Der Film "Insyriated" erzählt eine Familiengeschichte während des Bürgerkriegs

"Insyriated" gewinnt Publikumspreis der Berlinale - Familiendrama während des Bürgerkriegs

Der Spielfilm "Insyriated" zeigt, was es heißt, wenn Krieg zum Alltag gehört. Das Publikum der 67. Berlinale war von Philippe Van Leeuws Kammerspiel begeistert. Auch die Dokumentation "I Am Not Your Negro" konnte überzeugen.

24 Stunden im Leben syrischer Zivilisten – mitten im Bürgerkrieg: Davon erzählt "Insyriated", ein Spielfilm des belgischen Regisseurs Philippe Van Leeuw, der den Alltag im Ausnahmezustand fühlbar macht. Die Geschichte hat die Zuschauer der Berlinale am meisten begeistert. Der Film landet auf Platz 1 in der Publikumsgunst.

Knapp 29.000 Kinobesucher haben für den 19. Panorama Publikums-Preis abgestimmt. Verliehen wird der Preis von der Berlinale-Sektion Panorama gemeinsam mit der rbb-Welle Radioeins und erstmals in Kooperation mit dem rbb Fernsehen. Die Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg, Patricia Schlesinger, hat die Preise am Sonntag im Cinemaxx am Potsdamer Platz übergeben.

Wenige Einstellungen des permanenten Ausnahmezustands

"Insyriated" wurde im Libanon gedreht, weil es in Syrien zu gefährlich war. Die Story handelt von einer Familie und ihrer philippinischen Haushälterin, die sich sich in ihrer Wohnung in Damaskus verbarrikadieren. Das Wasser wird knapp. Doch jeder Gang nach draußen kann tödlich enden, weil sich auf den Dächern Scharfschützen positioniert haben.  Verzweifelt versucht man den Familienalltag aufrechtzuerhalten, während draußen der Krieg wütet. Man trifft sich mittags am großen Esstisch und versucht, gegen das Dröhnen der Bomben und Maschinengewehre anzusprechen.

Es braucht nur wenige Einstellungen, um den Zuschauer in den permanenten Ausnahmezustand eines Krieges hineinzuziehen. Die Wohnung, einst trautes Heim, ist zum Gefängnis geworden. Philippe Van Leeuws Kammerspiel zeigt Menschen in einer extremen Situation, die extremes Verhalten mit sich bringt.

Hauptdarstellerin Hiam Abbass ist übrigens eine alte Bekannte der Berlinale. Sie hatte auch schon die zentrale Rolle in dem Film "Lemon Tree", der 2008 den Publikumspreis bekommen hat.

Japanischer Film räumt schon wieder ab

Platz 2 geht an den japanischen Film "Close-Knit" (Karera ga Honki de Amu toki wa) von Regisseurin Naoko Ogigami. Die Japanerin erzählt die Geschichte eines elfjährigen Mädchens, das von ihrem Onkel und dessen Freundin aufgenommen wird, nachdem ihre Mutter sie verlassen hat. Die Transfrau Rino kümmert sich fürsorglich um Tomo und bietet ihr nicht nur liebevoll zubereitete Speisen an, sondern auch ein neues Zuhause. Doch bald bekommt die Idylle erste Risse.

"Close-Knit" hat bereits am Freitag den Spezialpreis bei den Teddy-Awards abgeräumt. Die Jury, die die besten Berlinale-Filme mit schwul-lesbischem und Transgender-Hintergrund ehrt, begründete die Auszeichnung auch mit Ogigamis natürlichen Dialogen und ihrem Sinn für Humor.

Geflecht von Schuld und Sühne in Ungarn "1945"

Auf Rang 3 hat es der ungarische Film "1945" von Ferenc Törok geschafft. Der Film spielt im August 1945, als zwei Überlebende des Holocaust aus einem Zug an einem Dorfbahnhof aussteigen. Schweigend begleiten sie einen Wagen, auf dem sie zwei Kisten transportieren. Sofort schwirren Gerüchte durchs Dorf. Haben die Männer Puder, Parfüm und Seife geladen, als Konkurrenz für den einheimischen Drogisten? Sind es Verwandte des früheren Ladenbesitzers, eines Juden, der von Dorfbewohnern denunziert und dann verschleppt wurde? Plötzlich liegt Angst über der Gemeinde. Denn viele waren verstrickt in die Verbrechen der letzten Jahre, durch Verrat, Schweigen und eiskalten Diebstahl.

Ferenc Török skizziert in "1945" das Geflecht von Schuld und Sühne.

Erinnerungen an Malcolm X und Martin Luther King

Dokumentarfilm-Publikumsliebling der Berlinale ist "I Am Not Your Negro" von Regisseur Raoul Peck geworden. Er inszeniert die 30 bislang unveröffentlichten Manuskriptseiten des bedeutenden US-Autor James Baldwin aus dem Jahr 1979. Sein Text "Remember this house" sind persönliche Erinnerungen an seine drei ermordeten Bürgerrechtler-Freunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King sowie Reflexionen der eigenen, schmerzhaften Lebenserfahrung als Schwarzer in den USA. Die Doku ist eine verstörende Einsicht in die bis heute vom Mainstream weitgehend ausgeblendete Wirklichkeit schwarzer Amerikaner. Samuel L. Jacksons Stimme verleiht der Sprache Baldwins einen angemessenen Ausdruck.

Regisseur Raoul Peck ist übrigens auf der Berlinale gleich mit zwei Filmen vertreten. Neben "I Am Not Your Negro" ist er mit dem Film "Der junge Karl Marx" in der Sektion Berlinale Special Gala vertreten, in dem August Diehl die Hauptrolle spielt.  

Eine Frau, die alle inspiriert hat: "Chavela"

Auf den zweiten Platz der Publikumswertungen in der Kategorie Dokumentation schaffte es "Chavela"von Catherine Gund und Daresha Kyi. Es ist ein liebevoller Porträt der mexikanischen Sängerin Chavela Vargas, die mit ihrer auffallenden Schönheit Frida Kahlo oder Ava Gardner den Kopf verdrehte, zeitlebens offen lesbisch lebte und Muse von Künstlern und Regisseuren wie etwa Pedro Almodóvar war.

Die Doku "Ghost Hunting" (Istiyad Ashbah) von Regisseur Raed Andoni ist an dritter Stelle in der Publikumsgunst gelandet. Andoni berichtet davon, wie er per Zeitungsanzeige ehemalige palästinensische Insassen des Moskobiya-Verhörzentrums in Jerusalem, die zudem Erfahrung als Handwerker, Architekten oder Schauspieler haben. Nach dem Casting lässt er in einer leeren Halle Verhörräume und Zellen der Gefangenen maßstabsgetreu nachbauen – immer in enger Abstimmung mit den Männern und basierend auf ihren Erinnerungen an den Ort.  

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