Interview | Doku-Filmer Tian Dong - "Auf die Idee kann man wirklich nur in China kommen"

Eine Schule, die Kung-Fu mit Fußball verbindet: Der Abschlussfilm des gebürtigen Chinesen Tian Dong ist für den Dokumentarfilmpreis der Berlinale nominiert, der erstmals vergeben wird. Im Interview spricht Dong über die besonderen Bedeutung des Kung-Fu in seinem Heimatland.

rbb|24: Herr Dong, was ist Ihnen persönlich näher - Fußball oder Kung-Fu?

Tian Dong: Ich bin Fußball-Fan. Kung-Fu liegt mir nicht so, insofern trifft das Klischee, dass alle Chinesen Kung-Fu mögen, auf mich nicht zu.

Was verbindet denn die beiden Sportarten?

Eigentlich wenig. Für mich ist Kung-Fu eine sehr individuelle Sache, Fußball dagegen ist Teamwork, man spielt in einer Gruppe. Wenn in einer Mannschaft alle Messi oder Cristiano Ronaldo sein wollen, funktioniert das Team nicht. Deswegen finde ich es nicht wirklich sinnvoll, Kung-Fu beim Fußball einzusetzen. Auf die Idee kann man wirklich nur in China kommen.

Wie sind Sie auf das Thema Ihres Films gekommen?

Ich habe die Schule, um die es in meinem Film geht, selbst als Kind für ein Jahr besucht und fand das Thema spannend. Als ich dort meine Anfrage stellte, stand ich allein vor dieser riesigen Tür und habe geklopft. Weil Bürokratie in China eine große Rolle spielt, sagten mir alle, dass es unmöglich sein würde, direkt mit dem Kung-Fu-Meister zu sprechen. Aber ich habe einfach geklopft und noch am selben Tag habe ich ihm meine Idee vorgestellt. Er hat nicht gleich Ja gesagt, aber auch nicht Nein. Nach zwei Monaten, als ich wieder in Deutschland war, bekam ich dann eine Mail mit dem Okay für den Dreh.

Wie lange haben Sie gedreht?

Es waren nur 25 Drehtage, ich war aber vorher zweimal für Recherchen vor Ort: erst eine Woche allein, dann noch mal fünf Tage mit meinem Kameramann Christian Löhr.

Die Schülerinnen und Schüler, die im Film zu sehen sind, erzählen Ihnen sehr Persönliches. Wie ist es Ihnen gelungen, so sehr ihr Vertrauen zu gewinnen?

Ich glaube, das lag zum einen daran, dass ich nicht wie ein Regisseur gewirkt habe, sondern mich als ein Freund präsentiert habe. Wir haben vor dem Dreh dort zusammen gelebt und Fußball gespielt. Nach und nach haben sie sich an mich gewöhnt und an das, was ich vorhatte. Und dann hatte ich natürlich noch den Vorteil, dass ich selbst Chinese bin.

Bitte erklären Sie den Filmtitel "Eisenkopf"!

Eisenkopf ist wörtlich eine bestimmte Art von Kung-Fu, es gibt aber für mich noch eine zweite Bedeutung: Es ist auch ein Kopf, der wegen der Propaganda nicht mehr ganz frei denken kann. Alles muss in China gleich sein, niemand darf etwas anderes denken. Wie ein geschlossener Raum ohne Fenster.

Sie selbst sind nicht im Bild zu sehen, auch Ihre Fragen hört man nur an wenigen Stellen. Warum haben Sie sich für diesen distanzierten Stil entschieden?

Die Entscheidung habe ich schon bei der Recherche getroffen. Die Schule gehört mir nicht, das ist die Welt derer, die dort leben. Ich als Regisseur versuche, meine Individualität auszuklammern.

Der Schulleiter wird im Film als sehr strenger Mann gezeigt, der auch sehr hart mit seinen Schülern redet. Man erfährt aber auch, dass er offenbar sehr gut darin ist, Geldgeber für seine neue Schule zu gewinnen. An einer Stelle heißt es in einem Gespräch unter Schülern wiederum, er habe Ärger mit den Shaolin-Mönchen aus dem nahegelegenen Kloster. Er ist ein widersprüchlicher Mensch, oder?

Er mag auf westliche Zuschauer sehr unsympathisch wirken - aber in China ist jemand wie er eine ganz normale Figur. Jeder Chinese, ob Kind oder Erwachsener, akzeptiert das. Wenn jemand so einen Status erreicht, ist er immer so. Jedenfalls ist das die typische Maske für jemanden in seiner Position. Er muss sich so verhalten, auch wenn er es selbst nicht will.

Hat er Ihnen das gesagt?                                                                

Ich vermute das nur. Jeder Mensch hat viele Seiten und Rollen. Wenn er allein zu Hause ist, verhält er sich bestimmt ganz anders.

Ein Bild, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Man sieht im Badezimmer Tassen zum Zähneputzen säuberlich aufgereiht, die Zahnpasta-Tuben zeigen alle in dieselbe Richtung. Doch die Tassen selbst sind sehr bunt - und auf einer steht sogar sinngemäß: Alles ist scheißegal. Was sagt diese kurze Einstellung für Sie über das Leben dort aus?

Die Szene zeigt etwas sehr Privates. Man sieht daran, dass diese Kinder sich dort ganz normal fühlen. Es geht ihnen in dieser Schule nicht so schlecht, wie wir vorher dachten. Das wollte ich auch im Film zeigen: Die Kinder, die dort leben, finden es schon okay, dass sie dort sind. Sie leben in diesem Moment einfach dort und kennen es auch nicht anders. Sie haben es akzeptiert.

Bei vielen der Kinder hat man aber nicht den Eindruck, dass sie freiwillig dort sind. Die Eltern eines ihrer Protagonisten erzählen ja auch ganz offen, dass sie ihn nur mit einem Trick dorthin gebracht haben. Sind denn andere dort freiwillig?

In China schaut man als Kind viele Kung-Fu-Filme - und viele haben den Traum, ein Kung-Fu-Star zu werden, wie Bruce Lee oder Jackie Chan. Insofern gibt es schon auch Kinder, die dorthin wollten. In den meisten Fällen haben aber die Eltern sie dorthin geschickt, weil sie wegen der eigenen Arbeit keine Zeit hatten, sich jeden Tag um die Kinder zu kümmern.

Mit "Eisenkopf" haben Sie es in die Perspektive Deutsches Kino geschafft und sind auch gleich für den großen neuen Dokumentarfilmpreis der Berlinale nominiert. 16 Filme aus dem ganzen Programm sind mit dabei. Was machen Sie, wenn Sie tatsächlich gewinnen?

Ich werde von den 15.000 Euro erst einmal meine Kredite zurückzahlen. Für Ausländer gibt es ja leider kein Bafög. Und wenn dann noch was übrig ist, teile ich es mit meinem Team.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

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