Die Schauspieler Laua Linney und Richard Gere bei der Berlinale. Sie präsentieren ihren Film "The Dinner" (Quelle: dpa/Kay Nietfeld)

Filmkritik | The Dinner - Je später der Abend, desto trüber die Gäste

Zwei Cousins haben ein Verbrechen begangen. Jetzt sitzen die Eltern beim Abendessen zusammen und beraten, was zu tun ist. Dabei kommen dunkle Geheimnisse auf den Tisch. Oren Movermans Film "The Dinner" ist seiner Romanvorlage leider in jeder Hinsicht unterlegen. Von Fabian Wallmeier

Zwei Brüder und ihre Frauen treffen sich in einem edlen Restaurant zum Dinner. Sie müssen sich über eine schwerwiegende Tat beraten, die ihre Söhne begangen haben. Der eine Bruder ist arbeitsloser Geschichtslehrer, der andere ein erfolgreicher Politiker kurz vor dem wichtigen nächsten Karriereschritt. Das ist die Grundkonstellation von Herman Kochs Bestseller-Roman "Het diner", auf Deutsch "Angerichtet". Oren Moverman hat die Geschichte für seinen Film "The Dinner" von Amsterdam nach Pennylvania verlegt und amerikanisiert.

Dabei hat er einige schwer nachvollziehbare Entscheidungen getroffen: Statt den sich immer weiter verzweigenden Plot des Romans zu beschneiden, hat er ihn an manchen Stellen sogar erweitert - etwa durch Hinzufügen weiterer Ebenen und eines weiteren Familienmitglieds. Am Ende hat er ihn dafür verkürzt: Er lässt die Geschichte einfach unvermittelt im Nichts enden, wohingegen der Roman noch einen sehr bösen Epilog bereithält.

Am Anfang erstaunlich sarkastisch

Kochs Roman ist stark vom Sarkasmus seines Ich-Erzählers, des Ex-Lehrers Paul Lohman bestimmt, von seiner Verachtung für so ziemlich alles und ganz besonders den erfolgreichen älteren Bruder, der im Roman Serge heißt und im Film Stan. Moverman bekommt diesen Tonfall zunächst erstaunlich gut hin – erstaunlich, weil seine bisherigen drei Filme allesamt so bedächtig und elendsschwer daherkamen.

Paul geifert und ätzt noch viel mehr als der Paul im Roman, dessen Sarkasmus größtenteils über seine Gedanken und Erzählerkommentare vermittelt werden, nicht über seine Aussprüche. Darsteller Steve Coogan verleiht der Figur vor allem im ersten Drittel des Films eine sehr überzeugende Boshaftigkeit und Schlagfertigkeit.

Amerikanischer Bürgerkrieg als missratenes Leitmotiv

Doch leider hält Moverman diesen Tonfall nicht durch. Je später der Abend, desto trüber die Dinnergäste. Moverman lässt in Rückblenden all die Familiengeheimnisse, die der Roman geschickt nach und nach enthüllt, relativ plump und größtenteils viel zu früh auf den Tisch fallen.

Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn Moverman Paul und Stan (Richard Gere) auf eine Audio-Guide-Tour tief in die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs schickt - der im Film als Leitmotiv herhalten muss, das übrigens im Vergleich zum Motiv des Holocaust im Roman vollkommen unverständlich bleibt. Von einem dicken Rotfilter dramatisiert, rauschen nun Aufnahmen von Denkmälern vorbei, ein Störgeräusch weist uns den Weg ins dräuende Unheil. Dann sieht man die Brüder auf einer Treppe sitzen – und die nun folgende Enthüllung aus der Familiengeschichte verpufft nach all dem Schwulst folgenlos.

Richard Gere wirkt in "The Dinner" fast genauso fehlbesetzt wie in Movermans vorigem Film "Time out of Mind", in dem man ihm den heruntergekommenen Obdachlosen, den er spielt, nicht eine Minute lang abnimmt. In "The Dinner" gibt er nun den aufrechten Macher-Typen, nichts von der Mehrschichtigkeit und Verlogenheit der Figur im Roman vermag Gere zu transportieren. Neben dem eigentlichen Hauptdarsteller Coogan bleibt er blass, ebenso neben Laura Linney, die Pauls Frau Claire angemessen bedrohlich als zu allem bereite Löwenmutter spielt.

Der Running Gag verblasst

Moverman verliert auch das eigentliche Abendessen, den Dreh- und Angelpunkt der Plotkonstruktion, immer stärker aus den Augen. Selbst der ursprüngliche, schon im Roman nur mäßig originelle Running Gag, sich mit jedem neuen Gang über das Haute-Cuisine-Geprahle des Kellners lustig zu machen, verblasst immer weiter.

Wie genau die Dinnergesellschaft auseinander geht und welche Geheimnisse auf den Tisch gekommen sind, sei hier nicht verraten. Doch das ist nicht als Filmempfehlung zu verstehen – sondern als Lesetipp: Kochs "Angerichtet" nämlich ist ein lesenswerter, sauber konstruierter Unterhaltungsroman, Movermans "The Dinner" dagegen eine weitgehend missglückte Verfilmung.

Fazit: Richard Gere bleibt blass in Oren Movermans "The Dinner" nach dem sarkastischen Roman von Herman Koch. Auch ansonsten macht der Film bei der Adaption leider sehr viel falsch. Besser zum Buch greifen!

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2 Kommentare

  1. 2.

    In einer Kritik (erst recht in einer Festivalkritik wie dieser) kann man nicht immer alles zur Sprache bringen, was es über einen Film zu sagen gäbe. In diesem Fall habe ich mich auf den Vergleich mit dem Roman konzentriert, weil sich daran einiges festmachen ließ, was ich an dem Film misslungen fand.

    Mir ist natürlich bewusst, dass ein Film ein eigenständiges Kunstwerk ist - niemals möchte ich große, eigenständige Filme wie Kubricks "A Clockwork Orange", Tarrs "Werckmeister Harmonies" oder viele andere missen. Aber ist es deshalb unzulässig, das Kunstwerk Verfilmung mit dem Kunstwerk Roman zu vergleichen? Ich wüsste nicht, warum.

    Im Übrigen habe ich "The Dinner" in meiner Rezension durchaus nicht ausschließlich unter Bezugnahme der Romanvorlage kritisiert.

  2. 1.

    Herrn Wallmeiers "Kritik" muss man nicht zu Ende lesen -ich habe es um der Vollständigkeit willen getan (leider!) - er verrät schon im Vorspann wes Geistes Kind er ist, d.h., was er unter einer Romanverfilmung versteht. Und das ist in meinen Augen nichts Gutes: Offenbar muss für ihn ein Film wie die Romanvorlage gestrickt sein. Aber ein Film ist ein völlig eigenständiges Werk und die besten Romanverfilmungen, die ich gesehen habe, sind die, welche so gut wie nichts mehr mit dem Roman gemein haben. Jedenfalls nicht an der Oberfläche. Und um die scheint es Herrn Wallmeier geradezu obsessiv zu gehen.
    THE DINNER ist ein ungeheuer spannender Film über Amerika(!), und der Sarkasmus seines Erzählers entlarvt diesen als das, was er tatsächlich ist: ein geisteskranker, misanthropischer Wichser ohne jegliche Empathie, aber dafür mit einem Übermaß an Selbstmitleid. Und weil er seine Psychopharmaka abgesetzt hat, hat er seinen Job verloren. Aber auch das scheint Herrn Wallmeier entgangen zu sein.

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