Jury-Mitglied und Schauspieler Diego Luna winkt am 14.02.2017 auf dem roten Teppich der Berlinale in die Kamera (Quelle: dpa/gregor Fischer)
Video: Berlinale Studio | 14.02.2017 | Vanessa Löwel

Filmkritik | Beuys - Der Mann mit dem Filzhut

Für manche war er ein Verrückter. Doch kein anderer hat wie Joseph Beuys mit seinen Aktionen zwischen Kunst und Aktivismus die Gemüter bewegt. Andres Veiel ist nun eine behutsame, fast zärtliche Annäherung an den berühmtesten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts gelungen. Von Ula Brunner

Für viele war er ein Spinner, ein Verrückter, ein Scharlatan, der "Hausmüll" als Kunst deklarierte und damit ein Vermögen verdiente. Für seine Fans war der Mann mit Filzhut und Anglerweste der große Zampano der politischen Gegenwartskunst. Unbestritten ist, dass Joseph Beuys (1921 – 1986), der berühmteste deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts war. Er selbst sah sich als Provokateur, der nichts geringeres wollte, als die deutsche Gesellschaft von Grund auf und nachhaltig zu verändern. Es ist heute schwer vorstellbar, wie sehr Joseph Beuys seit Mitte der Sechzigerjahre bis zu seinem Tod die Gemüter bewegt hat.

Veiel: "Beuys hat mich immens beeinflusst."

Seine Theorie "Jeder Mensch ist ein Künstler", wurde auf erdenkliche Weise kolportiert, zitiert, missinterpretiert und missverstanden. "Seine Arbeiten waren wie Dynamit in den schwäbischen 'Suburbs', wo ich aufwuchs", erklärt Regisseur Andres Veiel, der 1959 geboren wurde. Beuys habe ihn in den Achtzigerjahren "immens beeinflusst". Veiel, der einem größeren Publikum erstmals 2001 durch seinen Dokumentarfilm "Black Box BRD" bekannt wurde, versucht in seinem aktuellen Wettbewerbsbeitrag nun eine behutsame Annäherung an die Person und den Künstler.

600 Stunden Material gesichtet

In alle seinen Filmen nimmt sich Veiel viel Zeit für die Recherche: Detailgenauigkeit und Hintergründe sind ihm wichtig. Das hat dem Regisseur 2004 den Panorama-Publikumspreis für "Die Spielwütigen", eine Langzeitstudie über vier Schauspielschüler, eingebracht. Für "Beuys" hat Veiel zehntausende Fotos sowie 600 Stunden Video- und Audio-Material gesichtet, Interviews mit Zeitgenossen und Wegbegleitern geführt. Nach zwei Jahren Vorproduktion begann die Montage.

Eine solche Materialfülle birgt natürlich die Gefahr der völligen Überfrachtung. Doch mit einem offenen, assoziativen Erzählstil weckt Veiel geschickt unsere Neugier auf seinen Protagonisten. Die Statements von Weggefährten – etwa Beuys' Schüler Johannes Stüttgen oder sein Freund Klaus Staeck – kombiniert er in einer losen Montage mit Archivmaterialien.

Die vielen Gesichter von Beuys

Da ist der politische Aktivist Beuys, der seinen "erweiterten Kunstbegriff" in Podiumsdiskussionen, Reden und Fernsehinterviews öffentlich macht und dem man wegen seiner Proteste die Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie kündigte. Und da ist der Künstler Beuys, der "dem toten Hasen die Bilder erklärt" und schmunzelnd von den wütenden Anrufen erzählt –"Arschloch, Idiot" –, die jede seiner Kunstaktionen auslöst. Gerade das bestätige ihn: Denn er wolle aus der Reserve locken, etwas in Bewegung bringen. "Ich bin bereit, sofort hier zu provozieren." Geschickt zeichnet Veiel die gesellschaftlichen Spannungsfelder nach, in denen sich der Künstler Beuys bewegt.

Auch in diesem Film interessiert sich Veiel für die biografischen Konstellationen im Werdegang seines Protagonisten. Beuys erklärt, dass die Erfahrungen mit der NS-Diktatur und dem Zweitem Weltkrieg – "sie haben mich zurecht geschossen" - ein wichtiger Ausgangspunkt für sein Prinzip der "sozialen Plastik" gewesen sein könnte, das mit dem Denken und Aktionen die Gesellschaft selbst formen will.

Veiel sammelt Hinweise, Spuren, zielt aber auf keine finalen Erklärungen. Dafür wird auf berührende Weise der Mensch Joseph Beuys sichtbar. Sein lebenslanges Thema war die körperliche und seelische Verletzlichkeit des Menschen. Wie viel Humor und wie viel Mut gehört wohl dazu, sich derart rückhaltlos zu öffnen, wie es Joseph Beuys mit seinen Aktionen, Diskussionen und seiner Kunst immer wieder getan hat? Wer war Joseph Beuys? Auf fast zärtliche Weise lässt uns Veiel in seinem Dokumentarfilm selbst eine Antwort auf diese Fragen finden.

Fazit: Eine einfühlsam und klug erzähltes Künstler- und Zeitporträt – spannend auch für alle, die sich schon immer mal gefragt haben, was an Beuys eigentlich "Kunst" ist.

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