Der Musiker Django Reinhardt im Jahr 1946. (Quelle: AP)

Wer war Django Reinhardt? - Das Gitarren-Genie mit drei Fingern

Django Reinhardt gilt bis heute als Legende des Gitarren-Jazz. Nun setzt ihm "Django", der Eröffnungsfilm der Berlinale, ein längst überfälliges Denkmal. Das könnte spannend werden, denn sein Leben war ebenso unberechenbar wie seine Kunst. Von Ula Brunner

Django Reinhardt gehört zu den Künstlern, die bereits zu Lebzeiten eine Legende waren: Ein Sinti, der weder Lesen noch Schreiben gelernt hatte, dafür aber mit einem unglaublichen musikalischen Talent gesegnet war. Ein Mann, der einen katastrophalen Unfall überlebte. Ein Straßenmusiker, der Weltruhm erreichte.

Kein Wunder, dass Reinhardt hinreichend cineastischen Inspirationsstoff lieferte – etwa für den fiktiven Jazzgitarristen Emmett Ray in Woody Allens Hommage an die Swing-Ära "Sweet and Lowdown". Allerdings ist Etienne Comars "Django", der diesjährige Eröffnungsfilm der Berlinale, bislang das erste Kino-Biopic über den berühmten Gitarristen. Überflüssig zu sagen, dass das längst überfällig war.

Ein unstetes Leben

In einem Wohnwagen im belgischen Liberchies kommt Reinhardt am 23. Januar 1910 auf die Welt. Seine Eltern sind Manouches, französischsprechende Sinti. Der Vater Jean-Eugène ist Musiker, die Mutter Négros Tänzerin. Das Paar lässt den gemeinsamen Sohn auf den Namen Jean Baptiste Reinhardt im Geburtsregister eintragen, nennt ihn aber nur Django. Die Familie lebt in Südeuropa und Nordafrika und lässt sich 1918 – nachdem der Vater sie verlassen hat – in einer ärmlichen Wohnwagensiedlung am Rande von Paris nieder.

Hier in "La Zone", wo viele Sinti Station machen, entdeckt Django Reinhardt früh seine Liebe zur Musik. Als man dem Zwölfjährigen eine Banjo-Gitarre schenkt, schaut er sich die Fingersätze von den anderen Musikern ab, lernt ungeheuer schnell durch Nachahmen und tritt nach kürzester Zeit gemeinsam mit dem Akkordeonisten Guerrino in Cafés und Lokalen auf. Mit 18 Jahren heiratet er.

Reinhardt ist selbst bei den deutschen Besatzern beliebt

Vielleicht wäre Django Reinhardt niemals über den Status eines guten Unterhaltungsmusikers hinausgekommen. Aber zwei Ereignisse drängten sein Leben in andere Bahnen. Das erste ist eine Katastrophe, die ihn fast das Leben kostet: Im Oktober 1928 gerät sein Wohnwagen in Brand. Reinhardt wird schwer verletzt, Ring- und kleiner Finger seiner linken Spielhand bleiben verkrüppelt – dabei hatte er gerade seine erste Schallplatte aufgenommen. Er werde nie mehr spielen können, prognostizieren ihm die Ärzte. Doch Reinhardt beweist ihnen das Gegenteil. Mit zähem Üben eignet er sich eine Drei-Finger-Technik an, mit einer schnellen Schlaghand, virtuosen Läufen und Glissandi. Er setzt den Daumen ein und bestreitet seine Soli ausschließlich mit Zeige- und Mittelfinger.

Begeisterung für den amerikanischen Swing

Die Begegnung mit dem großen Jazzgeiger Stéphane Grappelli katapultiert Reinhardts Karriere endgültig in eine neue Dimension. Inspiriert durch ihre gemeinsame Begeisterung für amerikanischen Swing, gründen die beiden das Quintette du Hot Club de France. Eine Geige, drei Gitarren und ein Bass – mit Django Reinhardt als umjubelten Star mischt das Ensemble die farblose europäische Jazzszene auf.

Unermüdlich kreativ, denkt Django Reinhardt sich ständig neue Melodien aus, und lässt – da er selbst keine Noten schreiben kann – seine Stücke von anderen notieren. Die Zusammenarbeit mit ihm ist allerdings nicht immer einfach. Er ist ein unsteter Charakter, eigentümlich sorglos, zugleich eitel und egozentrisch. Manchmal taucht er nicht zu Proben auf, geht lieber Angeln, spielt Billard oder reist mit dem Wohnwagen nach Südfrankreich, um sich mit anderen Manouches zu treffen.

Die Band feiert Erfolge in ganz Europa und Reinhardt macht sich mit Hits wie "Dinah" auch jenseits des Atlantiks einen Namen. Als 1939 der Krieg ausbricht, trennt sich Grappelli von dem Quintett, Django kehrt nach Paris zurück. Während der Besatzung gründet er neue Ensembles, tritt allerdings bis Kriegsende weniger auf. Dass er nicht als "Zigeuner" deportiert und ermordet wird, ist seiner Beliebtheit zu verdanken - auch bei der deutschen Wehrmacht.

Auf US-Tour mit Duke Ellington

Nach dem Krieg scheint sich Reinhardt in einer Phase der musikalischen Neuorientierung zu befinden. Doch die US-Tour mit dem großen Duke Ellington 1946 gerät zum kleinen Fiasko. Django Reinhardt fühlt sich zurückgesetzt und taucht an einem Abend erst drei Stunden nach Konzertbeginn auf, was die dortige Musikszene mit bösen Kritiken quittiert. Der "Duke"  reagiert süffisant auf die Extravaganzen seines Kollegen: "Einer der Lieblingsaussprüche Djangos war: 'Vielleicht morgen'."

In New York entdeckt Reinhardt den Bebop. Zurück in Paris versucht er, den Stil auf der elektrischen Gitarre für sich zu erschließen und tritt sogar mit dem Trompeter Dizzie Gillespie in Brüssel auf. Doch zu einem wirklichen künstlerischen Neustart hat er keine Zeit mehr: Am 16. Mai 1953 bricht Django in seinem Lieblingscafé in Samois, wo er wie immer eine Partie Billard spielt, zusammen. Noch am selben Tag stirbt er mit gerade einmal 43 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Bei der Beerdigung legt man ihm seine Gitarre, wie es bei den Manouches üblich ist, als Grabbeilage neben den Sarg.

Django erfindet den europäischen Jazz neu

Privat war Django Reinhardt wohl ein typischer Bohemian: Geld bedeutet ihm wenig, er gibt es mit vollen Händen aus; er sorgt für seine Familie, genießt aber auch den Müßiggang, die Freiheit, das Feiern mit Freunden. Und natürlich liebt er die Musik. Sein Stil war auf seine Weise einzigartig: Elegant vereint er die musikalische Herkunft aus seiner Minouche-Kultur mit französischer Walzer-Folklore, swingendem Bepop und anderen Traditionen. Damit erfand Django Reinhardt den europäischen Jazz quasi neu. Zwar sagen manche, dass sein Spiel zu individuell und intuitiv war, als dass er eine wirkliche Schule begründen konnte. Doch bis heute strahlt sein "Gypsy-Swing" weit in die Musik hinein.

Beitrag von Ula Brunner

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