Schauspielerin Daniela Vega freut sich beim Teddy Award 2017 in Abwesenheit des Regisseurs Sebastian Lelio über die Auszeichnung "Bester Spielfilm" für den Film "Una Mujer Fantastica" (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)

Filmkritik | Una mujer fantástica - Eine Trans-Frau kämpft um ihr Recht auf Trauer

Eine Transgender-Frau muss sich in "Una mujer fantastica" nach dem plötzlichen Tod ihres Freundes gegen allerlei Zumutungen behaupten. Sebastián Lelios Wettbewerbsbeitrag ist ein toll gespieltes, kaum kitschiges Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung. Von Fabian Wallmeier

Die ersten paar Minuten von Sebastián Lelios "Una mujer fantastica" trügen. Denn der Mann, der hier als Hauptfigur etabliert wird, ist gar nicht die Hauptfigur: Orlando geht in die Sauna, zur Arbeit, später mit seiner deutlich jüngeren Freundin Marina ihren Geburtstag feiern - und mit ihr ins Bett. Doch dann wacht er mitten in der Nacht auf, irgendetwas stimmt nicht. Marina fährt Orlando ins Krankenhaus, wo er kurz darauf stirbt.

Es ist kein neuer Kniff, eine Geschichte erst aus der Warte einer vermeintlichen Hauptfigur zu erzählen und diese dann plötzlich sterben zu lassen. Man kennt ihn spätestens seit Alfred Hitchcocks "Psycho". Doch hier ergibt er tatsächlich Sinn. Denn er etabliert die große Bedeutung Orlandos im Leben von  Marina. Das ist deshalb so wichtig, weil Sebastián Lelios Geschichte so der Gefahr entgeht, dieses Fundament der Geschichte zu vernachlässigen.

Demütigungen einer Transgender-Frau

Denn was der Film nun erzählt, geht in eine ganz andere Richtung: Marina hieß einmal Daniel, sie ist eine Transgender-Frau. Lélio zeigt nun eine lange Reihe von Demütigungen, die sie in der Folge von Orlandos Tod über sich ergehen lassen muss: Ein Polizist sieht ihren noch nicht angepassten Ausweis und redet sie konsequent in der männlichen Form an. Eine Kommissarin vom Dezernat für sexuelle Gewalt stellt ihr unangenehme Fragen und zwingt sie dazu, sich nackt von einem Arzt untersuchen zu lassen.

Vor allem aber ist Marina dem blanken Hass von Orlandos Familie ausgesetzt. Sie haben es nicht verwunden, dass er sie verlassen hat – und das für eine Frau, die in ihren Augen keine ist. Orlandos Ex-Frau bemüht sich erst noch um einen zivilen Ton, wenn es um die Nachlassregelung, die Übergabe von Orlandos Wohnung geht. Doch dann wirft sie Marina Worte wie "Perversion" an den Kopf, beschimpft sie als "Chimäre". Schlimmer noch ist Orlandos Sohn Bruno. Er nimmt ihr den Hund weg, den Orlando ihr geschenkt hat, und wird sogar handgreiflich.

Der Film zeigt aber nicht nur die Leidensgeschichte Marinas, sondern er blickt immer wieder auf Orlando zurück: Sie glaubt mehrfach, ihn zu sehen – und Lelio erinnert damit daran, dass es hier nicht nur um die Demütigung einer Transgender-Frau geht, sondern dass Marina in erster Linie schlicht eine Trauernde ist, die ihren Mann verloren hat.

Silberner Bär für Daniela Vega?

Die fantastische Hauptdarstellerin Daniela Vega verleiht der Figur eine stille Würde. Lelio setzt sie immer wieder äußerst gekonnt und ästhetisch in Szene: ihren schockstarren Augen etwa, als sie im Krankenhaus rückwärts vom Fenster zum Operationssaal zurückweicht, aber auch ihre herausfordernde Pose, als sie später aufzubegehren beginnt.

Darin liegt dann aber auch ein Makel des Films. Denn so sehr man es dieser Marina gönnt, dass sie sich wehrt, so sehr hat man auch den Eindruck, dass Lelio hier auf Altbewährtes zurückgreift. Schon in seinem Film "Gloria", der dem Chilenen auf der Berlinale 2013 den Großen Preis der Jury einbrachte, zeigte er ganz ähnliche Szenen eines weiblichen Aufbegehrens. Paulina García gewann damals für die Darstellung der Gloria den Darstellerpreis. Daniela Vega ist ihr in den Nuancen ihres Spiels noch um einiges überlegen – gut vorstellbar, dass sie in diesem Jahr einen Silbernen Bären mit nach Hause nimmt.

Die stärkste Einstellung in "Una mujer fantastica" kommt kurz vor dem Schluss. Eingebettet in einige Szenen, die einen Drall ins Kitschige haben, wird es hier ganz still: Marina sitzt auf ihrem Sofa, die Beine leicht angewinkelt. Sie ist nackt, doch ein Spiegel verdeckt ihre Scham. Die nächste Einstellung zeigt Marina von oben: Man sieht nur ein Stück Beine, etwas Bauch – und mitten im Bild ihr Gesicht im Spiegel zwischen ihren Beinen. Es ist ein eindringliches, berührendes Bild. Gerade in seiner Einfachheit und Wortlosigkeit macht es klar, worum es Lelio geht: Was die geschlechtliche Identität eines Menschen bestimmt, ist nicht zwingend das, was zwischen seinen Beinen ist.

Fazit: Sebastián Lelio hat einen berührenden, exzellent gespielten Film über eine Transgender-Frau gedreht, die sich in der Trauer gegen Demütigungen zur Wehr setzt. Ein bisschen zu viel Selbstzitat, hier und da zu viel Kitsch, aber ansonsten: "Una mujer fantastia" ist absolut sehenswert.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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