Paul Verhoeven Mai 2016 (Quelle:dpa/Remko de Waal)

Interview | Jury-Präsident der Berlinale Paul Verhoeven - "Kommt mir eine Erektion in den Kopf, dann drehe ich sie auch"

Filme voller Abgründe, Gewalt und Sexualität: Der Regisseur Paul Verhoeven hat mit "Basic Instinct" und "Total Recall" immer wieder provoziert. Im Interview spricht der diesjährige Jury-Präsident der Berlinale über Macht, Zensur im eigenen Kopf - und das Berliner Wetter.

Der diesjährige Jury-Chef der Berlinale, Paul Verhoeven, gilt auch mit seinen 78 Jahren noch als Provokateur. In den 1970er Jahren startete der Niederländer in seiner Heimat als Regisseur, ging in den 1980er Jahren nach Hollywood und bediente dort fast jedes Genre. Mit Arnold Schwarzenegger drehte er den Science Fiction Film "Total Recall". Sein Erotikthriller "Basic Instinct" provozierte mit erotischen Szenen und machte die Hauptdarstellerin Sharon Stone weltweit bekannt. Nachdem man gut zehn Jahr nichts von Verhoeven als Regisseur gehört hatte, ist sein aktueller Film "Elle" mitIsabelle Huppert derzeit einer der meistdiskutierten Film der Saison: In dem psychologischen Thriller wird eine erfolgreicheGeschäftsfrau vergewaltigt und tut so, als ob nichts passiert wäre.

rbb|24: Herr Verhoeven, waren Sie überrascht, als Dieter Kosslick Sie gebeten hat den Vorsitz der Berlinale-Jury zu übernehmen?

Paul Verhoeven: Ich habe ihn gefragt, ob er sich da wirklich sicher ist. (lacht) Ich werde ja nunmal wahrscheinlich als etwas kontroversere Entscheidung gesehen - als viele andere meiner Kollegen es gewesen wären.

Was heißt denn für Sie kontrovers?

Kontrovers heißt für mich, dass man Dinge macht, ohne dabei sofort die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen in Betracht zu ziehen. Das mache ich. Bei meinen Filmen, bei der Art, wie ich bestimmte Szenen angehe und bei den Geschichten, die ich erzähle. Ich zensiere mich nie vorher. Ich denke im Vorfeld nie daran, ob das ein Problem für irgendjemanden werden könnte. Auch wenn mir meistens schon vorher bewusst ist, dass es ein Problem geben könnte. Ich mache es ganz einfach trotzdem.

Das kann man auch als konsequent bezeichnen. Die Gefahr ist aber, dass die Kontroverse zum Selbstzweck wird.

Nein, das wäre Quatsch. Das wäre Provokation und das will ich ja gar nicht. Ich höre nur auf das, was in meinem Kopf passiert, wenn ich etwas lese. Ich versuche ja nicht mit Absicht kontrovers zu sein, sondern folge nur dem, was in mir entsteht. Kommt mir beispielsweise eine Erektion in den Kopf, dann drehe ich sie auch.

Der Begriff 'kontrovers' begleitet sie ja schon ziemlich lange.

Ja, von Anfang an. Schon als ich in den frühen 1960ern im Fernsehen für ein Kinderprogramm gearbeitet habe. Bei der Fernsehserie "Floris von Rosemund" gab es eine Folterszene. Viele Eltern waren damals ziemlich sauer, weil ihre Kinder das abends um sieben Uhr zu sehen bekamen. Aber so schlimm war es eigentlich nicht.

Die Welt basiert nun mal auf dem Konzept der Macht. Schauen Sie sich Trump an. Macht ist ein dominanter Faktor, und Macht ist Gewalt. Diese Gewalt ist im Grunde die Normalität, auch wenn sie oft hübsch oder harmlos verpackt ist. Ja, es gibt Schönheit, ja, es gibt Liebe, aber die anderen Sachen sind eben auch da. Zerstörung ist immer Teil eines Entstehungsprozesses - und das Beste an der Schöpfung ist Sex.

Das sind die wiederkehrenden Themen ihrer Karriere, die sich jetzt auch wieder in ihrem neuen Film "Elle" mit Isabelle Huppert finden: Sex und Gewalt.

Sex und Gewalt, ja, darauf können wir uns einigen. (lacht)

Aber das war nicht der Grund, warum sie Elle gemacht haben?

Nein, das ist nie Selbstzweck. Es ist eine spannende Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen und Trieben. Der wichtigste Grund für diesen Film war Isabelle Huppert. Und sie ist auch der Grund, dass der Film so spannend und tiefgreifend geworden ist. Es gab ja mal die Idee, diesen Film in den Vereinigten Staaten zu machen. Im Rückblick ist das eine völlig absurde Idee. Und selbst wenn - ohne sie in der Hauptrolle hätte es sowieso nicht wirklich funktioniert. Sie ist es, die alles zusammenhält. Sie schützt den Film, sie rettet ihn davor, zum Klischee oder zu banal zu werden. Sie schützt ihn auch davor, dass er unmoralisch oder kontrovers wird, auch wenn er am Ende dann doch sicherlich wieder so bezeichnet werden wird.

Sie wurde für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert, aber "Elle" hat es nicht unter die Nominierten "Bester Fremdsprachiger Film" geschafft. Waren Sie enttäuscht?

Anerkennung ist eine gute Sache, aber ich halte es da mit Woody Allen, der in einem Interview über den Umgang mit der Endlichkeit antwortete, dass er alle Preise und jedes Lob für einen einzigen weiteren Tag am Leben zurückgeben würde. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive: Einen Oscar zu bekommen ist nett, aber beispielsweise den nächsten Film zu machen ist besser.  

Sie haben einen vollen Februar: Sie werden Isabelle Huppert nach Los Angeles begleiten, und davor sind Sie zwei Wochen lang Gast und Jury-Präsident der Berlinale. Mögen Sie es, in einer Festivaljury zu sitzen?

In diesem Fall finde ich es auch für mich selbst sehr interessant. Nicht nur, weil es eine große Ehre ist, überhaupt gefragt zu werden und so eine Position auszufüllen, sondern weil ich so wirklich mal ein paar Filme sehen kann, die ich wahrscheinlich sonst niemals zu sehen bekommen würde. Ich würde wahrscheinlich nicht aus dem Haus gehen, um mir einen spannenden aber kaum bekannten Film aus irgendeinem weit entfernten Land anzugucken. Ich bin ja auch älter geworden. Und dazu kommt, ich könnte mir diese Film in Los Angeles gar nicht angucken, weil sie dort meistens gar nicht in die Kinos kommen. Da gibt es fast nur amerikanisches Kino.

Ich glaube auch, dass mir das wieder ein paar neue Sichtweisen und Eindrücke geben wird, die auf die eine oder andere Art auch in meine Arbeit und in mein Denken einfließen werden. Jeder Film, den man sieht, hat einen Einfluss auf einen Filmemacher und nicht nur wie bei mir beispielsweise die Filme von Hitchcock oder Fellini. Man steht als Filmemacher immer auf den Schultern von anderen Filmemachern.

Was erwarten Sie vom Programm?

Ich habe gehört, dass es ein politischeres Festival ist als andere, damit kann ich gut leben. Ich denke aber, dass wir als Jury nicht politisch sein sollten. Wir sollten Filme nicht deswegen gut oder schlecht finden, weil sie unseren politischen Ansichten ent- oder widersprechen. Und das Wetter schreckt mich übrigens auch nicht ab. Das kenne ich schließlich aus meiner Heimat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Alexander Soyez

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