67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 12.02.2017, Roter Teppich «Viceroy·s House»: Die Schauspielerin Gillian Anderson (Quelle: dpa/Britta Pedersen)

Filmkritik | Viceroy's House - Downton Abbey in Indien

Die folgenreiche Geschichte der Teilung Indiens erzählt Regisseurin Gurinder Chadha in knapp Eineinhalbstunden als Genremix mit Bollywood-Touch. Und das funktioniert erstaunlich gut. Von Ula Brunner

"Geschichte wird von den Siegern geschrieben" – mit dieser Einblendung beginnt der Film, bevor eine Panoramatotale den Blick auf "Viceroy's House" den opulenten Regierungssitz des britischem Imperiums in Delhi öffnet. Hier bringen die 500 indischen Bediensteten alles auf Hochglanz. Nach fast 200 Jahren nähert sich die britische Kronherrschaft 1947 ihrem Ende. Als letzter indischer Vizekönig reist Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) mit Gattin Edwina (Gillian Anderson) und Tochter Pamela (Lily Travers) an, um das Land in kürzester Zeit in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Der Mountbatten-Plan

Ihn erwartet eine schwierige Aufgabe, denn der Vielvölkerstaat wird erschüttert von blutigen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen Minderheiten einerseits, Hindus und Sikhs andererseits. Muslimische Politiker unter der Führung von Mohammed Ali Jinnah setzen sich nach zähen Verhandlungen mit ihrer Forderung nach einem autonomen islamischen Staat im Nordwesten Indiens durch. Die neugeborene Indische Union wird mit einer Zickzacklinie in zwei Nachfolgestaaten geteilt: die Indische Union und Pakistan. Das zieht den Tod und die Vertreibung von Millionen von Menschen nach sich.

Der britisch-indische Regisseurin Gurinder Chadha ist es erstaunlich gut gelungen, diese komplizierten historischen Zusammenhänge mit einem eingängigen Plot in 90 spannende Filmminuten zu packen. Mit einem gekonnten Genre-Mix aus Bollywood und Historienmelodram und einer prominenten Besetzung bedient sie bei der britisch-indischen Koproduktion auch das Kinopublikum beider Länder gleichermaßen.

Nicht zufällig finden wir ausgerechnet den Briten Hugh Bonneville, der als Patriarch in der Adelsserie "Downton Abbey" noch bestens in Erinnerung ist, als ehrbaren Lord Mountbatten in "Viceroy's House" wieder. Führte er dort die eigene Adelsfamilie durch die Wirren der Zeit, entscheidet er in "Viceroy's House" über das Schicksal eines ganzen Subkontinents. Der indische Palast wird zum Epizentrum des dramatischen Geschehens, und in geschickt verwobenen Parallelhandlungen erzählt Chadha eine Geschichte von "oben" und "unten".

Liebesgeschichte vor den Wirren der Weltgeschichte

Während Mountbatten, unterstützt von seiner klugen Gattin Edwin, all sein diplomatisches Geschick zum vermeintlich Besten des Subkontinents ausspielt, eskaliert die Situation auch unter dem indischen Palast-Personal. In diesem gefühligen Mikrokosmos der indischen Gesellschaft darf natürlich eine herrlich schmalzige Lovestory vor den Wirren der Weltgeschichte nicht fehlen: die junge Liebe zwischen dem Hindu Jeet (Manish Dayal) und der muslimischen Übersetzerin Aalia (gespielt von der gefeierten indischen Darstellerin Huma Qureshi) im harschen Konflikt mit den eigenen Glaubensgemeinschaften unterzugehen.

Regisseurin Gurinder Chadha, die mit der Multikulti-Fußballkomödie "Kick it like Beckham" 2002 international bekannt wurde, verarbeitet in "Viceroy's House" auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte. Sie sei "im Schatten der Teilung" aufgewachsen, ihre Vorfahren kommen aus der Provinz Punjab, die nach 1947 von der Grenze durchschnitten wurde. In "Viceroy's House" nutzt sie meisterhaft die Mittel des Mainstreamkinos, um Hintergründe und Konsequenz dieser kontroversen politischen Entscheidung zu beleuchten. Die hochemotionale Story wird mit humorvollen Episoden aufgelockert und beeindruckt mit herausragenden Schauspielern und stilistischer Brillanz.  Freilich vereinfacht sie vieles, doch das lässt sich verschmerzen. Ihr Geschichtsstück wird sicherlich sein Publikum erreichen.

Fazit: Die Geschichte der indischen Teilung in 90 Minuten funktioniert wunderbar als spannendes, wenn auch nicht allzu differenziertes, Mainstreamkino.

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2 Kommentare

  1. 1.

    Kleiner Fehler im Test:
    (..)"Während Mountbatten, unterstützt von seiner klugen Gattin Edwin, all sein diplomatisches Geschick zum vermeintlich Besten des Subkontinents ausspielt,(...) "

    Die Gattin von Lord Mountbatten hieß Edwina nicht Edwin....

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