Kate Shortland, Regisseurin des Films "Berlin Syndrome", der auf der Berlinale 2017 im Bereich "Panorama" Premiere feiert (Quelle: Privat)

Interview | Psychothriller "Berlin Syndrome" - "Ich fühle mich gleichzeitig fremd und vertraut hier"

Eine Wohnung in einem verlassenen Hinterhaus in Berlin-Kreuzberg wird zum Schauplatz krankhafter Obsession und Gewalt. Cate Shortlands "Berlin Syndrome" läuft im Panorama der Berlinale. Der Psychothriller spiegele auch die besondere Geschichte der Stadt wider, erklärt die Regisseurin im Interview.

rbb|24: Cate Shortland, was hat Sie an dem Stoff von "Berlin Syndrome" interessiert?

Cate Shortland: Die unterschiedlichen Charaktere und die extreme Situation, in der sie sich befinden. Clare ist eher ängstlich, verunsichert, wie viele Australier fühlt sie sich ein wenig minderwertig. Im Laufe des Films – auch als sie erkennt, dass sie vielleicht sterben muss – wird sie stärker.

Andi ist ein Soziopath, ein Kontrollmensch. Es geht um Sex, Gewalt, die Idee von Macht und Metamorphose. Beide Charaktere verweigern sich der Normaltät. Clare sucht Liebe, Andi sucht Perfektion und Kontrolle: Er findet in ihr seine Traumfrau und tut alles, um diese Illusion zu behalten.

Max Riemelt und die Australierin Teresa Palmer tragen dieses beklemmende Psychodrama auf beeindruckende Weise. Wie haben sie sich für die Rollen vorbereitet?

Wir haben etwa zehn männliche Schauspieler gecastet und uns für Max entschieden, weil man ihm als Typen auf gar keinen Fall zutrauen würde, was er im Film tut. Wir haben vor Drehbeginn zwei Wochen lang in einem ganz ähnlichen Appartement die Rollen mit ihnen erarbeitet.

Ihnen wurden die Augen verbunden, damit sie auf eine instinktive Art, weniger rational, miteinander in Berührung kommen. Und das war gut. Ich ließ Max während der Dreharbeiten an schreckliche Dinge denken: Wenn wir ihn jetzt in einer bestimmten Szene auf der Leinwand sehen, hat sich dabei immer noch ein anderer Film in seinem Kopf abgespielt.

Schauspielerisch ist das Ergebnis wirklich bemerkenswert. Nun hätte ihr Film, ähnlich wie "Split" von M. Night Shyamalan, ein riesiger Erfolg hier in Deutschland, einfach mit der Gefangenschaft beginnen können. Warum war es Ihnen so wichtig, vorab eine Art Liebesgeschichte zu inszenieren und auch das normale Touristenleben, den Berliner Alltag zu zeigen?

Clare will geliebt werden, sie fühlt sich unsicher, alleine und sie braucht einen Mann, der sie erfüllt. Er sieht interessant aus, unterrichtet amerikanische Literatur, ist nett, ein guter Liebhaber, ist aber in seinem Wesenskern ganz anders. Diese charakterlichen Facetten wollte ich auch zeigen.

Der Titel "Berlin Syndrome" erinnert an das "Stockholm Syndrom", bei dem Geiselopfer die Nähe zu ihrem Entführer suchen. Ist das auch bei Clare der Fall? Warum hat sie sich nicht gewehrt, nicht widersprochen oder ist geflohen?

Andi behält die Kontrolle, er beendet Gespräche – außer, es sind Konversationen, die er selbst führen will. Deswegen gibt sie es ab einem gewissen Zeitpunkt auf, mit ihm reden zu wollen. Als er ihre Hand bricht, zieht sie sich endgültig zurück.

Es ist eine Art innere Flucht, denn sie realisiert, dass sie sterben könnte. Und sie akzeptiert das irgendwann – was eigentlich schrecklich ist. Aber: Sogar in einer schrecklichen Situation brauchen wir einander, haben wir Sehnsucht. Auch das wollte ich mir anschauen, ohne zu urteilen.

Welche Rolle spielt Berlin als Stadt und historischer Ort in Ihrem Film?

Es ist auch ein Film über Berlin. Andi ist ein Produkt seiner Umgebung, aufgewachsen in der DDR, einer schattenhaften Utopie. In gewisser Weise spiegelt ihre Beziehung einen totalitären Zustand wider, mit ihm als Diktator. Ein wichtiger Aspekt im Film ist die Rekreation von Utopien. Er will sich selbst, aber auch Clare, neu erschaffen. Doch dann langweilt ihn, was er kreiert hat – eine Frau in diesem Fall – und er sucht sich das nächste Opfer.

Clare kommt als Touristin, hat sie überhaupt ein Interesse an der Geschichte dieser Stadt?

Sie sucht einen cooleren, kultivierteren Ort als das australische Brisbane, wo sie herkommt. Sie erlebt die Stadt und ihre Geschichte wie in einem Fotoalbum: Sie hat eine romantische Idee von der DDR als einem System, in dem die Menschen Widerstand geleistet haben. Aber sie hat keine Idee davon, was es wirklich bedeutet hat, dort nicht herauszukommen.

Erst ganz am Ende des Films sieht sie die Leute auf der Straße als Individuen und echte Menschen. Auch das hat etwas mit Totalität zu tun. Sehen Sie sich an, was im Moment passiert: Die Macht ist in der Hand von Menschen ohne Ethik.

Konnte die Story ihres Films nur in Berlin passieren?

Ja. Vielleicht noch in Korea!

Sie haben 2012 bereits mit "Lore" einen Film über die direkte deutsche Nachkriegszeit gedreht. Wie vertraut ist Ihnen die deutsche Kultur?

Ich komme aus einer kleinen australischen Stadt mit einer wirklich wundervollen Nationalgalerie. Schon als junges Mädchen habe ich mir dort deutsche Kunst, etwa von Anselm Kiefer, angeschaut. Die Vorfahren meines Mannes waren übrigens deutsche Juden aus Charlottenburg. Ich fühle mich fremd und vertraut gleichzeitig hier.

Wie gut kennen Sie Berlin?

Wir haben zwei Jahre in Berlin gelebt, meine Kinder sind hier zur Schule gegangen. Ich wünschte, wir wären öfter hier. Ich mag es hier. Da ist ein Gefühl für Melancholie, das ich liebe – vor allem im Winter. Ich finde es aufregend, wie lebendig Geschichte und Politik hier ist, ein Teil der Konversation. Das ist erfrischend und inspirierend, wenn man aus einem Land kommt, wo eine solche Offenheit unterdrückt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Ula Brunner.

Beitrag von Ula Brunner, rbb|24

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1 Kommentare

  1. 1.

    Die Beziehung und Story von Clare und Aldi erinnert mich stark an den ebenfalls beeindruckenden Film "Haerte" von Rosa von Praunheim, der neulich im RBB lief.

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