokumentation gestellt hätten?

Ich würde mir wünschen, dass er noch lebt. Ich wäre ihm gerne begegnet. Das ist der Wermutstropfen, dass ich ihn nur über das Archivmaterial kennengelernt habe. Da gab es ganz oft den Moment, dass ich gerne dabei gewesen wäre: Eingreifen, auch mit ihm streiten, irgendwas erfahren, was ich nie mehr erfahren kann, weil vielleicht gerade da das Material am Ende war oder der Ton nicht mehr zur Verfügung stand. Er fehlt mir.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Soyez.

Kommentar

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1 Kommentare

  1. 1.

    Es empfiehlt sich neben dem Film auch Originaltexte von Beuys wahrzunehmen, vgl. www.fiu-verlag.com
    Danke! Rappmann

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