Berlinale-Direktor Dieter Kosslick spricht über das Programm der 67. Berlinale (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Audio: Inforadio | 09.02.2017 | Interview mit Dieter Kosslick

Interview | Berlinale-Chef Kosslick - "Alle eint ein Quantum Hoffnung"

Der rote Teppich ist ausgerollt. Der Vorhang öffnet sich zur 67. Berlinale. Für Festivalleiter Dieter Kosslick ist es die 15. Im rbb-Inforadio erzählt er, warum er einen bestimmten Namen nicht nennen will, und welchen roten Faden er diesmal erkennen kann.

rbb-Inforadio: Haben Sie bei Ihrer 15. Berlinale eigentlich noch Lampenfieber?

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick: Jetzt nicht, wo wir gerade miteinander reden. Wenn ich aber auf dem roten Teppich stehe und die Autos anfahren, die Türen aufgehen, die Stars aussteigen, dann steigt auch bei mir noch der Puls.

Wovor haben Sie dann Angst? Davor, dass Sie Namen vergessen?

Die Namen nicht zu vergessen, ist übrigens ein großes Problem. Es gibt Leute, die können sich alle Namen merken oder zumindest die Vornamen. Die Amerikaner können sich übrigens gar keine Nachnamen merken, sondern nur Vornamen, aber darin sind sie großartig. Aber für den Fall, dass jemand vor mir steht und mir der Name nicht einfällt, habe ich eine Assistentin neben mir stehen.

Aber hinterher haben Sie doch bestimmt auch wieder ein gutes Gefühl, wenn alles reibungslos über die Bühne gegangen ist?

Naja, wenn man mal einen falschen Namen sagt, haben die Leute auch immer noch Humor. Wenn ich jetzt zu George Clooney Richard Gere sage, würde ihm vermutlich schon auffallen, dass da was nicht stimmt.

Catherine Deneuve vor vier Jahren auf der Berlinale mit Festival-Direktor Dieter Kosslick (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)
Ein gern gesehener Gast auf der Berlinale: Catherine Deneuve vor vier Jahren mit Festival-Direktor Dieter Kosslick

Das ist jetzt schon die 15. Berlinale. Gibt es Ihnen noch was, wenn Catherine Deneuve über den roten Teppich auf Sie zuschwebt und sagt: "Bonjour Dieter?"

Ja, das gibt einem was, weil es natürlich das Privileg ist nach so langer Arbeit, die man da getan hat. Und die sind ja alle auch charmant, das darf man nicht vergessen. Es gibt ganz wenige, die nicht charmant sind. Dennoch sind diese Momente große Erlebnisse, die sich schwer auskosten lassen, weil sie so schnell vorbei gehen. Wir stehen maximal eine halbe Stunde auf dem roten Teppich. Eine Umarmung dauert vielleicht eine Sekunde. Ich bringe die dann da rein und dann sehe ich die nicht mehr, weil dann schon die Nächsten kommen. Aber man sitzt manchmal dann doch vorher zusammen und redet darüber was passiert ist. Bei den Filmen, die dort das erste Mal gezeigt werden, fragt man mich natürlich auch, warum wir die ausgewählt haben und warum ich diesen Film genommen habe. Und natürlich sage ich dann immer: nur deinetwegen.

Gab es auch Erlebnisse bei denen Sie dachten: Den lade ich nie wieder ein?

Ja, auf jeden Fall. Und der ist auch bisher nicht wieder gekommen.

Der rote Schal ist immer dabei, habe ich gesehen. Ist das eigentlich immer der gleiche?

Ich habe zehn rote Schals. Das sind aber Schals von vor 15 Jahren, mit denen ich dort aufgetaucht bin. Es gibt keine neuen. Der neue Berlinale-Schal ist übrigens blau. Aber ich trage jetzt immer diesen roten, weil die Leute immer sagen: Ich trage einen roten Schal, obwohl ich gar keinen roten Schal trage, sondern einen grünen. Der einzige, der darüber traurig ist, ist Walter Momper. Bis ich kam, war er derjenige mit dem roten Schal.

Aber vielleicht geht es den Filmschaffenden genauso wie Ihnen: Sie können sich auch nicht alle Namen merken, aber wissen, das mit dem roten Schal ist der Festivalleiter.

(lacht) Ja, genau daran kann man sich orientieren und sagen: Der hat einen Schal an wie der rote Teppich.

Herr Kosslick, Sie haben gesagt: "Unser Programm ist der Gegenentwurf zu Homophobie, Fremdenfeindlichkeit, Flüchtlingspolitik, Islamismus und Anschlägen. Wir verbreiten Mut, Zuversicht und Humor." Was meinen Sie damit konkret? Welche Filme stehen dafür?

Als das Programm fertig war, haben wir nochmal drüber geschaut und überlegt, wo der rote Faden ist? Wir haben festgestellt, dass all unsere Filme zwar die Probleme schildern, die sie gerade aufgelistet haben. Dennoch sind die Filme anders geworden: Alle eint ein Quantum Hoffnung und großer Humor. Beispielsweise der neue Film von Agnieszka Holland, die eine Provinzgeschichte in Polen gemacht hat. Oder auch der erste Film von Josef Hader aus Österreich "Wilde Maus". Da bleibt einem zwar manchmal das Lachen im Hals stecken, aber trotzdem ist es befreiend. Das zieht sich durch das ganze Programm. Ich glaube die Leute lassen sich nicht irritieren. Ich habe ja auch mehrmals den Biermann-Song in diesem Zusammenhang zitiert: "Lass dich nicht verhärten". Dafür steht das Berlinale-Programm auch. Das werden die Leute dann wahrscheinlich auch wie eine Erfrischungsdusche genießen können, dass man auch mal wieder über den ganzen Irrsinn und seinen Darsteller, dessen Namen wir nicht nennen werden, laut lachen kann.

Der österreichische Schauspieler Josef Hader hat sein Regiedebüt der Berlinale 2017 (Quelle: dpa/Alexandra Wey)
Josef Hader hat im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb sein Regiedebüt mit dem Film "Wilde Maus"

Wollen Sie das eigentlich wirklich die ganze Berlinale durchhalten?

Mal sehen wie lange wir das schaffen. Aber wir haben es jetzt schon ziemlich gut geschafft. Das machen jetzt andere Leute nach. Für mich ist es jedenfalls der zukünftige ehemalige Präsident.

Welcher Film sticht für Sie ganz persönlich hervor? Ist es Django Reinhardt?

Django Reinhardt ist eher ein konventioneller Film. Das meine ich nicht negativ. Aber die Geschichte wird geradeaus erzählt. Ein Film, der eine völlig andere Machart hat und der auch der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb ist, ist der Film von Andres Veiel über Joseph Beuys - immerhin einer der größten Künstler, die wir hatten. Die Art wie Andres den Film zusammengefügt hat, zeigt, dass wir es auch hier mit einem großen Künstler zu tun haben. Man ist sehr beeindruckt, wenn man diesen Film sieht, vor allem von der Zeit in der Beuys seine neue Kunst präsentiert hat. Veiel hat meiner Meinung nach, eine sehr interessante Art gewählt, jemanden zu portraitieren.

Herr Kosslick, ich danke Ihnen.

Das Gespräch führte Sabine Dahl für das rbb-Inforadio. Dies ist eine gekürzte Variante. Das vollständige Gespräch können Sie bei Inforadio nachhören.  

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren