67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 18.02.2017, Pressekonferenz nacha der Preisverleihung der Bären: Die ungarische Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi wurde für ihren Film «Körper und Seele» («Teströl és lélekröl») mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. (Quelle: dpa/Gregor Fischer)

Filmkritik | Testről és lélekről / On Body and Soul - Küss mich, wenn ich träume

Eine etwas andere Liebesgeschichte eröffnete den Berlinale-Freitag. Der ungarische Spielfilm "On Body and Soul" der Regisseurin Ildikó Enyedi ist eine stille und zärtliche Erzählung über zwei Außenseiter, die durch ihre Träume zueinander finden. Von Patrick Wellinski

Dies ist die Geschichte von Maria und Endre, die sich an einem Ort des Todes ineinander verlieben. In einem Budapester Schlachthaus sehen sich die beiden zum ersten Mal. Maria beginnt gerade ihre Stelle als Qualitätsprüferin und wird von niemandem ernst genommen. Die schöne Frau leidet unter massiven Sozialphobien und wird von den Kollegen ignoriert. Nur dem älteren Vorgesetzten Endre fällt sie ins Auge.

Er versucht mit Maria zu sprechen und ist von ihrer Fixierung auf Zahlen und Ordnung irritiert. Doch ein Vorfall im Schlachthaus ruft neben der Polizei auch eine Psychologin auf den Plan. Sie soll alle Angestellten befragen. Dabei stellt sich heraus, dass Maria und Endre sich in ihren Träumen jede Nacht begegnen - und zwar als Hirsche.

Nahe Seelen, ferne Körper

Ildikó Enyedis "On Body and Soul" beginnt als fast schon sozialrealistisches Arbeitsplatzdrama. Die wunderbar ruhigen Bilder führen uns die Abläufe in dem Budapester Schlachthaus bis ins kleinste Detail vor Augen. Kühe werden betäubt, getötet, zerlegt und etikettiert. Maschinen und Mitarbeiter folgen eingeübten Arbeitsabläufen. Alle wirken freudlos und gelangweilt, wenn sie sich in der Kantine treffen.

Doch mit Endre und Maria schwingt sich der Film in zärtlich-romantische Welten. Die Annäherung der beiden Außenseiter zeigt die ungarische Regisseurin bedächtig und langsam aber nicht ohne Humor. Schließlich erkennen die beiden sehr früh, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes Seelenverwandte sind, erzählen sich regelmäßig von ihren gemeinsamen Traumannäherungen. Doch körperlich kommen die beiden nicht zusammen. Sie trauen sich nicht.

Kluges Drehbuch mit magischen Zufällen

Der Film führt dabei seine Figuren nie hinters Licht. Niemals werden Marias Ängste oder Endres gelähmter Arm billigen Gags geopfert. Vielmehr nimmt er ihre Ängste ernst, zeigt das Zögern und Zweifeln zweier Menschen, die ihren Gefühlen nicht trauen wollen. In dieser Vorsicht schwingt der ganze Schmerz und die Verzweiflung zweier Leben mit, die an Niederlagen und Abweisungen nicht arm waren.

Das unterstreicht das kluge und komplexe Drehbuch mit seinen starken Figuren und clever durchdachten Handlungsmotivationen. Und der fast schon magische Zufall, dass sich beide ausgerechnet in ihren Träumen begegnen, befeuert diese etwas andere Liebesgeschichte, deren meditativer Rhythmus nie langweilig wirkt. Zu groß die Gefühle, die hier verhandelt werden, zu berührend die beiden Protagonisten, denen man von der ersten Szene an nur das Beste wünscht.

Ungewöhnlichste Liebe der Berlinale

Regisseurin Enyedi ist keine Unbekannte im Filmfestivalzirkus. 1989 gewann sie in Cannes die Camera d'or mit "My 20th Century" und war daraufhin Dauergast mit ihren Spielfilmen bei der Filmbiennale in Venedig. Schon immer war sie dabei sehr nah an den Gefühlspolitik ihrer Figuren interessiert. Da war es nur konsequent, dass sie in den letzten Jahren vor allem für die ungarische Variante der TV-Serie "In Treatment" zuständig war. Mit "On Body and Soul" demonstriert sie eindrücklich wie sehr sie immer noch das Erzählen auf der großen Leinwand beherrscht und hat wohl - das lässt sich schon jetzt sagen - die ungewöhnlichste Liebesgeschichte dieses Berlinale-Wettbewerbs präsentiert.

Fazit: "On Body and Soul" ist ein Film für alle, die noch an die Liebe als Seelenverwandtschaft glauben, im Kino gerne ungewöhnliche Liebesgeschichten erzählt bekommen; und für alle, die dem Partner ihres Lebens zuerst in ihren Träumen begegnet sind.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Hannelore Heider (Quelle: rbb)

    Hannelore Heider

  • Stephan Karkowsky (Quelle: rbb/radio eins)

    Stephan Karkowsky

  • Filmbewertung Fabian Wallmeier (Quelle: rbb)

    Fabian Wallmeier

  • Anna Wollner (Quelle: rbb)

    Anna Wollner

  • Anke_Sterneborg (Quelle: rbb/ Gregor Baron)

    Anke Sterneborg

  • Reiner Veit (Quelle: rbb)

    Reiner Veit

Beitrag von Patrick Wellinski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentare

  1. 1.

    Mir ging diese Konfrontation dieser 2 besonderen Menschen- er mit seiner Körperbehinderung und sie mit diesen autistischen Zügen sehr nah. Ihnen gegenüber steht die Grausamkeit des Schlachthof. Sich hier die "Träume" zu bewahren und sich erfüllen zu lassen ist mit den langsamen Bildern eindrücklich dargestellt und macht nachdenklich. Als Ich heute das Kino verließ, war mir klar, dass mein erster Berlinale Film 2017 in seiner Besonderheit mich tief beeindruckt hat. Ich bedanke mich bei der Regisseurin und den Hauptdarstellern für Ihre Leistung

Das könnte Sie auch interessieren