Filmstill aus dem DEFA-Science-Fiction-Film "Eolomea" (1972) von Herrmann Zschoche (Quelle: DEFA-Stiftung).
Video: rbb|24 | 10.02.17

Interview | Science-Fiction in der DDR - "Diese Astronautenanzüge und das alles - das war mir schnuppe"

Auch in der DDR wurden Science-Fiction-Filme gedreht - der Spacetrip "Eolomea" von 1972 kehrt am Freitag für die Berlinale ins Kino International zurück. Regisseur Herrmann Zschoche erzählt im Interview, warum er so einen Film nie wieder drehen würde - und wieso ihn die Leute für einen Außerirdischen halten könnten.

rbb|24: Herr Zschoche, "Eolomea" ist inzwischen 45 Jahre her. Jetzt läuft er im Rahmen der Retrospektive, die sich dem Science-Fiction Film widmet, auf der Berlinale. Wie schauen Sie heute auf Ihren Film zurück?

Herrmann Zschoche: Für mich ist er ein Nebenwerk, vielleicht der einzige klassische Genrefilm, den ich je gemacht habe. In diesen Tagen erfahre ich, dass "Eolomea" vielen Leuten wichtig ist. Das überrascht mich sehr.

Warum überrascht Sie das?

Offenbar gibt es einen festen, sehr begeisterten Publikumskreis, ähnlich wie vielleicht bei Indianerfilmen.  Mich selbst hat die Arbeit an diesem Film damals… naja vielleicht untertreibe ich jetzt (Pause). Wissen Sie, es passte mir damals eigentlich nicht rein, und ich hatte auch zu wenig Material, mit dem ich arbeiten konnte.

Noch heute bemerke ich, wenn ich den Film nach so vielen Jahren wieder sehe, dass mich dieser ganze technische Bereich eigentlich gar nicht interessiert. Ich hasse Zahlen, IBAN, Kabel und Stecker, meinen Computer. Als Mann ohne Handy erscheine ich den Leuten wie ein Außerirdischer (lacht).

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber: Den Eindruck hatte ich auch. Wenn man den Film ansieht, spielen die Raumschiffe, das All, die Technik eine komplett untergeordnete Rolle. Es geht um Kritik an der Obrigkeit, um Freiheit, um Mut.

Der Drehbuchautor Angel Wagenstein hat bei "Eolomea" damals ein ganz gutes Bild gewählt: Eine Herde Büffel steht eingezäunt auf einer Weide. Irgendwann wird das Gatter geöffnet und sie sind frei – aber sie bleiben stehen. Mit der Freiheit können sie nicht umgehen.

Das Thema hat bei "Eolomea" mein Interesse gefunden, die irdischen Menschen aus Fleisch und Blut, ihr Humor. Daneben enthält er diese subversive Bürokratiekritik. Ein Beispiel: In einer Raumkabine hängt ein Schild auf dem steht: "Nicht aussteigen, bevor der Zug hält", daneben ein olles Telefon. Sowas hat mir Spaß gemacht. Diese Astronautenanzüge und das alles - das war mir schnuppe.

Wie haben Sie all das an der DDR-Zensur vorbeibekommen? Ihr Film "Karla" war ein paar Jahre vorher verboten worden.

Wenn ich das wüsste. Aber Sie müssen sehen: Es gab auch Perioden der ideologischen Entspannung. Man muss sich die Kulturpolitik der DDR nicht so sehr in Beton gegossen vorstellen. Es war ein Auf und Ab, entlang der Linien des Kalten Krieges, wo es ja ebenfalls diese Phasen gab. Das wissen viele nicht, die nicht in dieser Zeit gelebt haben.

Wie kamen Sie zu der Arbeit an "Eolomea"?

Ich verkehrte in einer DEFA-Arbeitsgruppe, die ein Jahr zuvor schon "Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis" gemacht hatte, für damalige Verhältnisse ein aufmüpfiger Film (deutsch-sowjetische Romanverfilmung von Konrad Wolf, d. Red.). Angel Wagenstein war auch bei "Goya" Dramaturg gewesen.

Eines Tages legte er also das Drehbuch für "Eolomea" auf den Tisch und sagte: "Guckt mal, ich hab da was geschrieben. Vielleicht interessiert Euch das ja." Wolf war nicht interessiert, ich hatte nix zu tun – und dann hatte ich’s eben. Mehr nicht.

Sie haben dann mit Schauspielern aus sechs Ländern gedreht, an "Eolomea" waren Studios aus Moskau und Sofia beteiligt. Was hat das Ganze damals eigentlich gekostet?

Das war nicht mein Bier. Es hat sicher viel gekostet, aber es gab ja dann doch kein Material für das Geld. Wir konnten zum Beispiel keine Aluminiumplatten kaufen, die hätten sich in einem Science-Fiction-Film aber durchaus gut gemacht, wie Sie sich vorstellen können.

Die Architekten haben also mit den Werkleitern damals so manche Pulle getrunken, bis da doch was ging. Es war kriminell, an der Planwirtschaft vorbei, die haben gezaubert.

Wenn Sie den Film heute nochmal drehen könnten, würden Sie andere Themen wählen, um die Zukunft zu beschreiben?

Ich würde mich hüten, sowas überhaupt nochmal zu drehen. Es ist nicht mein Genre, es war ein Zufall unter meinen 20 Filmen - ein Außenseiter sozusagen. Ich habe auch währenddessen leider keinen Geschmack dran gefunden. Entschuldigen Sie, dass ich jetzt schon wieder lachen muss. Ich kann Ihnen dazu noch eine kleine Geschichte erzählen.

Bitte.

Ich habe mir mit meinem Kameramann von "Eolomea" später einen der drei DEFA-Science-Fiction-Filme im Kino angesehen. Den Titel darf ich jetzt nicht verraten. Wir haben die ganze Vorstellung lang so gelacht. Der Film war so kindlich, geschmacklich manchmal so daneben. Der Bösewicht war sagenhaft bitterböse, wenn Sie verstehen. Er hat sich mit einer Mundsprayflasche angesprüht, was das sollte, habe ich nicht verstanden. 

Gibt es überhaupt einen Science-Fiction-Film, den Sie bemerkenswert finden?

Nein, eigentlich nicht. (Pause). Warten Sie, wie hieß dieser Film von Kubrick, "2001 – Odyssee im Weltraum"? Das war ein paar Jahre vor "Eolomea" (1968, d.Red.). Da fand ich die Szene beeindruckend, in der eine Raumstation zu Walzermusik von Johann Strauss durchs All fliegt. Überhaupt, die Musik. An mehr erinnere ich mich nicht.

Werden Sie sich Ihr "Zufallswerk" auf der Berlinale ansehen?

Aber ja, ich bin ins Kino International eingeladen, da werde ich schon vorbeikommen. Die Science-Fiction-Reihe auf der Berlinale findet sogar bis in mein Provinzblättchen hier in Storkow.

Man könnte den Eindruck bekommen, plötzlich bekommt "Eolomea" die Bedeutung eines Fußballspiels. Aber vielleicht sollte ich darüber nicht so viel reden. Ich interessiere mich ja gar nicht für Fußball.

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb|24

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentare

  1. 1.

    Den Film über den Herr Zschoche gelacht hat war "Staum der Sterne" aus dem Jahr 1976. Ich mag diesen film weil er so abgefahren schräg ist!

Das könnte Sie auch interessieren