Collage Bettina Rust vor dem Berlinale Palast; Quelle: © rbb/Oliver Kröning
Video: Berlinale Studio | 16.02.2017

Interview | Berlin-Serie "4 Blocks" - "Sollen halt alle nach Neukölln kommen"

Die Serie "4 Blocks" zeigt die Welt einer kriminellen arabischen Familie in Berlin Neukölln – gedreht mit Schauspielern und echten Clan-Mitgliedern. Wie tief taucht sie in die Realität ein? Anna Wollner hat den Regisseur Marvin Kren mit den Darstellern Kida Khodr Ramadan und Frederick Lau getroffen.

Die Berlinale kann nicht nur Film, die Berlinale kann auch Serie. Am Mittwoch hatte die Serie "4 Blocks" in der Sektion Berlinale Special Premiere. Ab dem 8. Mai laufen die sechs Folgen wöchentlich beim Pay-TV-Sender "TNT Serie", der sie auch selbst produziert hat.

In sechs Episoden erzählt der Regisseur Marvin Kren eine Geschichte über Freundschaft, Familie, Verrat und Schuld, mitten im Berliner Stadtteil Neukölln. Es ist eine Milieustudie der besonderen Art. Die Hauptfigur Toni, gespielt von Kida Khodr Ramadan, will aus den kriminellen Machenschaften seiner Familie aussteigen. Toni lässt sich aber nach der Verhaftung seines Schwagers auf einen letzten Deal ein und gerät in eine Abwärtsspirale aus Verbrechen und Intrigen.

Die Serie ist nah dran am echten Leben. Denn der Regisseur Kren hat teilweise mit echten Mitgliedern arabischer Großfamilien aus Berlin gedreht.

rbb|24: Was ist die Idee zu "4 Blocks"?

Marvin Kren: Es ist in allererster Linie eine Mafia-Serie. Eine Erzählung über eine kurdisch-libanesische Großfamilie, die ihre Geschäfte im Drogenmilieu macht - mit Schutzgelderpressung und Raubüberfällen. Wir erzählen aus dieser kriminellen Familie und wollen darauf kommen, wie es sich anfühlt, ein Verbrecher zu sein. Wie kommt es dazu, wie wird man Verbrecher und vor allem wie kommt man da wieder raus?

Herr Ramadan, die Serie spielt in Neukölln. Sie sind selbst in dem Kiez groß geworden, Wie viel von ihren eigenen Erfahrungen konnten Sie einbringen?

Kida Khodr Ramadan: Musste ich gar nicht so viel. Die Bücher waren schon sehr gut recherchiert. Klar habe ich die ein oder andere Sache ergänzt und mit Marvin und dem Autorenteam darüber gesprochen, was man noch verändern könnte. Aber der Regisseur hat das mit den Autoren schon alles sehr gut gestrickt.

Kren: Jungs wie Kida oder Veysel Gelin, der Kidas Bruder spielt, waren meine größte Inspiration. Ihre Geschichten und Erzählungen haben "4 Blocks" zu dem gemacht, was es jetzt ist. Die Autoren sind Deutsche, ich als Regisseur bin Österreicher. Wir kommen nicht von dort. Ich brauchte die beiden Jungs, um diese Authentizität glaubhaft zu erzählen.

Wie viele echte Kiezgrößen tauchen in der Serie als Schauspieler auf?

Ramadan: Ich hab drei, vier Kumpels als Komparsen mit ans Set geholt. Einer ist sogar aufgestiegen zum Boxtrainer, der hat sich etabliert und sogar Text gehabt. Der ist für mich kein Komparse mehr, das ist schon eine kleine Rolle. Aus einigen Komparsen wurden auf einmal Darsteller, weil es so authentische Figuren waren.

Herr Lau, wie vertraut war Ihnen als Steglitzer die Neuköllner Welt?

Frederik Lau: Ich sag jetzt nicht, dass ich mit "Clan-Members" abhänge, aber ich bin Berliner - und Berlin war für mich immer schon groß bis zur Oberbaumbrücke. Ich kannte mich da schon ein bisschen aus. Ich komme gebürtig aus Westberlin, bin da groß geworden. Insofern interessiert man sich dafür. Kida und ich sind beste Freunde, klar nimmt er mich ab und mit in die Shisha-Bars auf der Sonnenallee.

Wie sind Sie bei den Dreharbeiten in Neukölln im Kiez empfangen worden?

Kren: Erstaunlich freundlich und offen. Veysel Gelin und Kida waren ja immer mit dabei, jeder in Neukölln kennt die beiden. Da hatten wir generell schon total viel Props (Anerkennung, d. Red.) von den Jungs von der Straße. Und dann wussten ja auch alle, was wir für eine Geschichte erzählen.

Lau: Als wir eine Szene mit Autos auf der Sonnenallee gedreht haben, haben uns die Leute vom Bürgersteig aus zugejubelt. Ich glaube schon, dass die da positiv gestimmt sind - und auch stolz auf Kida und Veysel.

Mein Kumpel spricht perfekt Deutsch. Er kann sächsisch, bayrisch und tirolerisch, muss aber alle drei Monate zur Ausländerbehörde."

Aber trotzdem tauchen Sie in eine Welt ein, von der viele nicht wissen. Und die Leute, die in diesem Milieu agieren, wollen ja vielleicht ganz bewusst im Verborgenen bleiben.

Ramadan: Aber was tragen wir denn in die Öffentlichkeit? In der Öffentlichkeit ist doch schon genug gezeigt worden. Die Staatsanwaltschaft muss dafür sorgen, dass die Kriminellen gecatched (geschnappt, d. Red.) werden. Wir sind nur Filmemacher und Schauspieler und sorgen dafür, dass wir gute Unterhaltung machen.

Kren: Das Mafia-Genre ist ein Genre, das unterhalten soll. "4 Blocks" bleibt nicht nur stupide Verbrecher verherrlichend, wir versuchen unterschiedliche Facetten zu zeigen. Das Leben des Verbrechers ist ein Minusgeschäft. Er erzeugt nichts, er tut nichts Produktives.

Er ist kein Tischler, er nimmt Leuten was weg oder er verkauft Shit (Haschisch, d. Red.). Am Ende des Tages ist es ein ganz düsteres Bild. Währenddessen hat er sehr viel Spaß, aber wir erzählen, dass Verbrechen sich am Ende nie auszahlen.

Es gibt eine Szene, in der Toni, gespielt von Kida Khodr Ramadan, und seine Frau auf die deutsche Staatsbürgerschaft warten. Wie groß sind die aktuellen Bezüge?

Ramadan: Den Bezug gibt es schon seit dreißig, vierzig Jahren, aber nie wurde das so repräsentiert in den Medien. Das ist ein ganz großes Problem. Mein Kumpel ist mit drei Jahren hier her gekommen, der geht alle drei Monate zur Ausländerbehörde und lässt sich eine Duldung geben. Der darf Berlin nicht verlassen. Der Typ spricht perfekt Deutsch. Er kann sächsisch, bayrisch und tirolerisch, muss aber alle drei Monate zur Ausländerbehörde.

Kren: Das versuchen wir ja auch zu behandeln. Nicht dass den libanesischen, den kurdischen Familien oder den Familien, über die wir erzählen, die Waffe an die Brust gehalten wird: Du bist jetzt Verbrecher. Aber der deutsche Staat hat nicht viel dagegen unternommen. Deswegen gibt es diese verschiedenen quälenden Formen von Aufenthaltsstatus.

Die aktuelle Situation sollte uns ein warnendes Beispiel sein. Die Flüchtlingsbewegung in den 70er, 80er Jahren, mit der Kida nach Deutschland kam, hatte ganz andere Dimensionen. Viel kleiner. Da ging es um 30.000 bis 50.000 Menschen. Jetzt sprechen wir von einer Million. Die Anforderungen und die Verantwortung des deutschen Staates gegenüber den Flüchtlingen und der Integration ist enorm. Aber man muss sie leisten. Man muss was tun. Man muss einfach aus der Vergangenheit lernen.

Die Kellnerin spricht jetzt spanisch, jeder liebt Altbau und haste mal noch ein Loft da. Ich habe kein Problem damit, ich find es auch ganz sympathisch."

Herr Ramadan, Sie wohnen noch immer im Kiez. Wie nehmen Sie die Veränderung der Gentrifizierung wahr?

Ramadan: Ingwerminze und Eier im Glas mit Dill und sowas. Die Kellnerin spricht jetzt spanisch, jeder liebt Altbau und haste mal noch ein Loft da. Ich habe kein Problem damit, ich find es auch ganz sympathisch. Berlin wird bunt. Sollen halt alle nach Neukölln kommen - was soll’s. Viele Kollegen und Kumpels sagen: scheiß Hipster. Ich habe am Anfang auch so gedacht, aber inzwischen denke ich: ist doch auch ganz cool. Hat man was zum Lachen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anna Wollner.

Beitrag von Anna Wollner

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1 Kommentare

  1. 1.

    Nun bekommen Kriminelle eine eigene Serie als Plattform und der RBB bewirbt das auch noch. Ganz großes Kino...

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