Josef Hader bei der Eröffnungsparty der 67. Berlinale (Quelle: imago/F. Kern)
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Interview | Josef Hader über sein Regiedebüt - "Wie ein Freispiel beim Flippern"

Der österreichische Schauspieler und Kabarettist erfindet sich nochmal neu. Mit seinem Regiedebüt "Wilde Maus" hat er es direkt in den Berlinale-Wettbewerb geschafft. Im Interview mit rbb|24 erzählt Josef Hader, warum der Filmtitel auch auf seinem Grabstein stehen könnte.

Der österreichische Kabarettist Josef Hader ist ein Geschichtenerzähler, er ist das Gesicht, die Stimme und Gestalt des ausgebrannten Brenners aus den Verfilmungen und Hörbüchern der Wolf Haas-Romane, er ist Schauspieler ("Vor der Morgenröte") und ab dieser Berlinale ist er auch Regisseur. Im Wettbewerb stellt er sein Regiedebüt "Wilde Maus" vor - die Geschichte eines von ihm selbst auch in der Hauptrolle gespielten Wiener Musikkritikers, der seinen Job verliert und sich an seinem Boss rächen will, während nebenbei sein ganzes Leben aus den Fugen gerät.

rbb|24: Wie aufgeregt sind Sie, dass Sie gleich mit ihrem ersten Film in Wettbewerb der Berlinale die ganz große Bühne bekommen?

Josef Hader: Ich nehme das schon als große Ehre wahr. Aber es macht den Film nicht besser oder schlechter. Für mich ist die größere Sensation, dass ich tatsächlich einen Film als Regisseur gemacht habe und dass er halbwegs etwas geworden ist. Das ist das Brot, und dann kann man noch was drauf schmieren. Der Wettbewerb der Berlinale ist da sehr, sehr toll, aber auch ein bisschen unwirklich.

Nicht auch ein bisschen unheimlich?

Nein. Ich habe ja nicht viel zu verlieren. Ich bin Kabarettist, Mitte 50, und habe meinen ersten Film gemacht. Das Ganze ist so ein bisschen wie ein Freispiel beim Flippern.

Die "Wilde Maus" ist eine kleine Achterbahn im Wiener Prater, die auch im Film vorkommt. Aber der Titel passt auch gut zu der Figur, die sie im Film spielen oder zu ihren Auftritten als Brenner. Ein kleines Wesen, das eigentlich keine Chanche hat, aber sich trotzdem auflehnt.

Aber auch zu allem - auch zu Josef Hader - passt "Wilde Maus" ganz gut. Vielleicht könnte man das auf meinen Grabstein schreiben. Ich spiele schon gern Figuren, denen erstens das Wasser bis zum Hals steht und die zweitens ein Stück weit trotzig sind.

Was alle Figuren, die ich spiele, oder die ich manchmal auch selbst schreibe, eint: Es sind immer trotzige Menschen. Trotz als Strategie, um sich zu wehren, wenn man eine dünne Haut hat, oder um wieder in eine Vorwärtsbewegung zu kommen, wenn man gerade einen Rückschlag erlitten hat.

Trotz verwende ich da gern und ich selbst bin auch ein sehr trotziger Mensch. Als kleiner Junge habe ich ganz schlecht Fussball gespielt. Da habe ich mir gesagt, irgendwann werde ich mal was können und ihr werdet alle noch schauen. Dieses Gefühl kann ich immer noch gut abrufen.

Aber eine verkleidete "Josef Hader"-Autobiografie ist ihr erster eigener Film deswegen nicht?

(lacht) In meinem Alter macht man auch bei einem Regiedebüt keine autobiografische Geschichte mehr. Ich war auf der Suche nach einer Geschichte, wo die Komödie wirklich etwas können muss. Eine Geschichte, die gefährlich ist, die auch schlecht ausgehen kann, und wo der Witz wie eine Erlösung daher kommt, weil der Rest einfach nicht witzig ist.

Ein Mann, der seine Arbeit verliert, der sich wehrt, der die Dosis immer mehr steigert und sich irgendwann sogar eine Waffe kauft - ich hatte immer das Gefühl, das ist eher etwas komödienfeindliches und überhaupt nicht lustig. Aber genau das war auf der anderen Seite der größte Anreiz, trotzdem eine Komödie zu versuchen.   

Warum hat es so lange gedauert bis zu Ihrem ersten Film als Regisseur?

Ich habe schon früher Drehbücher geschrieben und mit dem Gedanken gespielt, Regie zu führen. Aber ich bin immer im Arbeitsprozess steckengeblieben, weil ich zu viel Kabarett gespielt und mir zu wenig Zeit genommen habe, das fertig zu entwickeln. Die Änderung, die ich vor ein paar Jahren gemacht habe, war, dass ich das Kabarett zurückgeschraubt habe. Ich habe mir die Zeit gegeben, um zu schreiben. Seitdem sind andere Projekte entstanden, die riskant sind, aber auch der Gedanke: 'Was hast du zu verlieren? Eigentlich nix.'

Es ist eher wichtig, dass ich das letzte Drittel meines Lebens interessant mache. Für mich ist das Alter nicht nur was Böses - es ist sehr unangenehm natürlich - aber es hilft auch, bei bestimmten Dingen plötzlich loszulassen.

Ich muss nicht mehr jedes Jahr hundert Vorstellungen spielen und tausende Autobahnkilometer hinter mich bringen, sondern ich kann ein bisschen genauer mit der Zeit umgehen, die mir noch bleibt. Schreib ein paar interessante Sachen. Spiel bei einem Film mit, wo du nicht weißt, was dabei herauskommt. Riskier ein bisschen mehr. Du hast eh schon was bewiesen. 

Man könnte es sich ja auch bequem machen.

Davor bin ich gefeit, weil ich eine panische Angst davor habe, als Künstler uninteressant zu werden, zu versülzen, so vor mich hin zu machen und nicht mehr wahrzunehmen, was die jungen Leute tun. Nichts gegen alte Leute, aber ich habe gern eine gute Mischung.

Man sieht, dass man besser werden kann im Alter oder schlechter. Und man überlegt sich natürlich, wie man besser werden kann. Meine Strategie heißt: Beweglich bleiben, sich dehnen und strecken, damit man nicht einrostet.

Trotz und Dehnen hat Ihren Film "Die Wilde Maus" in den Berlinale-Wettbewerb gebracht. Glauben Sie, dass sie die große Aufmerksamkeit und den "Zirkus" genießen werden können?

Ich mag Zirkus eigentlich nicht. Aber wenn der Zirkus die Berlinale ist und ich das Zirkuspferd für meinen Film, dann mag ich das sehr gern.  

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Alexander Soyez

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